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Konzertkritik

Violinkonzert Desorption

von Vito Žuraj uraufgeführt

mit Isabelle Faust und dem WDR Sinfonieorchester (Dirigent: Bas Wiegers)

Bewertung:    



Der im slowenische Maribor geborene Vito Žuraj (46) zählt mittlerweile zu den weltweit interessantesten und meistgespieltesten Komponisten der jüngeren Generation. Zuletzt erlebte ich seine von den Berliner Philharmonikern unter François-Xavier Roth uraufgeführten Anemoi; das war im Mai vor zwei Jahren.

Jetzt steuerte er - anlässlich der gestrigen Uraufführung seines Violinkonzerts unter dem Titel Desorption - folgenden Erklärtext bei:



"Desorption spiegelt ein allmähliches Heraustreten aus einem Raum wider, der von Kontrolle, Verzerrung und auferlegten Narrativen geprägt ist. Was zunächst untrennbar mit dem Selbst verbunden scheint, offenbart nach und nach seinen äußeren Ursprung und stellt die Kräfte bloß, die es einst geformt haben. Der Prozess des Sich-Befreiens ist weder plötzlich noch vollständig; er entfaltet sich durch Zögern, Widerstand und fragile Momente der Klarheit. Jede Phase trägt ihre eigene Spannung in sich, anhaltenden Druck, den Schatten vergangener Einflüsse und die feine Wahrnehmung einer Autonomie, die sich zu behaupten beginnt. Wenn der Kampf schließlich nachlässt, bleibt keine Leere zurück, sondern ein fragiler, leuchtender Kern – ungeschönt, verletzlich und frei. In diesem stillen, widerstandsfähigen Zentrum liegt die Möglichkeit von Unabhängigkeit, Offenheit und neuen Anfängen." (Quelle: Programmheft von WDR3)


Das [s.o.] liest sich freilich etwas hochtrabend und erklärt zwar den Titel seines neuen Stücks, aber so richtig neugierig auf das, was man dann aktuell und live zu hören kriegte, machte es mit Sicherheit dann nicht; also:

Vielleicht 200 oder 300 Besucherinnen und Besucher waren in dem ca. 2.000 Plätze zählenden Saal der Kölner Philharmonie zugegen, um sich im MUSIK DER ZEIT #GRAPE-Konzert des WDR Sinfonieorchesters (Dirigent: Bas Wiegers) allumfassend überraschen zu lassen; außer Žurajs Violinkonzert wurden dann noch die Los Caprichos und die 3. Sinfonie von Hans Werner Henze sowie Bára Gísladóttirs sea sons seasons (als deutsche Erstaufführung) zu Gehör gebracht. Und der klangliche wie auch optische Gesamteindruck war überwältigend, wann hat man schon zwei Stunden lang Gelegenheit ausschließlich "nur" zeitgenössische Kompositionen live zu hören; und wer dahin ging, wusste selbstverständlich, was ihn da in ungefähr erwartete...




Der slowenische Komponist Vito Žuraj | (C) 2017 Martin Grothmaak; Bildquelle: vitozuraj.com


In seinem WDR-Interview mit Anselm Cybinski (Emanzipation mit Schnur und Bogen, ebenso nachzulesen im Programmheft von WDR3) erläutert Vito Žuraj die "handwerkliche" und v.a. historische Besonderheit in seinem Violinkonzert, wo Stargeigerin Isabelle Faust, die mit ihm noch weit vor der gestrigen Uraufführung in engem künstlertischen Austausch stand, statt einer eigentlich hierfür vorgesehenen Hanfschnur ein paar zusammengeschnürte Geigenbogenhaare um die tiefe G-Saite ihrer Dornröschen-Stradivari band oder wickelte, um diesen von Žuraj vorgesehenen Klang an einigen Stellen seiner Partitur erzeugt zu bekommen:


"Sfoară steht für 'Schnur', angeblich für eine Hanfschnur, die zwischen Steg und Griffbrett um die G-Saite der Geige geschlungen wird. Diese Schnur, bei mir ein Bündel von sechs Bogenhaaren, versetzt die Saite anstelle des Bogens in Schwingung. Dies bringt einen ganz außergewöhnlichen, knarrenden und erstickten Klang hervor. Christian Măcelaru, der Dirigent und ehemalige Chef des WDR Sinfonieorchesters, selbst Geiger und Rumäne, hat mir wesentliche Hinweise zu dieser Spezialtechnik gegeben. In dem Film Latcho Drom von 1993 wird ein Lied gespielt, das von der Unterdrückung des Volks durch die Tyrannei Nicolae Ceauşescus handelt; der Ausschnitt ist bei Youtube zu sehen. Der Geiger der Gruppe Taraf de Haïdouks spielt da sehr ergreifend mit der Sfoară. Ursprünglich wollte ich in meinem Violinkonzert Geigenklänge aus aller Welt zusammenführen. Doch schließlich blieb als einzige exotische Farbe diese übrig: Als Kontaktaufnahme mit einer anderen Musikkultur, in der Unfreiheit ebenfalls eine Rolle spielt. Auch die Roma mussten fliehen, auch sie durften sich unter der Ceauşescu-Diktatur nicht frei entfalten. Die unterdrückte Geige meines Konzerts verbindet sich so mit einer anderen Form der Unterdrückung."


Und das war schon mehr als verrückt, wie die Faust mittels o.g. Technik diesen knarzenden Klang aus ihrem Instrument hervorzuzaubern vermochte; so was Irres hatte ich noch nie zuvor gehört. Sensationell!

Begeisterter und nicht enden wollender Applaus für ein Stück, das sich unter Garantie bedeutend länger als die 22 Minuten seiner Uraufführungsdauer im weltweiten Kanon Neuer Musik halten wird; davon dürfte auszugehen sein.


*

Isabelle Faust berührte und begeisterte gleichsam mit ihrer Zugabe von Morton Feldmans einsätziger Violinsonate For Aaron Copland.
Andre Sokolowski - 3. Mai 2026
ID 15830
Musik der Zeit #GRAPE (Kölner Philharmonie, 02.05.2026)
Hans Werner Henze: Los Caprichos (1963), Fantasia per Orchestra
Vito Žuraj: Desorption (2025), Konzert für Violine und Orchester | UA
Bára Gísladóttir: sea sons seasons (2025) für Orchester und Elektronik | DEA
Henze: Sinfonie Nr. 3 (1950)
Isabelle Faust, Violine
WDR Sinfonieorchester
Dirigent: Bas Wiegers


https://www1.wdr.de/orchester-und-chor/sinfonieorchester


https://www.andre-sokolowski.de

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