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Oh du heteronormativ wohlgeordnete Märchenwelt



Prinz Desiré (Marian Walter) und Prinzessin Aurora (Iana Salenko) in Dornröschen mit dem Staatsballett Berlin | Foto (C) Yan Revasov

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Vorweihnachtszeit ist Märchenzeit. Im Advent tummeln sich Eltern und ihre Kinder in der Deutschen Oper, um die opulente, bildgewaltige und figurenreiche Inszenierung Dornröschen in der Choreographie vom Berliner Staatsballettintendanten Nacho Duato zu erleben. Die serbische Kostümbildnerin Angelina Atlagic schafft ansprechende Bühnenbilder, die herzallerliebst prächtig wie aus Disneys Märchenbilderbuch anmuten und den Zuschauer trotzdem sein Hauptaugenmerk auf die tanzenden Figuren legen lassen. Atlagics meist unaufdringlichen und leichten Kostüme betonen Gruppenzugehörigkeiten der auftretenden Figuren, gestatten tänzerische Bewegungsfreiheit und hochfliegende Rüschen.

Alles scheint in Ordnung, wenn Männlein und Weiblein im trauten Mit- und Nebeneinander tänzeln oder als gepflegte Zuschauer eines anderen Tanzpärchens Arm in Arm liegen. Der Bewegungsduktus der Figuren verrät viel über ihre Einwilligung in das harmonische, brav-biedere Miteinander der Schlossgesellschaft. Der szenisch reichhaltige Bilderfluss, in dem sich die Balletttänzer als Figuren aus Charles Perraults La Belle au bois dormant (1687) zu Tschaikowskys Musik voller Leichtigkeit bewegen, wird dann doch endlich von einer dunklen Gestalt impulsiv aufgebrochen. Die temperamentvolle dunkle Fee Carabosse, energievoll dargestellt vom Russen Rishat Yulbarisov, reiht sich nicht in die Gesellschaft ein, in der alles darauf ausgerichtet scheint, dass König und Königin, Prinz und Prinzessin oder Bräutigam und Braut zueinander finden. Carabosse blitzt mit einer Gruppe von sechs Dienern durch das Geschehen und verschafft sich dynamisch die nötige Aufmerksamkeit der aufgebrachten Festgesellschaft. Immer wieder bäumt sich die Fee dramatisch auf, um machtvoll ihren Zauberstab gegen das Unrecht zu erheben, dass sie anders als die übrigen Feen nicht zur Geburtsfeier Auroras eingeladen wurde. Es ist schon bemerkenswert, dass die einzige Frauenfigur, die sich nicht in das Joch der heteronormativ traut kungelnden Pärchen eingliedert, dann auch eine Außenseiterrolle spielt und sogar mit einem Mann besetzt wird. Spätestens im letzten Akt spielt Carabosse dann auch gar keine Rolle mehr. Dann haben nicht nur Prinzessin Aurora und ihr Märchenprinzen Desiré zueinander gefunden, eine ganze Reihe von Pärchen aus berühmten Märchen wie Rotkäppchen und der böse Wolf findet in Variationen klassischen Balletts zueinander. Dabei synchronisieren die trippelnden Schritte, dynamischen Tanzfiguren und formvollendeten Drehungen nicht immer hundert prozentig mit dem Rhythmus der, vom Orchester der Deutschen Oper Berlin facettenvoll aufspielenden Musik.

Dornröschen ist mit einer anmutigen Iana Salenko in der Titelrolle hervorragend besetzt. Auch Marian Walter versprüht als kraftvoller Desiré atemlose Eleganz. Insgesamt hätte man sich jedoch mehr Mut zu moderneren und vielleicht sogar etwas weniger heteronormativen Akzentsetzungen gewünscht.




Die böse Fee Carabosse (Rishat Yulbarisov) und ihre Dienerschaft in Dornröschen amit dem Staatsballett Berlin | Foto (C) Yan Revasov

Ansgar Skoda - 2. Dezember 2016 (2)
ID 9721
DORNRÖSCHEN (Deutsche Oper Berlin, 27.11.2016)
Choreographie und Inszenierung: Nacho Duato
Bühne und Kostüme: Angelina Atlagic
Licht: Brad Fields
Einstudierung: Gentian Doda
Musikalische Leitung: Paul Connelly
Mit: Iana Salenko (Aurora), Leonid Sarafanov (Prinz Desiré), Rishat Yulbarisov (Carabossa) sowie Solisten und Corps de ballet des Staatsballetts Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Premiere am Mikhailovsky-Theater St. Petersburg: 16. Dezember 2011
Premiere am Staatsballett Berlin: 13. 2. 2015
Weitere Termine: 17., 18., 20., 21. + 22. 12. 2016 // 18., 19., 25., 26., 30. 6. / 3. + 5. 7. 2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsballett-berlin.de/


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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