Auf Europa-
tournee
|
|
Bewertung:
Zuletzt war das New York Philharmonic vor zehn Jahren auf Europatournee, bei der es auch in Düsseldorf, Essen und Hamburg Konzerte gab; sein damaliger "Chef" war Alan Gilbert, der zwei Jahre später das NDR Elbphlharmonie Orchester übernahm. Und in Berlin musizierten die New Yorker das letzte Mal im Mai 2011, ebenfalls unter der Leitung von Gilbert, und zwar - wie gestern Abend beim Konzert anlässlich ihrer diesjährigen Europatour - mit Mahlers Fünfter als Hauptprogrammpunkt in der Philharmonie Berlin.
Dirigiert hatte der venezolanische Pultstar Gustavo Dudamel (45) - seit Kurzem der neue "Oscar L. Tang and H.M. Agnes Hsu-Tang Music & Artistic Director" [so nennen die Amerikaner diesen mehrfach durchsponserten Posten] des Orchesters. Er war und ist, und insbesondere hier in der Hauptstadt, kein Unbekannter; er tritt regelmäßig mit den Berliner Philharmonikern und der Staatskapelle Berlin auf und verweilte auch schon im Orchestergraben des Schillertheaters, der früheren Ausweichstätte der Staatsoper Unter den Linden, aus dem er Jürgen Flimms 2015er Neuinszenierung von Mozarts Le nozze di Figaro leitete; Daniel Barenboim nahm den seiner Zeit noch ziemlich jungen Hoffnungsträger unter seine Fittiche und förderte ihn gern.
|
Gustavo Dudamel und das New York Philharmonic in der Philharmonie Berlin am 17. Oktober 2026 | Foto (C) Todd Rosenberg
|
*
Im ersten Konzertteil erklangen die vor wenigen Wochen in NY uraufgeführten Imágenes mestizas (dt.: "Klangbilder zwischen Kulturen" o.ä.) der kubanisch-amerikanischen Komponistin, Dirigentin und Pädagogin Tania León (83).
Das spirituelle Stück dauert keine Viertelstunde und changiert zwischen Jazz und traditionellen lateinamerikanischen Klängen. Das mit Englischhorn, Pauken und kleiner Trommel zu Beginn zitierte Gebet würde, lt. Aussage der Komponistin, mit Eleguá (einer Gottheit der Yoruba-Tradition, die mit Kreuzungen, Wegen und Türen verbunden ist) in Verbindung zu bringen sein; durch die afrikanische Diaspora wäre diese Tradition auch in der kubanischen Religions- und Musikkultur präsent. Dann treten die Holzbläser und besonders die Klarinette (Anthony McGill) hinzu und führen zu einer fast improvisierten also jazzartigen "Wendung". Das alles vollzieht sich, bis zum Schluss, in irgendwie unaufgelöste Rhythmen und Tonfarben und klingt sonach völlig "unverbindlich" aus...
Und wie erlebte es sich nach der halbstündigen Zwangspause mit Häppchen, Brezel, Wein und Sekt etc.?
In der vor ungefähr fünf Jahren von den Berliner Philharmonikern herausgegebenen 10er-CD-Box mit allen Mahler-Sinfonien finden sich dann auch die Dritte und die Fünfte unter Dudamel - der hörerische Vergleich schien daher allzu verlockend, und ich stellte ihn postwendend nach dem Live-Erlebnis (mit den New Yorkern) gestern Nacht noch an und konstatierte, dass (mit den Berlinern) insbesondere die I. Abteilung deutlich überlegter und übersichtlicher geriet. Im aktuellen Fall mit "seinem" jetzigen Orchester wirkte sie von Anfang an (und völlig ungeachtet der von Christopher Martin lupenrein intonierten Trompeten-Fanfare) ziemlich durchgehetzt und allzu impulsiv.
Aber es wurde immer besser, Gott sei Dank:
Höhepunkt war - für mich - das ausufernde Scherzo der II. Abteilung, bei dem David Cooper die etlichen Horn-Soli auf grandiose Weise, und das alles im Stehen, spielte!
Und das allbekannte und beliebte Adagietto servierten Dudamel und die New Yorker angemessen unsentimental und in aller nur denkbaren Ruhe. Bis sie schließlich das Rondo-Finale (als Zweitbestandteil der III. Abteilung) zu einem furiosen Abräumer ausarten ließen; und das riss die Leute im ausverkauften Großen Saal von den Sitzen, und sie schrien tolldreist vor Begeisterung.
Alles in allem: ein vom rein Musikantischen und v.a. Musiziertechnischen her geradezu perfektionistischer Glanzauftritt, obgleich eine irgendwie nachvollziehbare "Erzählung" dieser Sinfonie zu fehlen schien (was einzig und allein an Dudamel lag).
|
Andre Sokolowski - 18. Oktober 2026 ID 16103
EUROPATOURNEE DER NEW YORK PHILHARMONIC (Philharmonie Berlin, 17.10.2026)
Tania León: Imágenes mestizas
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 5
New York Philharmonic
Dirigent: Gustavo Dudamel
Veranstalter: Konzertdirektion Hans Adler in Kooperation mit DK DEUTSCHE KLASSIK
Weitere Infos siehe auch: https://www.nyphil.org
https://www.andre-sokolowski.de
Konzerte
Musiktheater
Neue Musik
Rosinenpicken
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER
BAYREUTHER FESTSPIELE
CD / DVD
KONZERTKRITIKEN
LEUTE
MUSIKFEST BERLIN
NEUE MUSIK
PREMIERENKRITIKEN
ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski
RUHRTRIENNALE
SALZBURGER FESTSPIELE
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|