Anrührend
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Alain Franco und Anne Teresa De Keersmaeker mit The Goldberg Variations, BWV 988 | Foto (C) Anne Van Aerschot
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Bewertung:
Auf meine Frage, wer - nach Gret Palucca oder Pina Pausch - die derzeit wichtigsten Choreografinnen des internationalen Tanztheaters wären, zählte die Google-KI auf meinem Laptop die fünf folgenden Protagonistinnen auf: Anne Teresa De Keersmaeker, Sasha Waltz, Sharon Eyal, Marlene Monteiro Freitas und Crystal Pite; nach mindestens fünf weiteren Namen gefragt, wurden diese hier "ausgeworfen": Emanuela Amato, Ann Van den Broek, Gisèle Vienne, Clare Cunningham und Micaela Taylor, und außer Cuningham sagten und sagen mir die Namen wenig oder nichts. Mir selber fiel und fällt jedoch entsprechend meines spärlichen Erinnerungsvermögens wenigstens ein halbes Dutzend anderer Weltberühmtheiten ein, die ich hätte aus dem Bauch heraus aufzählen können; nun gut, es war auch nur ein Test, und dieser gereichte der Google-KI keinesfalls zu Ehren, sie hat schlicht und einfach keine Ahnung von Ballett, Performance, Tanz; ich hätte es wissen müssen.
Immerhin: De Keersmaeker stand dann jedesmal an erster oder vorderster Stelle, und in diesem Bedeutungsumfeld muss und kann sie zweifelsohne eingeordnet werden.
Jetzt war sie wieder in Berlin, allerdings ohne ihre Kompanie Rosas, und hier (im HAU1) tat sie - gemeinsam mit dem Pianisten Alain Franco - die Bach'schen sog. Goldberg-Variatioen performen; sie tanzte also, und er spielte, und sie nannten ihr fast zweistündiges Projekt daher The Goldberg Variations, BWV 988. (Uraufgeführt wurde es bereits im August 2020 bei den Wiener Festwochen, und seither tourt es durch Europa.)
"Der Name Goldberg-Variationen (auch Goldberg’sche Variationen) etablierte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Er wurde nach einem anekdotischen Bericht in Johann Nikolaus Forkels Über Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke von 1802 gebildet. Laut Forkel sei Bachs Aria mit verschiedenen Veränderungen für den russischen Gesandten am Dresdner Hof, den mit der Familie Bach befreundeten Grafen Hermann Carl von Keyserlingk, verfasst worden. Der in dessen Diensten stehende Cembalist Johann Gottlieb Goldberg, ein hochbegabter Schüler Wilhelm Friedemann Bachs und Johann Sebastian Bachs, sollte dem Grafen daraus vorspielen [...] Dieser Bericht geht wahrscheinlich auf Informationen der beiden ältesten Bachsöhne zurück." (Quelle:Wikipedia)
Der Wahrheitsgehalt von Forkels Bericht wäre allerdings umstritten, heißt es da weiter.
Egal.
Für die Ausstatterin Minna Tiikkainen assoziierte der Titel ohnehin nicht viel mehr als einen mit Goldpapier drapierten "Goldberg" am linken Bühnenrand. Dann gab es noch ein silbern glitzerndes Rechteck rechts der Bühne, und außerdem diente ein im Bühnenhintergrund lagerndes Eisenrohr dazu, dass es - von De Keersmaeker durch einen Tritt von ihr nach vorn gerollt - als Halbzeitsignal diente; kurz danach verließ sie die Bühne, um sich umzuziehen, und dann kam sie in einem beigefarbenen Hosenanzug (aus dem sie sich die zweite Stunde nach und nach entschälte) zurück; vorher, also während der ersten Stunde, trug sie ein schwarzes Kleid, das sie ab und zu lüpfte.
Was war nun insgesamt besser: das mehr oder weniger solide Klavierspiel von Franco (er schlug übrigens die Tasten eines Yamaha-Flügels an) oder die mehr oder weniger aufschlussreiche Soloperformance von De Keersmaeker? Und wer begleitete wen, sie ihn oder er sie. Schwer zu sagen.
Insgesamt zog sich der Abend ziemlich hin - - das letzte Drittel konnte ich dann optisch nicht mehr nachverfolgen, weil ich aufgrund eines Hustenanfalls den Saal "stillschweigend" verließ und mir Francos Spiel dann draußen im Foyer, während ich immer wieder neu abhustete, anhörte.
Erst zum Schlussapllaus getraute ich mich wieder rein und sah, wie angerührt die beiden ihren Beifall entgegennahmen.
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Anne Teresa De Keersmaeker und Alain Franco mit The Goldberg Variations, BWV 988 | Foto (C) Anne Van Aerschot
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Vor ungefähr acht Jahren hatten sich De Keersmaeker und ihre Truppe Rosas schon einmal mit Bach'scher Musik auseinandergesetzt. Zusammen mit dem B’Rock Orchestra führten sie Die sechs Brandenburgischen Konzerte in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz auf. Das war dann freilich, was meinen persönlichen Geschmack betraf, ungleich kurzweiliger und deutlich sehenswerter als die doch dann ziemlich langatmigen und nicht sonderlich interessanten Goldberg Variations.
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Andre Sokolowski - 2. März 2026 ID 15735
The Goldberg Variations, BWV 988 (HAU1, 27.02.2026)
Choreografie: Anne Teresa De Keersmaeker/ Rosas
Choreografische Assistenz: Diane Madden
Bühnenbild und Lichtdesign: Minna Tiikkainen
Assistenz der künstlerischen Leitung: Martine Lange
Künstlerische Koordination und Planung: Anne Van Aerschot
Technische Leitung: Thomas Verachtert
Assistenz der technischen Leitung: Bennert Vancottem
Technik: Tom Theunis, Jonathan Maes und Sara Breugelmans
Kostümkoordination: Veerle Van den Wouwer
Kostümassistenz: Els Van Buggenhout
Näharbeiten: Emmanuelle Erhart
Mit: Anne Teresa De Keersmaeker (Tanz) und Alain Franco (Klavier)
UA bei den Wiener Festwochen: 26. August 2020
Weitere Infos siehe auch: https://www.rosas.be
https://www.andre-sokolowski.de
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