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Premierenkritik

Steh- und

Sitztheater

DIE GRÖSSERE HOFFNUNG nach dem gleichnamigen Roman von Ilse Aichinger


Die größere Hoffnung nach dem Roman von Ilse Aichinger - im Akademietheater Wien | Foto (C) Tommy Hetzel

Bewertung:    



In Ilse Aichingers autobiografischem Roman Die größere Hoffnung geht es (unter anderem) um das hier:


"Ein Mädchen, allein in Wien während des Zweiten Weltkriegs: Ellens jüdische Mutter ist in die USA geflüchtet, ihre Tante ist verschwunden, und ihr Vater, ein Offizier, hat sie ihrer Großmutter überlassen. Ellen schließt Freundschaft mit sieben Kindern, die einen Stern tragen, weil sie 'falsche Großeltern' haben. Sie will nichts lieber, als dazuzugehören. Die Kinder feiern Geburtstag ohne Torte, spielen Verstecken auf dem Friedhof und inszenieren ein letztes Weihnachtsspiel. Die Gewalt rückt immer näher, und Ellen muss erleben, wie die Großmutter sich umbringen will und ihre Freunde abgeholt werden. Sie bewegt sich zwischen Leben und Verschwinden, Kindheit und Erwachsensein, Spiel und Wirklichkeit, äußerer Macht und innerer Freiheit, Schweigen und Sprechen, Mitmachen und Beobachten.

In ihrer unverwechselbaren Sprache verarbeitet Ilse Aichinger in dem 1948 erschienenen Roman ihre Erfahrungen als verfolgte Jugendliche in Wien."


(Quelle: burgtheater.at)



Diese Geschichte [s.o.] bzw. das, was die Schauspielerinnen und Schauspieler vom Burgtheater Wien aus ihr verlauten ließen und (in der Bearbeitung und Regie von Therese Willstedt) nachzuspielen sich mühten, berührt ganz ohne jede Frage.

Ob sie allerdings in dieser vertheaterten Art und Weise berührender herüberkam als durch etwaige Lektüre des belletristischen Originals, konnte ich leider nicht feststellen, weil ich Aichingers Buch bis dahin noch nicht kannte; im Umkehrschluss sollte man meinen, dass es nicht ganz verkehrt wäre, so mehr oder weniger Allbekanntes als Stückfassungen darzubringen, damit das (zumeist unwissende bzw. immer unwissender werdende) Publikum es halt aufs Spielerische kennenlernen könnte.

Seit Längerem unterschlagen die Intendanzen und Dramaturgieabteilungen in nunmehr fast allen deutschsprachigen Bühnen viele, viele "richtige" Theaterstücke von "richtigen" Stückautorinnen und -autoren, indem sie die für ihre Schutzbefohlenen eigentlich vorzugsweise freizuhaltenden Plätze mit Bearbeitungen von Büchern und Filmen blockieren; "richtig" Neues von "richtig" Neuen findet demnach kaum noch statt; die allgegenwärtigen Platzhalter meine ich hier nicht.

Habe ich mich etwa aufgeregt? Nein, Gott bewahre; ich bin an diese Unsitte schon längst gewöhnt.



Die größere Hoffnung nach dem Roman von Ilse Aichinger - im Akademietheater Wien
Foto (C) Tommy Hetzel


*

Maresi Riegner spielt die Bibi - das dürfte die autobiografische Hauptfigur in dem Roman gewesen sein. Und Sabine Haupt ist als Ruth, Bibis Großmutter, aufgestellt.

Am Anfang der Stückbearbeitung gibt es ein Aufeinandertreffen mit Jörg Ratjen, der den miesgelaunten und gleichgültigen Konsul Georg als dessen Karrikatur gibt - die Großmutter und ihre Enkelin kommen irgendwie kein einziges Stück weiter mit dem Typen; es müsste um den Erhalt von Ausreisepapieren gegangen sein.

Dann gelangt das junge Mädchen in den Kreis von Gleichaltrigen mit den gleichen oder ähnlichen Schicksalen ihrer "falschen Großeltern", weswegen sie, je nach Halb-, Viertel- oder Achteljudenzugehörigkeit, kürzer oder länger auf ihre Ausreise nach Palästina oder anderswohin warten resp. zu warten haben; ja und hoffnungsvoll zeigt sich kaum wer in diesem kleinen Keis.

Die Kinder werden allesamt von Erwachsenen (Hans Dieter Knebel, Jörg Ratjen, Maresi Riegner, Enes Şahin, Nina Siewert, Itay Tiran, Ines Marie Westernströer) verkörpert - ihnen zur Seite agieren Kinder im Kindesalter...

Und das Ganze zieht sich dann in einer Abfolge von rezitierter Figurensprache ziemlich hin und wirkt ganz merkwürdig blutarm; aber egal.

Erschütternd war die Schussszene mit dem aufsteigenden Theaternebel - ich assoziierte sofort das Zyklon B in Auschwitz-Birkenau.

Ansonsten blieb's bei einem Steh- und Sitztheater.
Andre Sokolowski - 31. Oktober 2026
ID 16120
DIE GRÖSSERE HOFFNUNG (Akademietheater, 22.10.2026)
nach dem gleichnamigen Roman von Ilse Aichinger

Regie: Therese Willstedt
Bühnenbild: Mårten K. Axelsson
Licht: Mårten K. Axelsson
Kostüme: Anna Heymowska
Musik: Ditlev Brinth
Dramaturgie: Jeroen Versteele
Besetzung:
Ruth, Großmutter ... Sabine Haupt
Leon ... Hans Dieter Knebel
Konsul, Georg ... Jörg Ratjen
Bibi ... Maresi Riegner
Herbert ... Enes Şahin
Ellen ... Nina Siewert
Kurt ... Itay Tiran
Hanna ... Ines Marie Westernströer
Premiere am Burgtheater Wien: 22. Oktober 2026
Weitere Termine: 24.10./ 01., 07., 17., 27.11./ 26.12.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.burgtheater.at


https://www.andre-sokolowski.de

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