Körper in
Aufruhr
Emotionale Höhepunkte bei der 25. TanzArt-Ostwest-Gala
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Yael Shervashidze und Jerry Wan (von links) vom Ballett des Theaters Koblenz beim Abschlussapplaus für In this Shirt von Steffen Fuchs | Foto © Ansgar Skoda
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Bewertung:
„Es ist wie eine Art Klassentreffen“, so Steffen Fuchs, langjähriger Ballettdirektor am Theater Koblenz, über den Abend mit acht unterschiedlichen Tanzkompanien. Der 52-jährige Choreograf, selbst einst Solist beim Leipziger Ballett, führte als Moderator charmant durch die ausverkaufte Veranstaltung. Die jährlich stattfindende Gala feierte das 25-jährige Bestehen des Festivals TanzArt Ostwest. 2026 lud Organisatorin und Abendspielleitung Irina Golovatskaia für die Jubiläumsgala neben dem Ballett des Hauses sieben andere Tanzkompanien ins Theaterzelt auf dem Plateau der Festung Ehrenbreitstein ein. Die Ensembles präsentierten sehr unterschiedliche klassische, neoklassische und zeitgenössische Stücke.
Der melancholisch-hymnische Indie-Pop-Song In This Shirt von The Irrepressibles (2010) mit charismatischen Falsett-Gesang des Sängers Jamie steigert sich rhythmisch langsam. Das Lied ist Namensgeber für das Eröffnungsstück von Steffen Fuchs. Die zur Musik auftretenden Tänzer Yael Shervashidze und Jerry Wan tragen keine Shirts, sondern weiße, urbane und lockere Kostüme von Sascha Thomsen [s. Foto o.re.] - sie deuten Sehnsucht, Verlust und innere Zerrissenheit in fließenden und raumgreifenden Schritten und kraftvollen Sprüngen an. Die beiden agieren teils synchron als Spiegelbilder mit technischer Präzision in intimen Pas de deux.
Es folgt mit La nature n’aime pas le vide von Irene Kalbusch ein Solo des Tänzers Fabio Cavaleri zur einzigen Live-Musikbegleitung an diesem Abend von Dimitri Astashka an der Violine. Die Belgierin greift in ihrem zeitgenössischen Stück die Sehnsucht nach Halt und den Wunsch nach Verortung auf. Cavaleri ist in suchenden Gesten physisch sehr präsent, wenn er sich etwa unterhalb der Beine des Violinisten im Rhythmus der sich dehnenden Live-Klänge windet und dabei den Blickkontakt Astashkas sucht.
Mit Zwischenland vom Ballett Hagen werden Szenen aus einer aufwendigeren Kreation des albanischen Ballettdirektors Taulant Shehu dargeboten. Der Künstler verließ als 16-Jähriger seine Heimat Albanien und verarbeitet darin seine Identitätssuche und den schmerzhaften Zustand des „Dazwischenseins“ beim Verlassen der Heimat. Yu Hsuan Mia Hsu, Chloe Jeffcoat, Eunbin Kim, Maria Sayrach Baró, Kayleigh Smerud und Kaja Vidic agieren teils solistisch und teils in ständig wechselnden, dichten Formationen. Musikalisch grundiert Arvo Pärts Lamentate: Fragile e conciliante das Geschehen, das vom Festhalten, Loslassen und Einander-Stützen geprägt scheint.
Anders als ursprünglich angekündigt zeigt das Ballett Dortmund anschließend nicht den Pas de deux „Schwarzer Schwan“ aus Tschaikowskys Schwanensee, sondern Szenen aus der neuen Produktion Radio and Juliet von Edward Clug. Zu atmosphärisch düsterer Elektro-Musik von Radiohead mimt die Australierin Jasmine Cameron die nach dem Tod Romeos in der Gruft erwachende Juliet. Auf einer introspektiven Reise begegnet sie Luke Ruben Talirz als Counterpart. Beide tanzen ihre Parts kraftvoll, mechanisch präzise und flüssig mit unbändiger Energie und schnellen, fast zuckenden Abläufen.
