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Premierenkritik

Wolfgang

rastet

aus



Mozarts Die Entführung aus dem Serail mit Bülent Ceylan (als Bassa Salim) - an der Staatsoper Unter den Linden | Foto (C) Stephan Rabold

Bewertung:    



Rein zufällig saß der frühere ZDF-Redaktionsleiter von "aspekte" direkt hinter mir, und plötzlich rastete er lauthals aus, als der grandios leise und immer leiser singende Michael Laurenz seine Pedrillo-Arie "Im Mohrenland gefangen war" (die lt. der Inszenierungsanweisung von Andrea Moses immer wieder durch szenische Zwischenaufenthalte des hochsympathischen Bülent Ceylan, der mit seinem Kameramann sowohl im Parkett als auch im Rang bzw. von der Proszenniumsloge aus vereinzelte und teils gestellte Publikumsreaktionen, die dann auf die beiden LED-Bildschirme von Raimund Bauers Bühnenkonstruktion live gestreamt wurden und zu befreienden Lachern im Publikum führten, unterbrochen war) zum Besten gab - da platze Wolfgang H. der Kragen, und er buhte wütend mittenrein, ja und nachdem ihm das zu seinem öffentlich bekundeten Zorn nicht ausreichte, legte er noch mit ein paar verbalen Einwürfen wie beispielsweise "Jetzt lass ihn doch endlich mal singen!" o.s.ä. kräftig nach, und seine Unentspanntheit hatte irgendwie schon was Bedrohliches; ich fürchtete, dass es noch weiter eskalieren könnte, doch es blieb gottlob bei diesem kleinen und nicht minder amüsanten Zwischenfall.

Das [s.o.] war dann eine der Premierenreaktionen des an sich gutlaunigst gestimmten Publikums während und nach Mozarts Die Entführung aus dem Serail - kurzum: Die Inszenierung wurde überschwänglich gefeiert, und eigentlich gibt es im Nachhinein wenige Punkte, derentwegen man sie groß bekriteln müsste. Der eine wäre sicherlich, dass die mehr oder weniger übergriffige Okkupierung der gesamten Produktion durch den deutsch-türkischen Comedian Bülent Ceylan (ein Intendantinnen-Geniestreich übrigens, dass er in sie dann sozusagen eingebucht worden war, wahrscheinlich war das Moses' Kernidee, damit dann ihre Inszenierung so verliefe wie sie halt verlief) nicht immer zum Vorteil sprich Gesamtverständnis des inhaltlichen und v.a. musikalischen Verlaufs der Mozart-Oper, um die es ja eigentlich gehen sollte, geriet. Aber egal, im Großen und Ganzen funktionierte es! Und weil der gute Bülent selbstgerechtermaßen auch zig Leute seiner Fan-Gemeinde zur Premiere mit dabei zu haben schien, dominierten die natürlich die gesamte Pro-Stimmung, und die paar schlechtgelaunten Opernkenner-Miesepeter waren letztlich halt nur randgestaltig [s.o.] wahrnehmbar.

Und außer dass der Bülent ziemlich ausgedehnte One-Man-Show-Einlagen ablieferte, war er auch noch als Bassa Selim auf dem Besetzungszettel gelistet, und den wiederum stellte er mit karikaturistischer Führerstimme und überdimensionalem osmanischem Turbanbausch (Kostüme: Anja Rabes) dar und aus.

Schnell hatte ich mich an alles das gewöhnt und kam dann irgendwie mit all dem klar; so Opern sind nun mal auch Spiel im Spiel.

*

Den hauptgewinnendsten Aspekt dieser Neuproduktion an der Staatsoper Unter den Linden (die letzte Entführung hier stammte von Regisseur Michael Thalmeimer und wurde von Philippe Jordan dirigiert; das war 2009) kann und muss die musikalische Darreichung betreffen:

Thomas Guggeis (etliche Zeit vor seiner Berufung zum GMD der Oper Frankfurt als Assistent von Daniel Barenboim am hiesigen Hause tätig und sodurch natürlich mit der Staatskapelle Berlin seit Jahren bestens vertaut) dirigierte vom Hammerklavier aus, und da der Orchestergraben hochgefahren wurde, konnte man selbst aus der Ferne die fast kammermusikalische Aufstellung des Orchesters bemerken; und wie der Guggeis dann mit seinen "bloßen Händen" die Instrumente der Musikerinnen und Musiker zum Ein- und Ausatmen brachte, war schon unerhört, will sagen: So ein luftiges und hochpräzise aufeinander abgestimmtes Orchestespiel hatte ich wohl in meinem ganzen Leben noch nie zuvor in einer live musizierten Entführung wahrnehmen dürfen, es klang nicht nur sensationell sondern sah auch so aus!!

Gesanglich war es nicht minder prächtig! Allen voran Adela Zaharia (als Konstanze) - nein, hatte man derart glasklare Koloraturen je vorher gehört? Drei mordsschwer zu singende Arien galt es zu stemmen, die eine artistischer als die andere, und bei der dritten ("Martern aller Arten") verschlug's mir fast die Sprache - und da ging dann auch die Post im Saal so richtig ab.

Auch die junge Serafina Starke (als Blondchen) verblüffte mit ihren rasierklingenscharfen Höhen.

David Steffens (als Osmin) wäre zwar nicht mit Kurt Moll vergleichbar, überzeugte aber trotzdem.

Bei Siyabonga Maqungo (als Belmonte) war zu konstatieren, dass das Stimm- und diesbezügliche Durchhaltevermögen an gewisse Grenzen stieß. Beim Duett mit Konstanze ("Welch ein Geschick! – O Qual der Seele!") hatte sich dann sein Tenor stabilisieren können.

* *

Und was am insgesamten Textanteil zu viel war, wurde schließlich durch den zügigen, rasanten musikalischen Ablauf tempomäßig wieder wettgemacht.

Die Produktion könnte ein Selbstläufer werden und ein neues und v.a. jüngeres Opernpublikum aquirieren, man kann nur hoffen, dass der Bülent hierfür weiter zur Verfügung stünde und sich also dementsprechend seine Staatsoper-Termine und im Dienste "einer gute Sache" frei hielte.




Die Entführung aus dem Serail an der Staatsoper Unter den Linden, 2026
Foto (C) Stephan Rabold

Andre Sokolowski - 28. Juni 2026
ID 15924
DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL (Staatsoper Unter den Linden, 27.06.2026)
Singspiel von Wolfhang Amadeus Mozart
Neufassung und Moderationen von Bülent Ceylan, Andrea Moses und Michael Höppner (unter Verwendung des Originaltextes von Johann Gottlieb Stephanie)

Musikalische Leitung: Thomas Guggeis
Inszenierung: Andrea Moses
Spielleitung: Caroline Staunton und Leander Teßmer
Bühne: Raimund Bauer
Kostüme: Anja Rabes
Licht: Irene Selka
Videodesign: Andrea Gabriel
Einstudierung Chor: Gerhard Polifka
Dramaturgie: Michael Höppner und Detlef Giese
Besetzung:
Bassa Selim ... Bülent Ceylan
Konstanze ... Adela Zaharia
Blonde ... Serafina Starke
Belmonte ... Siyabonga Maqungo
Pedrillo ... Michael Laurenz
Osmin ... David Steffens
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Premiere war am 27. Juni 2026.
Weitere Termine: 01., 05., 08., 11.07.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-berlin.de


https://www.andre-sokolowski.de

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