Tod durch
Guillotine
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Dialogues des Carmélites von Francis Poulenc - an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Matthias Baus
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Bewertung:
Die Dialogues des Carmélites (dt.: Gespräche der Karmelitinnen) sind eine der widerstandsfähigsten Opern seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und zugleich das mit Abstand bekannteste Werk des Franzosen Francis Poulenc (1899-1963). Gerade in unserer Gegenwart, 69 Jahre nach der Uraufführung, steht es immer wieder auf den Spielplänen innerhalb und außerhalb Deutschlands. Ob sich der Erfolg der Musik oder dem Thema, dem vom Komponisten auf der Grundlage eines Drehbuchs von Georges Bernanos nach einer Novelle von Gertrud von le Fort in französischer Sprache verfassten Libretto beruht, ist schwer zu sagen. Auffällt jedoch, dass Stuttgarts Opernintendant Viktor Schoner knapp drei Jahre nach Olivier Messiaens Saint François d'Assise einen weiteren, wenn auch verqueren katholischen Stoff gewählt hat. Das darf man durchaus als Symptom für die Stimmung im Land bewerten, erst recht im „Ländle“, dessen scheidender Ministerpräsident auf grünem Ticket kürzlich erklärte:
„Gerade in den aktuellen Umbruchzeiten brauchen wir die Begleitung durch die Kirchen, mit einem klaren Kompass an Grundwerten und Grundüberzeugungen, mit einem Kompass, der Lebensklugheit mit konstruktiver Kritik verbindet."
Damit niemand daran zweifelt, welche Kirchen er meint, lobt ihn die katholische Kirche online:
„Diese Prägung zeigt sich auch in den kirchlichen Ehrenämtern, die er hatte oder hat: im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), im Diözesanrat der Erzdiözese Freiburg, im Kuratorium der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, im Verein der Freunde der Erzabtei Sankt Martin zu Beuron und im Kirchenchor seines Heimatdorfs Laiz an der Donau.“
Bemerkenswert ist das schon, wie großzügig einer, der nicht willens ist, die Leidtragenden des Radikalenerlasses, von dem er vor seinen mit der Absolution verbundenen Reuebekenntnissen selbst betroffen war, zu rehabilitieren, bereit ist, über Kreuzzüge, die Inquisition, Hexenverbrennungen, katholische Priester wie den slowakischen Ministerpräsidenten Josef Tiso, der mit den Nationalsozialisten kollaboriert hat, oder wie den kroatischen Franziskaner Miroslav Filipović, der Kommandant des Konzentrationslagers Jasenovac war, die katholische Fluchthilfe für NS-Täter hinwegzusehen, als hätten sie nichts mit den Grundwerten der katholischen Kirche zu tun.
Wer nun Florentina Holzingers Sancta als Ausgleich zur beschriebenen Tendenz an der Stuttgarter Oper anführt, unterliegt einer, nicht zuletzt von Kirchenvertreten verbreiteten Täuschung. Die gefeierte Show ist nicht mehr als ein Passionsspiel im trügerischen Gewand der Religionskritik. Als wäre die offene Wunde, die viele Zuschauer als provokant empfinden, nicht durch die Bibel vorgegeben und in jedem Herrgottswinkel veranschaulicht. Dass Holzingers Selbstverletzungsrituale kirchenkritisch gemeint seien, kann nur behaupten, wer nicht zur Kenntnis nimmt, dass sie schon in ihren früheren, absolut nonnenfreien Choreografien vorkommen. Verglichen mit Sancta sind Die Teufel von Loudun des gläubigen Katholiken Krzysztof Penderecki die reine Blasphemie. Wie wäre es, wenn man sich in Stuttgart nach so viel Katholizismus einmal an den fast vergessenen Aufklärer Mauricio Kagel erinnerte?
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Dialogues des Carmélites spielt während der Französischen Revolution und handelt von Karmelitinnen, die sich weigern, ihrem Gelübde abzuschwören und dafür den Tod durch die Guillotine erleiden müssen.