Nach einer Pause zeigt die TanzArt-Gala In Between des armenischen Choreografen Armen Hakobyan vom Aalto Ballett Essen. Zu Philipp Glass’ minimalistisch-repetitivem Konzert für Violine und Orchester I. und II. begegnen die Tänzerinnen Yuki Kishimoto und Sena Shirae in tranceartig fließenden Phrasen oft mit flüchtig schnellen Richtungswechseln ihren männlichen Partnern Kieren Bofinger und Moises Leon Noriega. Das Stück widmet sich der Hypnagogie, dem geheimnisvollen Übergangszustand des Menschen zwischen dem Wachsein und dem Einschlafen. Dynamiken deuten ein unaufhaltsames Nachgeben des Körpers an. Kraftvolle Hebefiguren deuten darüber hinaus ein schwereloses Gleiten an. Wenn sich die Muskeln entspannen und Körperhaltungen plötzlich wegkippen, fangen sich die Figuren im letzten Moment wieder auf.
Mit der Kreation Dis/connected von Ivan Alboresi folgt eine Produktion des Ballett TN LOS! Nordhausen. Zum reduzierten und atmosphärischen Klangstück Landing von Peter Gregson loten Rachele Cortopassi und Chris Roosenburg tänzerisch Spannungen und spielerische Momente zwischen emotionaler Verbundenheit und Isolation, zwischen Anziehung und Abstoßung aus. Dabei vollführt das Paar mit meisterhafter Körperbeherrschung intensive Hebefiguren.
Expressiv ist auch der vorletzte Beitrag des Abends: Caesar’s Love von Tarek Assam. Der Ballettdirektor von Tanz Harz am Harztheater deutet in seinem Duett choreografisch Macht, Leidenschaft, Verwundbarkeit und innige Verbundenheit an. Harmonisch und mit technischer Finesse agieren die Solisten Alessia Ricci und Mirco Carnimeo voller Präsenz und Weichheit zur Arie „Va tacito e nascosto“ aus der Oper Giulio Cesare. In raumgreifenden Kombinationen, fließenden Kurven, weit ausgreifenden Schwüngen, Spiralen und asymmetrischen Linien suchen die Tänzer den Kontakt zum Boden und erinnern so an den Contemporary Dance.
Der facettenreiche Tanzabend endet mit einer Choreographie von Ausnahmechoreograf Marco Goecke vom Hessischen Staatsballett Wiesbaden. Die Tänzer Ramon John und Marcos Novais sorgen in Midnight Raga für einen beeindruckenden Höhepunkt der Gala. Zu Sitar-Klängen von Ravi Shankar bewegt sich zunächst Ramon John in einer weiten Hose aus schwerem, blauem Seidenstoff mit nervös flatternden und zuckenden Gesten seines freien Oberkörpers. Binnen kurzem Marcos Novais im gleichen Outfit von Goecke selbst und Nadja Kadel hinzu. Er ahmt die Aktionen seines Partners nach und variiert sie, getrieben von Muskelspannung und impulsiver Wucht. Zu Blues-Klängen von Etta James gleitet das Paar dann unfassbar schnell, wie ein einziger Organismus, rauschhaft mit synchroner Eleganz nebeneinander her.
Es gab Standing Ovations für eine starke Performance. Beim Schlussapplaus kamen alle über zwanzig Performer der vielgestaltigen Duette und Tableaus zurück auf die Bühne und wurden mit roten Rosen bedacht. Ein schönes Abschlussbild für ein insgesamt unvergessliches Tanzerlebnis.
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Alle acht Ensembles beim Abschlussapplaus nach der Ostwest-Tanzart-Gala am Theater Koblenz | Foto © Ansgar Skoda
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Ansgar Skoda - 18. Mai 2026 ID 15862
Weitere Infos siehe auch: https://theater-koblenz.de
Post an Ansgar Skoda
skoda-webservice.de
Ballett | Performance | Tanztheater
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