Die Zertrümmerung
der Glasharmonika
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Anne-Fleur Werner als Die Frau ohne Schatten an der Oper Bonn | Foto (Detail): Matthias Jung
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Bewertung:
Operninszenierungen von Peter Konwitschny (80) sind seit jeher eine Reise wert. Meine allererste "Begegnung" mit ihm war drei Jahre vor der sog. Wende, wo ich in Leipzig, zu Beginn meines Studiums am Becher-Institut, seinen Waffenschmied (à la "Es ist ein Aufstand zu befürchten!") bestaunen konnte; war zwar nur eine von den schönen Spielopern vom guten alten Lortzing, aber was er daraus machte, sah schon gut aus, und v.a. schien seine Interpretation mit schier zynischer Ironie (sprich einer unüberbrückbaren Distanz zum eigentlichen Original) gespickt zu sein - das hatte mir total gefallen, und ich wurde/ blieb ein treuer Fan von ihm. 2024 besann ich mich erneut "zu ihm nach Leipzig" zu pilgern; da fand die Wiederaufnahme seiner Kopenhagener Elektra statt: auch toll!
Und aktuell drangen aus dem in puncto Skandal nicht sonderlich erfahrenen THEATER BONN beunruhigende Nachrichten; der Konwitschny schlug halt dort mit seiner mehr oder weniger putzigen Inszenierung von Strauss' Die Frau ohne Schatten (Premiere dieser von drei internationalen Spitzenhäusern kooperierten Produktion war bereits vor drei Jahren in Tokio; das Teatro Real in Madrid soll demnächst noch folgen) auf - und die KI auf meinem Browser fasste das jetzt so zusammen:
"Die Reaktionen auf Peter Konwitschnys Inszenierung von Die Frau ohne Schatten am Theater Bonn sind gespalten und heftig, mit einem Sturm aus Buhrufen und Bravos, da er das Werk stark gekürzt und radikal modernisiert hat, indem er das Ende strich und es in ein Milieu von Genmanipulation und Gangs verlegte, was zu heftigen Diskussionen über die künstlerische Freiheit, die Werk-Verfremdung und die Rezeption bei Publikum führte. [...] Fazit: Die Inszenierung spaltet das Publikum und die Fachwelt, polarisiert zwischen Bewunderung für die radikale, gesellschaftskritische Neuinterpretation und Empörung über die starke Verfremdung und Kürzung des Originals, wobei die musikalische Qualität hoch gelobt wird."
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Gestern nun war die letzte Vorstellung im Bonner Opernhaus, und die fing schon mal eine halbe Stunde später an, weil der für seinen kurzfristig erkrankten Kollegen "eingeflogene" Soloklarinettist aus Hamburg nicht rechtzeitig am Bonner Hauptbahnhof "gelandet" war wegen eines erwartbar gewesenen DB-Verspätungsleidens - das Publikum wurde zwischenzeitlich mit Freigetränken seiner Wahl getröstet; und dann ging es kurz nach 20 Uhr schlussendlich los...
Konwitschnys Sicht der Dinge: tolldreist, mit abgründigem Humor geschwängert (das diesbezüglich Beste: die Heliumstimme des zuvor erst geborenen Kaiserinnenbabys mit dem Kaiserinnenhauptsatz "Ich will nicht!", den die Kaiserin dann höchstpersönlich kurz vor dem schwarzen Pausenvorhang schmerz- und leidverzerrt aus sich heraus schrie).
Kurzum: Die zwei um ihren jeweiligen Fruchtbarkeitsschatten konkurrierenden Frauen wurden - nach der Geburt ihrer Kinder - von ihren zwielichtigen Männern, die es ab da auch ohne ihre Gattinnen vermeintlich besser aushalten würden oder wie auch immer, abgeknallt, und der gesamte Hofmannsthal-Strauss'sche Glasharfenkrampf mit dem Ungeborenenchor usw. usf. entfiel ersatzlos. ("Übermächte sind im Spiel" behauptete die als gynäkologische Chefassistentin finalig agierende Amme.)
Die spätabendliche Aufregung hielt sich in Grenzen: ein einzelner aber umso hörbarer sich bemerkbar gemacht habender Buh-Rufer voll aggressiver Adamsapfelwut - der "Rest" des Publikums verfolgte das Geschehen mit überwiegend vergnügt sich manifestierendem Gleichmut und entspanntester Gelassenheit, ja und am Ende gab es enthusiastischste Bravi für das ausführende Personal (allen voran: Anne-Fleur Werner als Kaiserin!) sowie das Beethoven Orchester Bonn unter Leitung von Julien Salemkour.
Hat Heidenspaß gemacht.
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Dinner for four in der Frau ohne Schatten an der Oper Bonn | Foto (C) Matthias Jung
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Andre Sokolowski - 17. Januar 2026 ID 15656
DIE FRAU OHNE SCHATTEN (Opernhaus Bonn, 16.01.2026)
Versuch einer Annäherung
Musikalische Leitung: Julien Salemkour
Regie: Peter Konwitschny
Szenische Einstudierung: Taro Morikawa
Bühne und Kostüme: Johannes Leiacker
Light Design: Guido Petzold
Dramaturgie: Bettina Bartz
Choreinstudierung: André Kellinghaus
Besetzung:
Der Kaiser ... Aaron Cawley
Die Kaiserin ... Anne-Fleur Werner
Die Amme ... Ruxandra Donose
Der Geisterbote ... Tobias Schabel
2. Bote / Bodyguard des Kaisers ... Carl Rumstadt
3. Bote / Beamter ... Christopher Jähnig
Erscheinung eines Jünglings ... Tae Hwan Yun
Die Stimme des Falken ... Alyona Guz
Barak, der Färber ... Giorgos Kanaris
Die Färberin ... Aile Asszonyi
Der Einäugige ... Johannes Mertes
Der Einarmige ... Martin Tzonev
Der Bucklige ... Andreas Conrad
Stimme der Wächter der Stadt ... Carl Rumstadt, Tobias Schabel und Christopher Jähnig
Drei Dienerinnen ... Valerie Haunz, Anzhelika Bondarchuk und Buket Güvençer
Statisterie und Chor des Theaters Bonn
Beethoven Orchester Bonn
Premiere in Tokio: 20. Oktober 2023
Bonner Premiere: 16. November 2025
Koproduktion mit dem Tokyo Nikikai Opera Theatre und dem Teatro Real in Madrid
Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de
https://www.andre-sokolowski.de
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