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Neue Stücke

Die kleinen

Meerjungraun

von Kim de l´Horizon


Bewertung:    



Kim de l’Horizon (34) ist seit der Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis 2022 für den Roman Blutbuch bekannt. Bühnenfassungen gab es davon an mehreren deutschsprachigen Theatern. Die Adaption vom Theater Magdeburg wurde 2025 zum Berliner THEATERTREFFEN eingeladen. Nun hat Kim de l'Horizon ein neues Theaterstück vorgelegt, das im September 2025 an den Bühnen Bern uraufgeführt wurde. Die kleinen Meerjungraun bedient sich beim Märchen Die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen, aber auch beim Disney-Klassiker The Little Mermaid. Nach Hänsel & Greta & The Big Bad Witch (2023) ist Kim de l’Horizon zum zweiten Mal mit einem Stück zu den AUTOR:INNENTHEATERTAGEN am Deutschen Theater Berlin eingeladen. Das Stück hat in der Uraufführungs-Inszenierung des Kollektivs ACE gerade am vergangenen Wochenende auch den Mülheimer Dramatikpreis erhalten.

Märchenstoffe scheinen Kim de l'Horizon zu liegen. Schon in Blutbuch gab es diese Lust am Fabulieren. Aber auch einen unbändigen Hang zum Wortspielen, der mit einigen Anleihen bei Elfriede Jelinek besonders im ersten Teil der 90minütigen Inszenierung zum Kalauern neigt. Regisseurin Alia Luque hat den Monologtext auf drei SchauspielerInnen aufgeteilt. Lucia Kotikova, Claudius Körber und Linus Schütz treten in schwarzen Anzügen und weißen Blusen (Kostüme: Ellen Hofmann) aus dem Saal auf die Bühne der DT-Kammerspiele, die von Christoph Rufer mit ein paar Wildtieren wie Hirschen, Vögeln und einem Affen bevölkert wurde. An der Bühnenrückwand prangt ein, wie man hört, echt bemalter Vorhang mit einem idyllischem Landschaftsmotiv. Auf Kies gebettet ruht davor der nackte Jonathan Loosli wie die schlummernde Venus, zeigt dem Publikum den ganzen Abend aber nur seinen Rücken.

Kim de l'Horizon macht aus der im Märchen weiblich gelesenen Meerjungfrau eine non binäre Meerjungrau ohne "f", die hier im Trio über ihre Sehnsucht nach dem droben durch die Beschreibung eines Blicks durch einen gläsernen Schiffsboden auf den sogenannten Marmormarco, einen richtigen "Mannesmann" beschreiben. Der wird dann natürlich auch direkt vor dem nackten Adonis im Bühnenhintergrund angehimmelt. Der Text hat Witz, ist zudem auch sexuell explizit. Die Interaktion mit dem Publikum wird ebenfalls gesucht. Alles was Beine hat, wird als Ideal verehrt, und einige im Publikum dürfen diese auch zeigen. Das Flutschige im Untertitel des Stücks, der Fischschwanz also, soll ab. Dazu wird eine Hexe namens Ursu La Saucières bemüht. Dabei wechseln die drei auch munter in andere Rollen.

Der Text zelebriert eine Idealwelt der Liebe, die es so natürlich nicht gibt. Das Angleichen der Meerjungrau in diese Welt ist mit der Aufgabe der eigenen Form und Identität erkauft. Das wird hier auf der Bühne mit großen Augen und Gesten mehr ausdiskutiert als gespielt, was sich etwas sehr in die Länge zieht und mit einigen Monologen dann in die Verteidigung der eigenen Flutschigkeit mündet. Man neckt sich, und man mobbt sich. Ausgrenzung ist das große Thema. Auch bedient sich Kim de l'Horizon da beim Grimm’schen Märchen Allerleirau. In einem langen Schlussmonolog beschwört Lucia Kotikova noch die Utopie der Solidarität der Menschenwesen mit der Minderheit der Rauen und vergibt ihnen ihre Ignoranz. In der echten Welt darf Jonathan Loosli am Ende aufstehen und bekommt ein flutschiges Glitzerkleid angezogen. In Bern ist er so mit Kamerabegleitung durch die Stadt gelaufen. Auch im DT sieht man ihm im Livestream aus dem Theater schreiten, während die Bühne langsam abgebaut wird.

Das alles scheint die Jury in Mülheim sehr beeindruckt zu haben. Letztendlich siegt der Text 3:2 Jurystimmen gegen Anna Behringers Stück Aufzeichnungen aus einem weißen Zimmer. Ein Prosagedicht über zwei neurodivergente Schwestern. Auch nicht gerade ein Mehrheitsthema. Der klassische dialogische Theatertext scheint damit wohl nicht mehr preiswürdig zu sein, was er spätestens seit Elfriede Jelinek oder René Pollesch eh nicht mehr war. Beunruhigen muss einen das sicher nicht. Neue Texte gibt es wieder in der Langen Nacht bei den ATT im Deutschen Theater. Man darf gespannt sein.



Die kleinen Meerjungraun an den Bühnen Bern | Foto (C) Fabian Stransky

Stefan Bock - 10. Juni 2026
ID 15898
DIE KLEINEN MEERJUNGRAUN (DT-Kammerspiele, 08.06.2026)
Das Flutschige strikes back. Eine Komödie von Kim de l'Horizon

Inszenierung: Trio ACE mit Alia Luque (Regie), Christoph Rufer (Bühne) und Ellen Hofmann (Kostüm) Licht: Jonas Bühler
Dramaturgie: Felicitas Zürcher
Mit: Lucia Kotikova, Claudius Körber, Jonathan Loosli und Linus Schütz
UA an den Bühnen Bern: 27. September 2025
Gastspiel zu den Autor:innentheatertagen 2026


Weitere Infos siehe auch: https://buehnenbern.ch


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