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Premierenkritik

Lauter Tot-Lebendige

DIE ÄGYPTISCHE HELENA an der Deutschen Oper Berlin


80 Jahre ist der Schinken alt. Und es ist, in der Tat, ein obzwar magerer aber sehr zäher Schinken. Mager, was das Stück betrifft, und zäh, was seine musikalische Substanz so hergibt und weswegen man sich schon die Zähne an ihm auszubeißen müht; also:

Dem Hofmannsthal ist mit Die ägyptische Helena wahrlich keine Ruhmestat geglückt. Was auch noch heute sehr verwundert, weil ja seine andern Stücke (fasthin alle), also die er für den Strauss zusammenschrieb, als generelle Meisterwerke des Librettos gelten können; ob Elektra, Rosenkavalier oder Frau ohne Schatten, Arabella... alles Stücktexte, die "zwischenmenschlich" funktionieren. / In Ägyptische Helena allerdings geht überhaupt nichts richtig auf; die Handlung ist nicht nacherzählbar, aber wenn man sie dann doch präzise liest: der kapitalste Schwachsinn, der im Schaffen Hoffmannsthals (für Strauss) zu registrieren ist. Antike wird bemüht. Ägypten drauf gelagert. Namen kommen vor, die keine Sau jemals zuvor, auch nicht in Lexika oder so ähnlich, nachgelesen haben könnte. Zaubereien. Viele Zaubertränke, einer zum Vergessen, einer zum Erinnern. Und von sogenannten Tot-Lebendigen oder Lebendig-Toten ist dann buchstäblicher Weise viel zu lesen. Himmel, Arsch und Zwirn!!!

Der Strauss bewegt sich in dem über zweistündigen Werk dann zwischen der Elektra und dem Rosenkavalier. Er hat für sie keine neue Form gefunden. Allenthalben wird sehr viel, sehr üppig und sehr hoch gesungen, um nicht gar zu sagen: derb geschrieen! / Das nun wiederum bewirkte und bewirkt die schier gewagtesten Besetzungsmöglichkeiten, die's in puncto Strauss-Opern dann gibt. Eine Helena mag ja noch gefunden werden; alle die Kaliber, die zum Beispiel alle drei Brünnhilden aus dem Ring von Wagner stimmlich und auch kräftemäßig schaffen, kämen prinzipiell dann in die enge Auswahl. Bei dem Part des Menelas sieht es schon weit bedenklicher für alle Zeiten aus. Auch der nämlich, der Menelas-Tenor, muss unaufhörlich in den Spitzentönen singen, pressen, schreien; und es ist von keinem Startenor von Weltgeltung die Rede, der sich seine Stimme, also freiwillig, durch Ableisten dieser wohl undankbarsten aller Strauss-Rollen verramponieren ließe...

Vor paar Jahren, als es Christian Thielemann noch an der Deutschen Oper gab, wurde Ägyptische Helena in zwei Aufführungen konzertant geboten; und es wäre ausreichend gewesen, es mit ihr auch dann diese Spielzeit so zu halten; dieses Machwerk braucht die Bilder nicht.

Gut, man entschied sich anders. Und der Ehrgeiz spielte bei dem allen freilich auch dann wieder mit... denn welches Opernhaus - außer der Deutschen Oper in der Bismarckstraße - kann schon mit Ägyptischer Helena aufwarten?

Marelli/Niefind wurden für das Szenische gewonnen. Und sie bauten ein sehr abendländisches Hotel, von dessen Freiterrasse man einen gewieften Blick über die minarettreiche Urbanlandschaft einer arabisch anmutenden Hauptstadt kriegte. Eine Art von Stück im Stück also. Denn was die handelnden Akteure so an sich vollziehen, ist als Spiel, als Narretei einer Hotelinsassin angedacht und paktiziert. Es funktioniert auch sehr passabel, und man schmunzelt schon...

Ricarda Merbeth als Helena singt den Rest der angetretenen Belegschaft ganz und gar in Grund und Boden. Sie hat keine Konkurrenz! Mit der Bewältigung dieser an stimmlichen Exzessen durchgespickten Rolle dürfte nicht dann nur für sie am Ende dieses lauten Abends klar gewesen sein: Mit Merbeth ist die Christel Goltz dieses Jahrhunderts wiederauferstanden. / Robert Chafin (Menelas) hatte dagegen wenig, um nicht gar zu sagen nullte Chancen. In den Höhen brach er regelrecht in sich zusammen. Und es grenzte an ein Wunder, dass er diese Partie überhaupt dann lebend durchgestanden hatte... // Laura Aikin muss als Idealbesetzung für die Aithra gelten; fulminant.

Der Dirigent des Abends hieß Andrew Litton. Er kitzelte diesen routinemäßig warmen Schmelz jedweden Straussklanges, wie wir ihn durchs Orchester der Deutschen Oper Berlin (seit Jahren und Jahrzehnten) herserviert bekommen, leichtens-leicht heraus.

Sehr leidenschaftliche Befürwortungen am Premierenabend!!!


Andre Sokolowski - 19. Januar 2009
ID 4174

DIE ÄGYPTISCHE HELENA (Deutsche Oper Berlin, 18.01.2009)
Musikalische Leitung: Andrew Litton
Inszenierung und Bühne: Marco Arturo Marelli
Kostüme: Dagmar Niefind
Besetzung: Ricarda Merbeth (Helena), Robert Chafin (Menelas), Sofia Kemstac (Hermione), Laura Aikin (Aithra), Morten Frank Larsen (Altair), Burkhard Ulrich (Da-ud) u. a.
Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
(Choreinstudierung: William Spaulding)
Premiere war am 18. Januar 2009
Weitere Termine: 22. / 30. 1. sowie 3. / 14. 2. 2009

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutscheoperberlin.de




 
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