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Tanz-Gastspiel

Zwischen Erbe

und Ekstase



Cantus aus Four by Duato mit der spanischen Compagnie Nacho Duato | Foto © Irina Yakivleva

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Atmosphärische Bewegungslandschaften bieten sich voller Geometrie und Seele auf einer sparsam ausgestatteten Bühne dar. Das Ensemble übersetzt musikalische Strukturen präzise, nuancenreich und hochgradig expressiv in fließende, sinnliche Dynamiken. Trotzdem bleibt das Bühnengeschehen über weite Strecken abstrakt, subtil und geheimnisvoll.

Juan Ignacio Duato Barcia, 1967 in Valencia geboren und künstlerisch bekannt als Nacho Duato, etablierte sich als einer der international einflussreichsten Schöpfer des zeitgenössischen Tanzes. Der heute 69-Jährige widmete sich zunächst der Architektur und Gestaltung, bevor er achtzehnjährig seine Ballettausbildung an der Rambert School in London, der Mudra School von Maurice Béjart in Brüssel und am American Dance Centre von Alvin Ailey in New York absolvierte. Er war später selbst als Tänzer am Nederlands Danse Theater und beim Cullberg Ballet engagiert. Es folgte eine Karriere als künstlerischer Leiter mehrerer bedeutender Kompanien, darunter das Michailowski-Theater in St. Petersburg, des Staatsballetts Berlin (wo er u.a. Dornröschen choreografierte) und siebzehn Jahre lang die Compañía Nacional de Danza in Madrid.

Derzeit leitet der Valencianer seine eigene Formation, die Compañía Nacho Duato. Diese bot an zwei Abenden das Gastspiel Four by Duato mit vier seiner Werke im Opernhaus Bonn. Die 2024 zur Schulung internationaler Talente in Madrid gegründete Jugendkompanie überrascht mit Verve, einer organischen Bewegungssprache und einem fließenden, kraftvollen und intuitiven Dialog-Vokabular.

In Gnawa (2005), der ersten Choreographie des Abends, beginnen sich vereinzelt stehende Akteure zu nordafrikanischen Klängen zu bewegen. Die Herren agieren oberkörperfrei in cremefarbenen, glänzenden Hosen, die Damen tragen schwarze Kleider. Inhaltlich geht es um spirituelle Rituale von Bruderschaften in Afrika. Während sich musikalisch eine rhythmische Spannung aufbaut, bewegen sich die Protagonisten in wellenförmig wechselnden Gangarten temporeich in einer Formation. Auf ein lebhaftes Duett folgen mit handwerklicher Präzision variationsreiche Gruppenszenen, elegante Soli oder Trios des Ensembles. Die vierzehn Mitwirkenden treten bald gesammelt mit Laternen auf das Publikum zu und platzieren diese am Bühnenrand. Das warme Licht schafft eine intime Atmosphäre. Wechselnde Schritte, Gesten und Linien der Arme und Beine scheinen genau auf die Musik abgestimmt. Fuß- und Handgelenke krümmen sich, spanische und nordafrikanische Klänge wechseln. Die Gruppe trägt die sanft leuchtenden Laternen gegen Ende vom vorderen Bereich in den Bühnenhintergrund, bevor sie in einer effektvollen Pose einfrieren.

Nach einer kurzen Pause folgt Liberté (1990) zu Liedern der haitischen Komponistin und Sängerin Toto Bissainthe. Zu einer anfangs dschungelartig anmutenden Geräuschkulisse agiert der Tänzer Pablo Fahle mit instinktiven, flinken und wilden Gesten. Nach seinem kurzen Solo streckt er sich auf dem Boden aus und Sofia Tullio betritt die Bühne, auch sie gekleidet in schlichten Grautönen. Blicke der beiden treffen sich. Zaghaft entspinnt sich ein packender Pas-de-deux. Die eingespielte Musikuntermalung wird weicher, melodischer und rhythmischer. Auf direkte und rohe Weise klammert sich Tullio an Fahle und wird von ihm emporgehoben. Hier widmet sich Duato inhaltlich Sklaven, die vom Voodoo-Kult angezogen werden.

Nach einer Pause wird mit Duende (1991) wieder eine längere Choreografie mit einem größeren Ensemble dargeboten. Der Begriff „Duende“ steht dem spanischen Lyriker und Dramatiker Federico García Lorca zufolge für eine mysteriöse, erdverbundene Kraft – eine Art „dämonische“ Inspiration, die besonders im Flamenco und im Stierkampf spürbar seien. Auf einer rechts platzierten Säule ist ein grünes Schlangenmuster projiziert. Ein Indiz dafür, dass Duato hier dem Flüchtigen und der Essenz in der Natur nachspürt. Zu Musik von Claude Debussy bewegen sich zwei Tänzerinnen synchron wie Spiegelbilder voneinander. Ein auftretender Tänzer sorgt mit einem kraftvollen und charismatischen Solo für Dynamik. Er interagiert mit den Tänzerinnen, indem er mit ihnen wechselnde, intuitiv anmutende Duette vollführt. Drei weitere Tänzer ergänzen das Geschehen bald wirkungsvoll. Auf intensive Passagen folgen komplexe Szenen und gegen Ende ein eindringliches Gruppenarrangement.

Cantus, die letzte Darbietung des Abends, hat Duato 2025 für seine eigene, neu gegründete Jugendkompanie choreographiert. Das Werk handelt vom Schrecken des Krieges, gesehen durch die Augen junger Menschen, die ihn erleben. Konzentriert voller innerer Spannung bewegen sich die Tänzer synchron, gleiten ineinander, manövrieren Hebungen oder vollführen dynamische Sprünge. Sie bilden soldatenhaft Reihen, marschieren seitwärts oder heben wie mechanisch gemeinsam ihre Arme. Die Akteure greifen sich selbst an den Hals oder üben sich im Gebetsgestus. Zu gefühlvoller Musik von Karl Jenkins findet der Choreograf jedoch auch intime und spirituell-kontemplative Bilder von Intensität, wenn etwa ein junger Mann von seiner Frau kriegsbedingt Abschied nimmt. Es folgen im pulsierenden Tempo Soli und Gruppenszenen. Zu Klängen von „Pie Jesu“ bleibt eine Ballerina reglos am Boden liegen, während sich mehrere Reihen von Tänzern parallel zu ihr bilden und wieder teilen. Läufe, Sprünge und Hebefiguren folgen aufeinander. Gruppen formieren sich stets neu, ohne von der Liegenden am Boden Notiz zu nehmen. Kurz vor einem kraftvollen Finale bilden die ausgebreiteten Arme des Ensembles nahezu eine Wand. Das Stück ist die 116. Choreografie des Valencianers, die er den Kindern widmete, die Opfer von Kriegen wurden. Es soll das Publikum zum Nachdenken über die Kinder in Gaza und den Völkermord dort anregen.

Das Ensemble interagiert pointiert, harmonisch und detailgenau. Lily Pakula, Luca Pelaia, Pablo Fahle, Sara Ciafrone, Pedro Castelo, Sofia Tullio, Marco Tonelli, Kil Ohashi, Ot Egea, Ariane Rudenko, Denis Vargas, Claudia Santamaria, Ángel Jaimez, Blanca Álvarez und Cloe Billy fesseln über den etwa zweistündigen Tanztheaterabend mit facettenreichen Positionen, geschmeidigen Figuren und spannungsvollen Tableaus.



Szene aus Four by Duato mit der spanischen Compagnie Nacho Duato
Foto © Fernando Marcos

Ansgar Skoda - 15. März 2026
ID 15755
Weitere Infos siehe auch: https://cdnduato.com/


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