Ein Trugbild
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Max Gindorff als Dorian Gray am Berliner Ensemble | Foto © Jörg Brüggemann
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Bewertung:
Mehr als Oscar Wilde wissen konnte, hat er mit Das Bildnis des Dorian Gray seinen Lebensweg vorweggenommen. Heiki Riipinen lässt Wilde in seiner Adaption der berühmten Romanvorlage selbst als Figur auftreten. Der 36jährige Norweger setzt das Personal aus dem einzigen Roman des Iren vor dem Hintergrund einer Kunstwelt des Theaters lustvoll in Szene. Der Titelheld, sein Maler Basil, der gemeinsame diabolische Freund Henry und Dorians Geliebte Sibyl durchleben Unwägbarkeiten anarchischer Lust und eine schillernde Geschichte voller abstruser Wendungen.
Vor dem Besuch des Berliner Ensembles empfiehlt sich eine Besichtigung im Bröhan-Museum am Schloss Charlottenburg. Dort setzt noch bis zum 30. August die Ausstellung Dandys Dekadenz Moderne den Architekten und Möbeldesigner Edward W. Godwin, im viktorianischen England ein Protagonist des Aesthetic Movements, in Beziehung zu Oscar Wilde. Beide waren befreundet, Godwin gestaltete das Wohnhaus des irischen Schriftstellers um. Die vielen besonders raffiniert und geschmackvollen Möbelstücke der Ausstellung verkörpern einen ästhetischen Ausdruck, der das Besondere sucht und zum Lebensthema macht.
Max Gindorff (der bereits in Axel Ranischs Mutti, was machst du da als Schwarm und Verführer in der Rolle des Pepe Schauer reüssierte) ist wie Wildes Titelheld jung und attraktiv. Er offenbart zunächst eine Zartheit und Verletzlichkeit und – wie auch seine Freunde Basil Hallward (Paul Zichner) und Lord Henry (Gabriel Schneider) – einen Hang zu affektierter Selbstverliebtheit und Exaltiertheit. Im Verlauf des Stückes findet eine subtile Verwandlung statt.
Dorians anfänglich sich noch lustvoll anhörendes leises Stöhnen wird immer mehr Ausdruck seiner Belastung, beispielsweise, wenn er vor der Pause sein Kostüm mühsam abstreift (wie eine Häutung), um dann die ganze Pause von zwanzig Minuten über nur spärlich mit einem goldenen Slip, Kopfhörern und weißen Designerschuhen bekleidet zu tanzen. Eine Gruppe männlicher Jugendlicher kommt nicht umhin, sich einander beim Vorbeigehen an der Bühne im Gestus ihrer Männlichkeit und Coolnes zu vergewissern. Der Roman gehört weiterhin zu den festen Klassikern in der gymnasialen Oberstufe.
Im ganzen Stück übernimmt das Publikum jedenfalls die „Rolle“ des Bildnis des Dorian Gray (ähnlich wie jüngst in Ran Chai Bar-zvis Dorian-Inszenierung am Schauspiel Frankfurt). Immer wenn das titelgebende Bildnis von den Figuren betrachtet wird, blicken diese in den Publikumsraum. Wir Zuschauer sind es, die im Laufe des Stückes altern, immer hässlicher und bösartiger aussehen, während Dorian Gray jung und schön bleibt. Somit ist die Fratze, die mit aller Hässlichkeit auf die Entwicklung des Titelhelden reagiert nichts anderes als der Blick der Gesellschaft auf das gezeigte homoerotische Geschehen.
Das Frappierende daran ist, das dem großartigen Schriftsteller selbst genau dieses Schicksal wenige Jahre nach Veröffentlichung seines Romans bevorstand. 1891 erschien das Werk in London, und 1895 gab es um den Prozess gegen den Autor und seine vernichtende Verurteilung einen öffentlichen Skandal. Der im viktorianischen England wohl bekannteste Dichter wurde wegen „homosexueller Unzucht“ zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Zwangsarbeit verurteilt, was ihn körperlich und seelisch ruinierte und schon bald nach der Entlassung zu seinem Tod 1900 führte. Amal Keller verkörpert gegen Ende Wilde im Widerstreit mit komplexen Gefühlswelten. Die wandelbare Darstellerin, die auch als Sibyl Vane zutiefst gedemütigt für sich den Freitod wählt, vermag mit überhöhter Theatralik in der Darstellung aneinandergereihter, verschiedenster Formen des Suizids zu berühren und eine seltsame Mischung aus Lächerlichkeit und Mitgefühl auszulösen. (Szenisch erinnerte zuletzt auch das Düsseldorfer Schauspielhaus bemerkenswert an das Schicksal des Iren .)
Louise-Fee Nitschkes extravagante Kostüme mit viel Latex, Lack, Leder, Satin, Tüll und Rüschen und ein exzessiver Einsatz von Mascara, auffälligem Make-up und androgynen Schnitten lassen an Wildes exaltierten Lebensstil als Dandy denken. Hier schuf Wilde sich ein positives Selbstbild in einer Zeit der Tabuisierung und Diskriminierung von Homosexualität. Wilde überhöhte den Schönheitsbegriff, um seinem Begehren eine Berechtigung zu geben, eine Legitimation die weiter tragen sollte als nur das ihm verbotene Begehren. Es brauchte eine tiefere beziehungsweise eine überhöhte Bedeutung um darin in der Gesellschaft und in der Lebensführung einen gewissen Platz finden zu können. Auch die Figuren auf der Bühne im Neuen Haus bauen sich Luftschlösser und glauben oder hoffen darauf, dass es sie trägt.
Die Szene, in der Basil Dorian bittet, ihm sein Porträt für die Ausstellung in einer Galerie in Paris zu überlassen, geht aufgrund ihrer Mehrebigkeit ergreifend nahe. Auch für Wilde selbst deutete sich nach seiner Verurteilung eine von Freunden arrangierte Fluchtmöglichkeit nach Frankreich an, da Homosexualität dort seit der Französischen Revolution straffrei war. Das titelgebende Bildnis gelangt auch in Riipinens Fassung nicht nach Frankreich, sondern geht in England zugrunde! Wilde selbst täuschte sich schlussendlich in der viktorianischen Öffentlichkeit, die mit aller Hässlichkeit (des Bildnisses) auf sein „Vergehen“ blickte. Heute können wir erkennen, dass seine Heiligung des Schönen so nahe an seinem Abgrund war: es trug ihn, und es trog ihn.
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Max Gindorff als Dorian Gray und Paul Zichner als Basil Hallward (unten) in Das Bildnis des Dorian Gray am Berliner Ensemble | Foto © Jörg Brüggemann
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Ansgar Skoda - 9. Juli 2026 ID 15941
DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY (Neues Haus, 02.07.2026)
Regie: Heiki Riipinen
Bühne: Ingrid Tønder
Kostüm: Louise-Fee Nitschke
Musik: Amund Ulvestad
Licht: Hans Fründt und Robert Matysiak
Dramaturgie: Johannes Nölting
Besetzung:
Dorian Gray ... Max Gindorff
Lord Henry … Gabriel Schneider
Sibyl Vane / James Vane / Oscar Wilde … Amal Keller
Basil Hallward / Alan Campbell / Sir Geoffrey … Paul Zichner
Premiere am Berliner Ensemble: 19. März 2026
Weitere Termine: 01., 02.10.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de
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