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MUSIKFEST BERLIN 2026

WDR Sinfonieorchester

LA SAINTE FACE
von Yvonne Loriod


Bewertung:    



Die einstmalige Jahrhundertpianistin Yvonne Loriod (1924-2010) war die Frau von Olivier Messiaen (1908-1992). Als sie 86-jährig (achtzehn Jahre nach dem Tode ihres Mannes, mit dem sie 30 Jahre lang verheiratet gewesen war) starb, entdeckten Messiaen-Biograf Nigel Simeone und andere "Nachlassverwalter" Notentexte von sage und schreibe 60 Werken jedweder Größenordnung, die die Verstorbene - völlig unbemerkt von anderen außerhalb von ihr (und ihrem Gatten, der das alles womöglich nicht für ernst genug hielt?) - von Jugend an komponierte.

Auch Kent Nagano, der nach seinem Umzug von Kalifornien nach Europa zunächst Messiaens Assistent für dessen Pariser Uraufführung seines Saint François d’Assise wurde und während dieser Zeit bei den Messiaens zuhause untergebracht war - er nannte das Paar später seine "europäischen Eltern" - erfuhr, wahrscheinlich nicht minder überrascht wie alle anderen vor ihm, davon und engagierte sich sofort für dieses bisher völlig unbekannte Oevre.

Gestern stemmten er und das WDR Sinfonieorchester - 80 Jahre nach Entstehen - die Uraufführung von Loriods spiritueller Pfingstkantate unter dem Titel La Sainte Face (dt.: "Das heilige Antlitz"):


"Erschließung und Drucklegung offenbarten außergewöhnliche Dimensionen: Die zunächst auf 45 Minuten geschätzte Dauer des Werkes beläuft sich tatsächlich auf circa 90 Minuten. Und die aus einem Solist*innen-Trio – mit Sopran, Flöte und Harfe – und Orchester bestehende Besetzung wird in den 15 Sätzen von jeweils unterschiedlichen Instrumenten-Konstellationen gestaltet, unter anderem von 7 Flöten oder 6 Violoncelli oder zwei Ondes Martenot." (Quelle: berliner-festspiele.de)



V.l.n.r.: José Maria Blumenschein (Solo-Violine), Dirigent Kent Nagano, Wendy Vo Cong Tri (Flöte), Sarah Aristidou (Sopran) und Emily Hoile (Harfe) in der Uraufführung von Yvonne Loriods La Sainte Face - mit dem WDR Sinfonieorchester beim MUSIKFEST BERLIN am 5. September 2026 | Foto (C) Fabian Schellhorn


Das Werk ist mehr als komplex!

In den ersten vierzehn Sätzen, die attacca ineinander übergehen und den gesamten ersten Teil des Stücks ausmachen, muss die sensationelle Sarah Aristidou [die performte hier an gleicher Stelle vor paar Tagen die alles überragende Gepopo-Chefin in Ligetis Le Grand Macabre] den immer wieder gleichen Bibelsatz "Mein Herr, warum hast du mich verlassen" (im Original: "Mon Père, pourquoi m'avez-vous abandonné") in zig vokalisen Modulationen, und zwar fast ununterbrochen, zirka eine Stunde lang singen, während sie von der Flötistin Wendy Vo Cong Tri und der Harfinistin Emily Hoile permanent und von Satz zu Satz wechselnden Instrumentalgruppen des Orchesters begleitet wird; und so was Verrücktes hatte ich bisher noch nie gehört!

Loriod hatte kurze konnotierte Erklärtexte zu jedem einzelnen Satz verfasst, das reicht von "Erscheinung auf dem Heiligen Grabtuch von Turin" (1) über "Die Augenbrauen, die das Blut der Wunden auffangen" (7) bis zu "Die wütende Qual des Bösen auf dem Heiligen Antitz" (14); im vorzüglich zusammengestellten Programmheft konnte man das alles nachlesen, und das machte das Gesamtverstehen dieses Werkes möglicher als möglich.

Dann folgte der zweite, zirka halbstündige Teil als Satz Nr. 15, und hierin wechselte die Sopranistin vom einstündigen Vokalisieren in die gesangliche Deklamation einer (von Loriod selbst gedichteten) Meditation über die Lilie; und insbesondere hier schien das Herz der Autorin völlig überzulaufen:


"Eine Notiz der Komponistin in der Partitur stellt eine Verbindung des Werkes zu der Befreiung von Paris 1944 her: La Sainte Face ist den letzten Tagen von Jean-Claude Touche gewidmet, einem begnadeten Organisten, Komponisten und Mitstudenten von Loriod. Der 18-jährige Touche wurde am 25. August 1944, dem Tag der Befreiung, als Sanitäter in den Pariser Straßenkämpfen von einer deutschen Gewehrkugel getroffen und erlag später den Verletzungen." (Quelle: dto.)


Und immer, wenn Loriod das bereits von Messiaen in vielen seiner Werke integrierte Ondes Martenot (Nathalie Forget und Insu Choi bedienten es gestern Abend) erklingen ließ, konnte man kurz - aber nur ganz, ganz kurz - den Übervater heraushören...

Insgesamt: Eine Ausgrabung wie Neuentdeckung der Superlative!!

Andre Sokolowski - 6. September 2026 (2)
ID 16026
MUSIKFEST BERLIN (Philharmonie Berlin, 05.09.2026)
Alex Nante (*1992): Ein feste Burg (2025), Komposition für Orchester über den Choral BWV 302 von Johann Sebastian Bach
Jean-Claude Touche (1926–1944): Trois pièces pour orgue (1940er-Jahre)
Jehan Ariste Alain (1911–1940): Première fantaisie (1943)
- Deuxième fantaisie (1939) für Orgel
Yvonne Loriod (1924–2010): La Sainte Face (1945), Contemplations für Soli und Orchester (UA)
Henry Fairs, Orgel
Sarah Aristidou, Sopran
Wendy Vo Cong Tri, Flöte
Emily Hoile, Harfe
WDR Sinfonieorchester
Dirigent: Kent Nagano


Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinerfestspiele.de/musikfest-berlin/


https://www.andre-sokolowski.de

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