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nachDRUCK # 6

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Rosinenpicken (644)

Die Tante kam erst

kurz vor Schluss



Deutscher Herbst am DT Berlin | Foto (C) Eike Walkenhorst

Bewertung:    



Der Regisseur Christopher Rüping hatte sich in seinem neuen Theaterprojekt Deutscher Herbst, das bei der diesjährigen RUHRTRIENNALE erstaufgeführt wurde, auch als Autor eingebracht, ja und das fiel dann eigentlich bis zirka eine halbe Stunde vor dem Stückfinale überhaupt nicht weiter auf; er spielte und jonglierte nämlich bis dahin mit viel zu vielen O-Zitaten aus anderweitigen bedeutenden oder weniger bedeutenden Fremdtexten, welche der Urheberschaft von Stig Dagermann (1923-1954), Caspar David Friedrich (1774-1840) oder Blümchen (wer soll das nochmal gewesen sein?) entstammten. Immerhin gab es - und das von Anfang an - eine einigermaßen nachvollziehbare Rahmenhandlung, in der eine fiktive Tochter-Vater-Begegnung von mir zu dir resp. von dir zu mir rein emotional erfahrbar wurde. Wiebke Mollenhauer spielte diese Tochter, und als solche sprach sie mit dem (bei mir und uns im Publikum) versteckt aber (für sie) vorhanden seienden Vater, oder sie redete unermüdlich auf ihn ein, zudem schien sie an HNO-bedingten Schwindelanfällen zu laborieren, weswegen sich der Bühnenbildner Jonathan Mertz eine rosarote Innenohrlandschaft ausdachte; jedenfalls:


"Sie hat viele Fragen an ihn, bekommt aber keine Antworten, denn der demente Vater hat vergessen, woher er kommt und wer er ist. In einem Wahlherbst, in dem in Deutschland das große Vergessen um sich greift, folgt der Theaterabend den Fragen der Tochter und dem Schweigen des Vaters, um von der Orientierungslosigkeit der Gegenwart zu erzählen: von der Sprachlosigkeit, vom Ende gemeinsamer Erzählungen, aber auch von möglichen Utopien, die sich hinter diesem Ende auftun." (Quelle: deutschestheater.de)


Große Worte, kleiner Inhalt [s.o.].

Die eingangs angemahnten Verzettelungen und Verfransungen fasst der DT-Erklärtext so zusammen:


"Der Theaterabend von Christopher Rüping leiht sich seinen Titel im Herbst 1946. In diesem Jahr reist der 23 Jahre junge schwedische Autor Stig Dagerman durch Deutschland. In seiner Heimat ist er ein Shootingstar; für die Tageszeitung Expressen besucht er Berlin, Hamburg, das Ruhrgebiet: Städte und Regionen, die in Elend, Hunger und Ruinen liegen. Seinen literarischen Reisebericht nennt Dagerman Deutscher Herbst. Es regnet unaufhörlich, die Herbstblätter fallen – und der junge Schwede stellt sich die Frage: Werden diese Menschen, die so zerbrechlich zwischen Ende und Anfang taumeln, in die Demokratie finden oder untergehen?

Seit dem Herbst 1946 sind genau achtzig Jahre vergangen. Ungefähr ein Menschenleben. Der Theaterabend nimmt diesen Abstand zum Anlass für eine Bildbeschreibung der Gegenwart. Die Menschen, die Stig Dagerman zwischen Ruinen getroffen hat, werden bald nicht mehr Teil dieses Bildes sein oder sind es schon jetzt nicht mehr. Trotzdem sind die Fragen geblieben oder wieder da. Wird dieses Land zurück in alte Ängste taumeln oder wird es zur Freiheit finden? Welcher Frühling folgt auf diesen Herbst?"



Okay, hab's ungefähr verstanden, was ihr von mir wolltet, dennoch:

Dieses Fremdtext-Gelabere ließ mich daran zweifeln, ob ich's bis zum Ende durchhalten würde, doch ich blieb - und weil ich nach der Pause blieb, wurde ich "standesgemäß" entschädigt, denn spätestens beim ersten Auftritt von Almut Zilcher (erst Apfel essend in der Video-Nahaufnahme, dann Dagermanns großen "Trost"-Monolog rezitierend) war mir bewusst, dass ihre Figurenpräsenz mit dem auktorialen Stückwillen vom Rüping untrennbar gewesen war, kurzum:

Rein zwischenmenschlich wurde es erst ab dem Punkt wirklich interessant, wo die lesbische Freundin der Vatertochter (gespielt vom bisherigen Blümchen Swenja Liesau) und die von Zilcher gespielte Vaterschwester, also die Tochtertante, aufeinandertrafen und sich diesbezüglich eine Trialog- und Dialogabfolge vom dichterisch Feinsten entwickelte, und das verlieh dem Rüping-Stück an sich - was meine persönliche Wahrnehmung betraf - eine versöhnliche Glaubwürdigkeit.

Auch spielten Benjamin Lillie (als Herold zu CDF-Zeiten und späterer Vaterpfleger), Steven Adjei Sowah (als Dauerrezitator Dagermanns) und Komi Mizrajim Togbonou (als CDF und ebenfalls späterer Vaterpfleger) mit.

Und nicht zu vergessen die drei genialen Musiker: Christoph Hart (am Feckhorn), Rike Huy (an der Trompete) sowie Shi-Che Lee (an der Posaune); das klang toll!!!



Deutscher Herbst am DT Berlin | Foto (C) Eike Walkenhorst

Andre Sokolowski - 8. Oktober 2026
ID 16084
DEUTSCHER HERBST (Deutsches Theater Berlin, 07.10.2026)
mit Texten von Stig Dagerman, Caspar David Friedrich und Blümchen

Regie: Christopher Rüping
Bühne: Jonathan Mertz
Kostüme: Lene Schwind
Musik: Christoph Hart
Video: Emma Lou Herrmann
Licht: Robert Grauel
Dramaturgie: Bernd Isele
Mit: Svenja Liesau, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Steven Adjei Sowah, Komi Mizrajim Togbonou und Almut Zilcher sowie den Live-Musikern Christoph Hart, Rike Huy und Shi-Che Lee
UA in der Jahrhunderthalle Bonn: 26. September 2026
Berliner Premiere war am 7. Oktober 2026.
Weitere Termine: 11., 31.10./ 02., 14., 29.11.2026
Eine Produktion des Deutschen Theaters Berlin in Koproduktion mit der Ruhrtriennale


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de


https://www.andre-sokolowski.de

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