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Feuilleton


Oper Köln, Premiere 1. Juni 2006

La Cifra (Das Rätsel mit den Buchstaben)

Antonio Salieri

Dramma giocoso in zwei Akten | Libretto von Lorenzo Da Ponte
Musikalische Leitung: Martin Haselböck | Inszenierung: Christian Stückl | Bühne und Kostüme: Marlene Poley | Licht: Hans Toelstede | Chor: Andrew Ollivant

Andreas Hörl (Rusticone) | © Klaus Lefebvre



Wildwest im Swimmingpool

Antonio Salieri ist ja zumindest bei Mozartfans nicht gut gelitten, sagt man ihm doch nach, durch sein Zutun sei Mozart in Wien vieles verweigert und der Erfolg unmöglich gemacht worden. Aber Salieri ist unbestritten einer der erfolgreichsten Komponisten seiner Zeit gewesen. Und aus diesem Grund ist es der Oper Köln nicht hoch genug anzurechnen, dass die Wahl bei der letzten regulären Premiere dieser Spielzeit im großen Haus auf Salieris Dramma giocosa „La Cifra“ fiel, ein Werk, das 1789 in Wien uraufgeführt wurde.


Hauke Möller (Milord), Ausrine Stundyte (Eurilla) | © Klaus Lefebvre


Um es gleich vorweg zu sagen: Der Inhalt ist dünn, gut unterhalten wird man als Zuschauer trotzdem. Rusticone, Bürgermeister und Verwalter des heruntergekommenen Hotels Palace in einer italienischen Kleinstadt, führt mit seinen beiden Töchtern Eurilla und Lisotta ein ruhiges Leben, so lange, bis ein Geländewagen die Holzumzäunung durchbricht und die Schotten einfallen, genauer gesagt ein Milord, sein Gefährte Leandro und ihre Begleiter im Schottenrock. Der Milord sucht nach Olimpia, der verschollenen Tochter des Grafen von Clerval, den sein Vater damals vertrieben hatte. Damit droht er Rusticones Plan, Olimpia zu heiraten und so an ihr Vermögen zu kommen, zu durchkreuzen. Denn Rusticone weiß als Einziger, dass seine angebliche Tochter Eurilla Olimpia ist. Die Ereignisse überschlagen sich, Rusticone versteckt die Beweise, die sich in einem Kästchen befinden, und seine Tochter Lisotta will die vermisste Olimpia sein und düpiert dadurch ihren Freund Sandrino. Erst der Fund der Kästchens und die Entschlüsselung der Buchstabenfolge AIF – „Aprasi il fondo” – „Man öffne den Boden” – bringen Klarheit.


Andreas Hörl (Rusticone) | © Klaus Lefebvre


„Das Stück will unterhalten. Auf musikalisch hohem Niveau“, schreibt Dramaturg Oliver Binder im Programmheft und wünscht im Anschluss „Viel Spaß“. Regisseur Christian Stückl nimmt diese Anregung ernst. Klamauk regiert an allen Ecken, manches ist gelungen, manches weniger. Es beginnt schon damit, dass Rusticone aus einer Art Waschzuber aus Beton, dessen Rand später auch dazu dient, Cocktails abzustellen, Vögel abschießt, die allesamt ins Seifenbad abstürzen (bis auf einen, der auf dem Bügelbrett von Eurilla landet). Später setzt sich Sandrino einen Wildschweinkopf auf, der als Trophäe an der Wand hing, und versucht, die Schotten zu vertreiben. Leondro verteidigt sich am liebsten mit einem Bügeleisen (ohne Strom wahrlich keine sinnvolle Waffe) und kann daher auch nicht überzeugend behaupten, er habe das Wildschwein erlegt. Andreas Hörl gibt als Rusticone alles, rollt fürchterlich mit den Augen, bläst sich auf und rennt wie ein Berserker über die Bühne. Wer da nicht merkt, dass er etwas zu verbergen hat, hat keine Augen im Kopf. Und manchmal ist das einfach zu viel des Guten.
Anderes ist auch ganz ohne Klamauk lustig: z.B. Sandrino, der sich den kompletten zweiten Akt über zu erhängen versucht und zwischendurch frustriert auf einem Stapel Stühle unter dem präparierten Strick sitzt, weil niemand ihn ernsthaft von seiner Tat abhalten will. Gelegentlich aber wird die Inszenierung anbiedernd, vor allem durch die Modernisierung der Rezitativtexte, die im Gegensatz zu den italienisch gesungenen Gesangsnummern auf Deutsch zu hören sind. So passt es nicht wirklich, wenn Eurilla – vom Outfit und ihren Tätigkeiten her im Gegensatz zu ihrer Schwester Lisotta das Aschenputtelbild erfüllend – als „geile Schnitte“ bezeichnet wird. Und überhaupt wird das Spiel mit der Sprache gelegentlich übertrieben, wenn es auch dramaturgisch gut begründet ist. Die Schotten sprechen zu Beginn Englisch, und wenn der Milord auf Deutsch das Volk adressiert, dolmetscht sein Gefährte Leandro mit einigen Schlüsselworten auf Italienisch, auf die der Chor, also das Volk, dann auch brav reagiert.


