Das Tier
in ihr
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Ambur Braid als Lady Macbeth von Mzensk in der gleichnamigen Oper von Dmitri Schostakowitsch - an der Komischen Oper Berlin | Foto (C) Monika Rittershaus
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Bewertung:
Ambur Braid lässt uns von Anfang an spüren, was das eigentliche Problem der von ihr grandios dargestellten und gesungenen Katerina Ismailowa - Schostakowitschs berühmt-berüchtigter Lady Macbeth von Mzensk - ist, nämlich ihre sexuelle Unbefriedigtheit. Und noch bevor der Opernthriller nach und nach so richtig Fahrt aufnimmt, begutachten wir sie in einer gelangweilt räkeligen Attitüde, die zum Ausdruck bringen soll, dass sich ihr Leib nach etwas sehnt, was sie derzeit nicht oder nicht mehr hat, sprich einen sie begehrenden und womöglich sogar liebenden Mann; solche von ihr verlautbarten Naturklischees (Libretto: Alexander Preis) wie beispielsweise dass der Hengst zur Stute, der Ochse zur Kuh, der Kater zur Katze oder der Täuber zur Taube will und bei ihr halt "selbiges" vakant wäre, lassen ihre sehrende Sehnsucht danach erkennen. Kurzum: Ihr Gatte liefert nicht, und der Frust ihres in jeder Hinsicht dominanten Schwiegervaters, der in erster Linie auf einen Erben drängt, bestimmt das toxisch aufgeladene Ehe- und Familienklima im Hause des Getreidehändlers Boris Timofejewitsch Ismailow und seines (sexuell) untauglichen Sohnes Sinowi. Wie da heraus kommen?
Die nach Sex und Liebe Gierende riecht Ersatz: Sergej, ein neuer Fuhrarbeiter im Ismailow'schen Betrieb, den die Belegschaft schon länger als stadt- und landbekannten Schürzenjäger kennt und wohl auch mag, nutzt die vorübergehende Abwesenheit von Katerinas Gatten, der auf Dienstreise ist, um ihr unmissverständliche Avancen zu machen - die von ihm Angebaggerte greift genüsslich zu, und beide fallen übereinander her; ihr sexueller Rausch hört sich bei Schostakowitsch untoppbar glaubwürdig an; noch glaubwürdiger klingt es etwas später, wenn die zwei verhassten Männer (Katerinas Schwiegervater und dessen nichtsnutziger Sohn) der untilgbaren Mordswut und -lust zum Opfer fallen: der Alte stirbt qualvoll an Rattengift, der Junge wird erschlagen und verscharrt; und Katerina & Sergej heiraten...
Alles kommt am Schluss natürlich raus, und beide (Mörderin & Mörder) werden von der Polizei gestellt und nach Sibirien verbannt - dort betrügt der Gatte die Gattin mit einer anderen Straftäterin und sagt sich also endlich von ihr los; er hatte ihre Klammerei schon lange satt gehabt und fühlte sich in seiner (sexuellen) Freiheit mehr als eingeschränkt. Sie wird im Umkehrschluss von der Konkurrentin gedemütigt, und Katerina würgt sie daraufhin zutode und knallt sich an- und abschließend mit einem in das Straflager geschmuggelten Revolver eine Kugel durchs Gehirn. (Das alles weicht zwar was vom Urtext dieser Oper ab, aber Barrie Kosky hat in seiner Inszenierung durch und durch glaubwürdige "Aktualisierungen" vorgenommen!)
Die Bühne von Rufus Didwiszus ist steingrau und kahl, nur ein Bett und jede Menge rein und raus getragene Tische und Stühle bestimmen das Bild - und die sensationell spielenden und singenden Chorsolisten der Komischen Oper Berlin (dem mit Abstand besten der drei Opernchöre in Berlin).
Dmitry Ulyanov verkörpert mit seiner stimmlichen als wie darstellerischen Wucht den Boris, die Hassgestalt in Schostakowitschs Meisterwerk.
Die Braid [ich erlebte sie erstmals vor drei Jahren in Tobias Kratzers spektakulärer Inszenierung von Rudi Stephans Die ersten Menschen an der Oper Frankfurt] lässt keinen Zweifel daran, dass sie an mit Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine der besten Katerinas, die der internationale Opernbetrieb derzeit zu bieten hat, ist; und vergleiche ich sie beispielsweise mit Kristīne Opolais, die die Rolle unter ihrem Ex-Mann Andris Nelsons mehr als oft performte, will mein privates Sympathiependel deutlich zu Amburs Gunsten ausschlagen.
Sean Panikkar ist ein sehens- und hörenswerter Sergej.
Elmar Gilbertsson überzeugt als Gattenversager Sinowi.
Casper Krieger besticht mit seinen tenoralen Extremhöhen und seinen extrovertierten "Showeinlagen" in der Charakter-Nebenrolle des sog. Schäbigen.
Auch Mirka Wagner (als fiese Aksinja), Dimitry Ivashchenko (als dauerbesoffener Pope), Marcell Bakonyi (als Polizeichefkarikatur), Susan Zarrabi (als gruppenvergewaltigte Sonjetka) oder Stephen Bronk (als teiresiannische Zwangsarbeiterlegende) dürfen nicht ungenannt bleiben.
Das Orchester der Komischen Oper Berlin, das seit Jahren und Jahrzehnten in allen möglichen Stilen und Richtungen zuhause ist, meistert "seine" Lady Macbeth von Mzensk mit beispielloser Schlagkraft und stilettiner Genauigkeit; mich hat's fast umgehauen, was da unter der Leitung von James Gaffigan (der vor ein paar Tagen seinen GMD-Vertrag bis 2030 verlängerte) aus dem Orchestergraben zu hören war!
Nicht enden wollender Premierenbeifall.
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Lady Macbeth von Mzensk von Dmitri Schostakowitsch - an der Komischen Oper Berlin | Foto (C) Monika Rittershaus
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Andre Sokolowski - 2. Februar 2026 ID 15678
LADY MACBETH VON MZENSK (Schillertheater, 31.01.2026)
Musikalische Leitung: James Gaffigan
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühnenbild: Rufus Didwiszus
Kostüme: Victoria Behr
Dramaturgie: Daniel Andrés Eberhard
Chöre: David Cavelius
Licht: Olaf Freese
Besetzung:
Boris Timofejewitsch Ismailow / Geist des Boris ... Dmitry Ulyanov
Sinowi Borissowitsch Ismailow ... Elmar Gilbertsson
Katerina Lwowna Ismailowa ... Ambur Braid
Sergej ... Sean Panikkar
Aksinja ... Mirka Wagner
Der Schäbige ... Caspar Krieger
Pope ... Dimitry Ivashchenko
Polizeichef ... Marcell Bakonyi
Sonjetka ... Susan Zarrabi
Alter Zwangsarbeiter ... Stephen Bronk
Hausknecht ... Junoh Lee
Zwangsarbeiterin ... Elisa Maayeshi
Lehrer ... Thoma Jaron-Wutz
1. Vorabeiter / Kutscher ... Volker Herden
2. Vorarbeiter ... Taiki Miyashita
3. Vorarbeiter ... Philipp Schreyer
Verwalter / Wächter ... Ezra Jung
Polizist ... Carsten Lau
Bote ... Philipp Schreyer
Komparserie
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin
Premiere an der Komischen Oper Berlin: 31. Januar 2026
Weitere Termine: 06., 08., 24., 26.02./ 01., 07., 14.03.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.komische-oper-berlin.de
https://www.andre-sokolowski.de
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