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Konzertkritik

Neugier,

dein Name

ist Weib



Blaubart überreicht den Schlüssel (Holzstich von Gustave Doré aus dem Buch Les Contes de Perrault, dessins par Gustave Doré, 1862) | Bildquelle: Wikipedia

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Nicht nur Elsa aus dem Lohengrin muss kläglich scheitern, weil sie Alles (aber auch Alles) über ihren Liebsten wissen will - auch Judith, die in Herzog Blaubarts Burg partout nicht locker lässt, versteift sich derart hartnäckig mit ihrer Fragerei, dass sie am Schluss, so aussichtslos wie einst die Titelheldin aus Aida, im Gegrüft verenden wird...

Doch Scherz beiseite:


Bartóks Operneinakter - eins meiner absoluten Lieblingsstücke - hört und liest sich freilich dann nicht annähernd im Sinne von Dorés Holzstich von 1862 [s. Foto oben rechts]; da sieht man einen alten Griesgram à la Mann mit Goldhelm und ein eingeschüchert tuendes Kleingretchen aus der mittelalterlichen Faust-Zeit, das dann auf die Aushändigung jenes allerletzten Schlüssels harrt o.s.ä.

Hier und heute, also in der ungefähren Aura rund um Bartóks Lebensdaten, wirkt die Angelegenheit viel surrealer und hat einen psychoanalytischen Aspekt: Einsames Mannsbild hat sich seine vormaligen Liebespartnerinnen, die ihn scheinbar nicht von seiner Einsamkeit erlösen konnten, galeristisch aufgehoben; sie stehen symbolisch für den Morgen, für den Mittag, für den Abend seines hocheinsamen Manneslebens irgendwo ganz oben in der Blaubartburg - auf seiner insgeheimen Suche nach der letzten Liebsten (einer Art von Nachtprinzessin) läuft ihm unvermittelt Judith'chen zwischen die Beine; Blaubart hadert zwar noch, weil ihm die Attacke irgendwie dann doch zu überraschend und v.a. vielzu aufdringlich erscheint, doch lässt er sich schlussendlich mit der Eindringlingin ein... Sie fragt und fragt und fragt, er antwortet und antwortet; gleichsam öffnet er ihr freiwillig fünf von sieben Türen seines düstern Schlosses. Als ihr das am Ende nicht genug ist, fährt er unbeirrt im Türaufschließenlassen fort - Judith steht quasi wie verstummt vor einem Tränensee und muss (letztendlich) ihre drei scheinbar "zum Leben wiedererweckten" Liebesvorläuferinnen erspähen usf.

Rinat Shaham & Gábor Bretz verinnerlichen das auf schier perfekte Art und Weise. Beide sind als junges und als schönes Paar hier angetreten - es ist also auch dann eine Augenweide, ihren zwischen Vorsichtnahmen sowie Obsessivausbrüchen hin wie her schwankenden Gesten zuzusehen. Shahams hellleuchtender Mezzo kann v.a. auch dann "unten her" (bis in die Tief-Altsphären) wühlen und erschreckende Momente dieses unberechenbaren Judith-Wesens aufdecken. Und Bretz nimmt man die unsägliche Trauer und Verzweiflung über das durch ihn gestalterisch und stimmlich offenbarte Blaubart-Dasein ohne jeden Zweife ab.

Schauspieler Ulrich Noethen rezitiert dann die in die Musik hineinreichende deutsche Übersetzung des Prolog-Textes von Wilhelm Ziegler (1963) - keine wirklich gute Idee, denn: Allgemein und üblich wird die Oper inkl. des Prologes fast ausschließlich "nur noch" in der ungarischen Sprache aufgeführt; das klingt auch, wegen ihrer einzigartig-schön sich manifestierenden Lautmalerei, viel besser als jetzt dieser unerbetene Sprach-Mischmasch.

Simon Rattle steigert nun mit den Berliner Philharmonikern die Stimmungswidersprüche der Figuren aufs Immenseste - das hymnische Verlautbaren nach Aufstoßen der fünften Tür, zum Beispiel, oder jener Nebelschwadeneriesel beim bereits erwähnten Tränensee... Gänsehaut pur!!



* *

Und vor der Pause gab es noch die deutsche Erstaufführung des Klavierkonzerts von HK Gruber mit dem Pianisten Emanuel Ax - - da blieben lediglich, als Zeichen meiner individuellen Nachbereitung, diese Einsätze Nikolaus Resa's an zwei zusätzlichen Tasteninstrumenten (außer dem Klavier) merkwürdig haften; ja, die Stellen für das Tastaturglockenspiel waren viel hörbarer als diejenigen für Celesta.
Andre Sokolowski - 17. März 2017
ID 9916
BERLINER PHILHARMONIKER (Philharmonie Berlin, 16.03.2017)
HK Gruber: Konzert für Klavier und Orchester
Auftragswerk der Stiftung Berliner Philharmoniker gemeinsam mit New York Philharmonic, Stockholm Philharmonic und Tonhalle Orchester Zürich (Deutsche Erstaufführung)
Béla Bartók: Herzog Blaubarts Burg Sz 48
Emanuel Ax, Klavier
Rinat Shaham, Mezzosopran
Gábor Bretz, Bass
Ulrich Noethen, Sprecher
Berliner Philharmoniker
Dirigent: Sir Simon Rattle


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-philharmoniker.de


http://www.andre-sokolowski.de

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