Ausgerechnet Nonnen auf dem Umweg über Olympe de Gouges, die es tatsächlich gegeben hat, die aber bei Poulenc nicht mitspielt, die nicht nur keine Nonne war, sondern im Gegenteil unter anderem in ihrer Schrift Das Kloster oder die erzwungenen Gelübde die Kirche kritisiert hat, zu Kronzeugen des Feminismus zu machen, ist gewagt. Indem die Regisseurin Ewelina Marciniak nicht Repräsentantinnen der katholischen Kirche, sondern einer angeblich feministischen Revolution zu den Opfern der Französischen Revolution verwandelt, macht sie aus einem antirepublikanischen Stück ein durch und durch reaktionäres Stück. Die Qualität der Inszenierung wird davon nicht beeinträchtigt, aber das Publikum sollte schon wissen, dass es der Denunziation eines historischen Vorgangs applaudiert, dem es viele seiner Freiheiten verdankt, zugunsten einer Institution, die weitaus mehr Opfer verlangt als geleistet hat. Auch und gerade unter den Frauen. Der buchstäblich plakativ deklarierte Feminismus in der Nachbarschaft des Reifrocks, die Parteinahme für die Kirche und gegen die Französische Revolution sind zumindest undurchdacht.
In Freiburg ließ Herbert Fritsch in seinem Stück Rauflust oder Fifty Shades of Green die Schauspieler sich beim Publikum für den Schlussapplaus bedanken, noch ehe es begonnen hatte. In Stuttgart nimmt der Chor in Schwarz und, unabhängig vom Geschlecht, mit Krawatte Aufstellung. Danach stimmen die Musiker im Orchestergraben ihre Instrumente.
Wechselnde Formate, Licht- und Farbeffekte kennzeichnen das ökonomisch, aber höchst wirkungsvoll eingesetzte Bühnenbild. Fast ist das alles zu schön für das grausige Ende.
Dialogues des Carmélites ist eine Oper für Frauenstimmen. Rachsel Wilson, Evelyn Herlitzius, Simone Schneider, Diana Halller, Caudia Muschio, Helene Schneidermann und Catriona Smith liefern sich ein Gipfeltreffen auf Augenhöhe. Auf so hohem Niveau dürfte diese Oper nur an wenigen Häusern zu besetzen sein. Das gilt auch diesmal für den Chor, dem die Regie viel Aufmerksamkeit geschenkt hat.
Cornelius Meister dirigierte seine letzte Oper vor dem Abschied aus Stuttgart mit einer minutiösen Differenzierung der Klangfarben und mit einer Bevorzugung der leisen Stellen. Dass die Musik von Poulenc „schwierig“ sei, lässt sich kaum nachvollziehen. Gelegentlich scheinen Mussorgski und Ravel zu grüßen. Dass Poulencs bekannteste Oper zwei, drei Jahrzehnte nach den großen Werken der Zweiten Wiener Schule entstanden ist, hört man ihr jedenfalls nicht an.
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Dialogues des Carmélites von Francis Poulenc - an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Matthias Baus
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Thomas Rothschild - 30. März 2026 ID 15779
DIALOGUES DES CARMÉLITES (Staatsoper Stuttgart, 29.03.2026)
von Francis Poulenc
Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Regie: Ewelina Marciniak
Bühne: Mirek Kaczmarek
Kostüme: Julia Kornacka
Choreografie: Ana Szopa
Licht: Aleksandr Prowaliński
Chor: Manuel Pujol
Dramaturgie: Carolin Müller-Dohle
Besetzung:
Blanche de la Force ... Rachael Wilson
Madame de Croissy ... Evelyn Herlitzius
Madame Lidoine ... Simone Schneider
Mère Marie ... Diana Haller
Soeur Constance ... Claudia Muschio
Mère Jeanne ... Helene Schneiderman
Soeur Mathilde ... Catriona Smith
Le Marquis de la Force ... Shigeo Ishino
Le Chevalier de la Force ... Cameron Becker
Beichtvater ... Torsten Hofmann
1. Kommissar ... Joseph Tancredi
1. Offizier, 2. Kommissar, Kerkermeister ... Jacobo Ochoa
Thierry, Dr. Javelinot ... Jaewoung Lee
Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart
Premiere war am 29. März 2026.
Weitere Termine: 01., 08., 12., 15., 18.04.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de
Post an Dr. Thomas Rothschild
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