Sören Hornungs
Bühnenfassung des
autofiktionalen
Romans von
Joachim Meyerhoff
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Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke am Schiller-Theater Rudolstadt | Foto (C) Anke Neugebauer
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Bewertung:
Gerade erst verfilmt von Simon Verhoeven mit Senta Berger und Michael Wittenborn ist von Joachim Meyerhoffs 2015 erschienenem Roman Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke auch mal wieder eine neue Bühnenfassung zu sehen. Sören Hornung hat den Roman für das nach längerer Umbauphase und dem Neubau des Zuschauerhauses im September letzten Jahres neu eröffnete SCHILLER-THEATER RUDOLSTADT adaptiert. Statt sich inhaltlich an der Romanhandlung abzuarbeiten, hat sich der Regisseur für eine mehr assoziative Herangehensweise entschieden. Gleich drei Darsteller und eine Darstellerin verkörpern hier den jungen Joachim auf seinem Weg zur und durch die Ausbildung in der Schauspielschule in München und streiten sich um die Rolle und eine in den Boden eingelassene sinnbildliche Lücke, in der man körperlich verschwinden oder auch den Text entsorgen kann.
Diese Lücke und das titelgebende Goethe-Zitat aus dem Werther-Roman steht im Buch auch für das Fehlen des verunglückten Bruders von Autor Meyerhoff, aber auch für die Zweifel und Zerrissenheit des jungen Joachim, der eigentlich nicht gesehen werden will, mehr ein Beobachter des Lebens als aktiver Teilhaber, wie es ihm sein Großvater Hermann einmal sagt. Die Großeltern Inge und Hermann, hier dargestellt von Franka Anne Kahl und Rayk Gaida, sind zweites Zentrum dieser Inszenierung, für die Freya Elisabeth Partscht das rosa Zimmer auf die Bühne im Neuen Rudolstädter Theaterbau gestellt hat.
Das Ende steht hier gleich am Anfang. Mit Klavierbegleitung erklingt „Sag beim Abschied leise Servus“. Alle Toten fliegen hoch heißt der Theaterabend in 3 Teilen, mit dem Joachim Meyerhoff 2008-2009 am Akademietheater Wien selbst aufgetreten ist. Später hat er die autofiktionalen Geschichten zu einer mehrteiligen Romanreihe literarisch verdichtet. Für die Theater ist das eine reiche Fundgrube. In Rudolstadt widmet sich der 100-minütige Abend nun dem jungen Schauspielschüler Joachim und seinen Problemen an der Schauspielschule. Am Rand der Bühne steht ein Garderobenständer mit Kostümen, von dem sich das Ensemble immer wieder bedient. Einzelne Figuren wie etwa die Schauspiellehrerin, die Joachim auffordert, mit den Brustwarzen zu lächeln, werden von den vier Joachims wechselnd dargestellt.
Aron Torka spielt die meiste Zeit den verunsicherten Joachim, bei seinen Versuchen die Aufnahmeprüfung zu bestehenden, oder einen Effie Briest-Text als Nilpferd vorzutragen. Seine Initialzündung erlebt er aber bei der Kostümversteigerung im Glitzerdress mit langem weiten Rock. Joachims frühere Vorstellung vom Theaterspielen: „Ich wollte auf der Bühne stehen, aber nicht gesehen werden“, wandelt sich so mit der Zeit. Behilflich dabei sind ihm vor allem seine Großeltern, die ihm immer wieder Mut zusprechen. Ihren minutiös nach ganz speziellen Ritualen ablaufenden Alltag, bei dem vor allem alkoholische Getränke eine Rolle spielen, werden hier ebenso lustig dargestellt, wie die Liebe für ihren „Liebeling“ genannten Enkel. Vom bloßen Durchhalten bis zur Teilhabe am Leben ist es für Joachim ein weiter Weg.
Franka Anne Kahl als ehemalige Theaterdiva Inge bekommt einen schönen Pausenmonolog, bei dem hinter dem Vorhang die Bühne umgebaut wird und das rosa Zimmer nun von hinten zu sehen ist. Die Geschichte ihres Unfalls wird hier als Filmdreh gespielt. Vom unsicheren, neben sich Stehen Beobachter bis zur Darstellung der Wahrhaftigkeit im Augenblick. Der Werdegang eines jungen Schauspielers, wie er für viele typisch sein mag. Schuberts Wanderer, letzte Worte und wieder ein leises Servus zum Abschied für die Großeltern, die nun ebenfalls Teil dieser Lücke sind, beschließen diesen kleinen faszinierenden Abend.
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Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke am Schiller-Theater Rudolstadt | Foto (C) Anke Neugebauer
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Stefan Bock - 12. April 2026 ID 15797
ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE (Schiller-Theater Rudolstadt, 07.04.2026)
nach dem gleichnamigen Roman von Joachim Meyerhoff
Regie: Sören Hornung
Bühne und Kostüme: Freya Elisabeth Partscht
Dramaturgie: Josephine Tietze
Mit: Aron Torka, Anne Kies, Franz Gnauck, Johannes Geißer, Franka Anne Kahl und Rayk Gaida
Premiere war am 4. April 2026.
Weitere Termine: 25.04./ 08., 17.05.2026
Weitere Infos siehe auch: https://schiller-theater.de/
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