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Premierenkritik

Getanztes

Menschenopfer



Henrik Erikson in La Sacre du Printemps von Glen Tetley | (C) Stuttgarter Ballett

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Für das STUTTGARTER BALLETT gilt das Gebot: „Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.“ Sein Name ist John Cranko. Also kein Gott, aber ein Wesen, das gleich an zweiter Stelle kommt, ist am Neckar der Amerikaner Glen Tetley. Denn er war der unmittelbare Nachfolger Crankos. Aber er blieb nur zwei Jahre, zu kurz, um es zum Götterstatus zu schaffen. Immerhin reichte das, um ihm 19 Jahre nach seinem Tod ein TRIBUTE TO TETLEY zu widmen, das aus seiner gefeierten Version von Strawinskys Le Sacre du Printemps plus den vorausgegangenen Voluntaries und Ricercare besteht. Und er kann sich selbst als Leiche darauf verlassen, dass die örtliche Kritik, die ihre Aufgabe nicht als Kritik eben, sondern, in Übereinstimmung mit der frommen Gemeinde, als Priesteramt begreift, ihre unterwürfige Demut gegenüber Cranko auch auf ihn übertragen wird.

Voluntaries beginnt mit einem Pas de deux, dem sich drei weitere Tänzer zugesellen, um einen Solisten auf der Bühne zurückzulassen, ehe sie mit Halbsolisten und Mitgliedern des Corps de Ballet gefüllt wird. Ricercare hingegen ist, reduktionistisch, ein 18-minütiger Pas de deux zur Musik eines Streichquartetts.

Obwohl Glen Tetley bei Mary Wigman und Martha Graham studiert hat, hat das wenig mit Ausdruckstanz und Modern Dance zu tun. Eher ist es eine Mischung aus klassischem Ballett und Akrobatik: technisch brillant, choreografisch aber mehr virtuos als interessant. Wenn eine Tänzerin stürzt, macht sie spielerisch weiter, als wäre nichts geschehen. Und das treue Stuttgarter Publikum wird mit seine Lieblingen verwöhnt, mit Elisa Badenes, Anna Osadcenko, Friedemann Vogel oder, nach der zweiten Pause, Jason Reilly.

Nach der zweiten Pause auch folgt der Höhepunkt des Abends, Le Sacre du Printemps. Glen Tetleys Version von 1974 in der Stuttgarter Neufassung von 1976 ist eine der großen Choreografien des 20. Jahrhunderts wie Béjarts Boléro. Zwar bedient sich Tetley hier der gleichen Elemente wie in den vorausgegangenen Stücken, aber er profitiert von der Disziplinierung durch die (eigentlich recht dünne) Handlung – das Ritual eines Menschenopfers im heidnischen Russland, analog zum Iphigenie-Mythos, mit dem Unterschied allerdings, dass die Opferung nicht von einem Herrscher, sondern von einem Kollektiv verantwortet wird – und durch die pointierte Musik, die bei der Uraufführung 1913 einen Skandal hervorrief, heute aber wohl weniger empört als die eher dokumentierte als verurteilte Tötung einer Jungfrau. Strawinskis Komposition ist ein Musterbeispiel für die Relativität ästhetischer Urteile. War sie vielen Zeitgenossen zu „modern“, schien sie vielen nur ein paar Jahre später nicht modern genug.

Der lautstarke Jubel am Ende und der Beifall auch für die Einstudierung der Neuproduktionen rechtfertigt solch ein postmortales Nachleben. Es ist im Tanz und sogar in der Oper nicht ungewöhnlich. Warum gibt es im Sprechtheater keine Erneuerungen historischer Inszenierungen? Die Moskauer Rekonstruktion von Wachtangows legendärer Prinzessin Turandot aus dem Jahr 1922 durch Ruben Simonow 41 Jahre später, die sich über Jahrzehnte mit Erfolg auf dem Spielplan des nach Wachtangow benannten Theaters halten konnte, beweist jedenfalls, dass so etwas möglich ist.



Anna Osadcenko und Friedemann Vogel in Ricercare von Glen Tetley | (C) Stuttgarter Ballett

Thomas Rothschild – 26. April 2026
ID 15819
Weitere Infos siehe auch: https://www.stuttgarter-ballett.de


Post an Dr. Thomas Rothschild

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