Marta Górnicka und ihr Kassandra Chorus
entwerfen am Maxim Gorki Theater
ein musikalisch und rhythmisch
choreografiertes Bild deutscher
Befindlichkeit und Zukunftsangst
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Bewertung:
In Kassandra Or Songs oft he Canaries, der neuen Produktion der polnischen Regisseurin Marta Górnicka, steht ein ganzer Kassandra-Chor auf der Bühne des Maxim Groki Theaters. Die Premiere am letzten Wochenende war die letzte der Intendanz von Shermin Langhoff auf der großen Bühne. Die Zeit des großen Abschieds ist gekommen. Im Mai und Juni werden viele Produktionen ein letztes Mal zu sehen sein. Und es hätte kaum ein anderes Stück besser gepasst, die vergangenen 14 Jahre auf den Punkt zu bringen. Mit einem aus migrantischer Sicht neu erzählten Kirschgarten von Anton Tschechow begann die Ära des postmigrantischen Theaters am Gorki. Es wollte den auf deutschen Bühnen Marginalisierten eine Stimme geben. Und am Ende fordert das hier ein sehr diverses Ensemble nochmal lautstark ein.
Und es geht furios los. Die Kanarienvögel zwitschern, und man kommt gar nicht mehr mit, so überlagern sich die Stimmen, die da u.a. von Jan Karski, dem polnischen Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg und Zeugen des Warschauer Ghettos sprechen. Der französische Dokumentarfilmer Claude Lanzmann hat mit ihm den Karski-Bericht für seinen Holocaust-Erinnerungsfilm Shoa gedreht. Nicht erwähnt werden im Film die vergeblichen Versuche Karskis, der westlichen Welt die Gräueltaten der Nazis an den polnischen Juden glaubhaft zu vermitteln. Man glaubte ihm nicht und könnte ihn so für eine moderne Kassandra halten. Nicht gehört zu werden - darum geht es im Stück, das wie immer bei Górnicka chorisch straff durchchoreografiert ist und von der Regisseurin selbst aus dem Saal heraus dirigiert wird.
Und da bekommt der Abend gleich zu Beginn etwas Schieflage, wenn nach Karskis Holocaust-Berichten das Thema zur sogenannten Cancel Culture wechselt. Es werden Kulturinstitutionen, Theater, Kunstausstellungen wie etwa die documenta und deutsche Universitäten genannt, die Zensur ausüben. Später heißt es: „Denk ich an Palästina, werde ich eingeschränkt.“ Es geht um die Meinungsfreiheit. Das hört man immer wieder, und nicht nur aus dem linken Spektrum. Die Anklage richtet sich hier vor allem an die Politik der Bundesregierung, die sich nicht entsprechend zu Kriegsverbrechen in Gaza äußert. Der Begriff Genozid steht auch hier im Raum. Über nichts wird derzeit mehr diskutiert. Nur eben nicht von allen. Ein wenig theatralischer Agitprop für die geschundene deutsche Seele. Der Chor singt ein Lied über den Schmerz und fordert uns auf, die Augen zu öffnen und unser Herz zu erwärmen.
Doch zunächst steht Debbie Arega aus dem inklusiven Ensemble des Theater Tikwa auf der Bühne. Auf ihrem Shirt steht „You are all Idiots“. Aber das sei okay. „I accept it.“ Es geht um die Deutschen als Weltmeister der Erinnerungskultur und der Waffenexporte, aber auch die der Apokalypse. Aufgezählte Allensbach-Studien beweisen das. Da passt die Apokalyptikerin der Antike gut hinein. Kassandra die Seherin des Unglücks, der niemand Glauben schenkt. Sie hätte heute sicher null Follower. „Das größte Opfer der Cancel Culture“, weiß der Chor. Das Kassandra-Syndrom als Menetekel unserer an Katastrophen reichen Welt. Sich zu beschweren ist das eine, etwas zu tun das andere. Hier wird genüsslich die bekannte Zähl-Ballade „Der Herr, der schickt den Jockel aus“ chorisch deklamiert. Eine Geschichte mit jüdischen Wurzeln und der Erkenntnis, dass der Herr es schon irgendwie richten wird. Deutschland wird auferstehen, bemerkt ironisch der Chor, der musikalisch und choreografisch durchaus überzeugt.
Deutschland steckt in der Dauerkrise mit posttraumatischer Belastungsstörung. Man drückt sich vor der Verantwortung und will auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Besonders schlecht kommen dabei die Politiker weg. Der Chor bringt hier Zitate vom deutschen Stadtbild über „Der Bundestag ist kein Zirkus“ bis „Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“. Ein Rundumschlag, der nicht mit Tipps zur Besserung spart. „Glaubt nicht an den Scheiß, den Alice Weidel erzählt.“ Und gegen die Angst hilft Introspektion. Ein wenig Selbsterkenntnis kann nie schaden. Hier gibt es dazu noch ein Rezept aus der palästinensischen Küche. Am Ende stellen sich alle Beteiligten in kurzen Monologen vor. Wir hören von senegalesischen Griots, den Geschichtenerzählern und Überlieferern von Stammesmythen, der Grupa Granica, die humanitäre Hilfe für Geflüchtete an der polnisch-belarussischen Grenze leistet, oder dass der Krieg im Iran nicht nur höhere Ölpreise und Massenfluchten nach sich zieht, sondern Leid für die Bevölkerung. Dagegen möchte der Chor noch etwas Optimismus für die Zukunft verbreiten. Die dürfte weiter ungewiss bleiben. Hier bläst dem Publikum erstmal der Sturm per Windmaschine ins Gesicht.
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Kassandra Or Songs oft he Canaries am MGT Berlin | (C) Ute Langkafel MAIFOTO
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Stefan Bock - 23. April 2026 ID 15815
KASSANDRA OR SONGS OF THE CANARIES (Maxim Gorki Theater, 21.04.2026)
Konzept und Regie: Marta Górnicka
Libretto: Marta Górnicka, Ensemble
Musik: Marta Górnicka, Wojciech Frycz
Bühne: Mirek Kaczmarek
Kostüme: Pola Kardum
Choreografie: Evelin Facchini
Vocal Coach & Musical Consultant: Joanna Piech-Sławecka
Dramaturgie: Endre Malcolm Holéczy und Anja Nioduschewski
Mit: Aziza A., Niousha Akhshi, Debbie Arega, Gabriela Beltramino, Robin Francis Denner, Sofia Gubar, Abib Kilian Hempe, Helena Kauschke, Viktoriia Kosorukova, Maja Kowalczyk, Flavia Lefèvre, Jay Mayhew, Karolina Nägele, Joanna Niemirska, Cintia Sofia De Pina Pires, Mathis Reinhardt, Marcela Römhild, Iga Rudnicka, Fifi Rutkowski, Sophia Slamani, Veza van der Sman, Maimouna Sow, Sonnhild Trujillo & Karyna Yağiz
Premiere war am 18. April 2026.
Weitere Termine: 05., 30.05.2026 sowie 03., 04., 05.06.2026 (bei den Wiener Festwochen)
Weitere Infos siehe auch: https://www.gorki.de
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