Leandro Fischetti (Sandrino) | © Klaus Lefebvre


Musikalisch weiß der Abend zu überzeugen. Dirigent Martin Haselböck, Spezialist für historische Aufführungspraxis, dirigiert dynamisch und engagiert. Das Sängerensemble ist durchweg gut besetzt und spielfreudig. Viele Stücke aus der Oper sind sehr hörenswert, genannt seien hier z.B. Lisottas Arie „Non vo’ già che vi suonino“ mit ihrer effektvollen Begleitung durch das Orchester und Eurillas Arie „Alfin sol sola – Sola e mesta fra tormenti“ (übrigens beide bisher nur einmal auf CD eingespielt, auf dem Salieri-Album von Cecilia Bartoli). Es ist unverständlich, weshalb diese Musik kaum gespielt wird. Eine kleine Mozartspitze gegen Salieri gibt es dann aber doch. Zur Freude des Opernkenners sind Text- und Musikzitate aus der „Zauberflöte” eingeflochten: Rusticone singt Taminos Textzeile „Zur Hilfe, zur Hilfe, sonst bin ich verloren”, der Milord intoniert Paminas Satz „Die Wahrheit, die Wahrheit, und wär sie auch Verbrechen”.

Alles in allem ist es ein absoluter Gewinn, dass „La Cifra” wieder auf einer Opernbühne zu hören und zu sehen ist, trotz inhaltlicher Abstriche und trotz aller Klamauksperenzien, die Regisseur Christian Stückl eingefallen sind. Unterhaltsam ist es allemal.


Karoline Bendig - red / 15. Juni 2006
ID 00000002458
Antonio Salieri
La Cifra
Dramma giocosa in zwei Akten
Libretto von Lorenzo da Ponte

„La Cifra“ wurde musikalisch neu editiert von Martin Haselböck.
Die deutschen Dialoge wurden frei nach den Secco-Rezitativen der Oper eingerichtet.

Musikalische Leitung: Martin Haselböck
Inszenierung: Christian Stückl
Bühne und Kostüme: Marlene Poley
Licht: Hans Toelstede
Chor: Andrew Ollivant
Dramaturgie: Christoph Schwandt/ Oliver Binder

Eurilla: Ausrine Stundyte
Lisotta: Regina Richter
Milord: Hauke Möller
Sandrino: Leandro Fischetti
Rusticone: Andreas Hörl
Leandro: Andrés Felipe Orozco-Martinez

Premiere an der Oper Köln am 1.Juni 2006
Eine Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit ist geplant.

Weitere Aufführungen: Opernhaus • 17., 21., 23. Juni; 10., 14., 22., 24., 28. September; 1., 6., 8., 14. Oktober 2006

Weitere Infos siehe auch: http://www.buehnenkoeln.de/buehnenlite/operlite/index.htm






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