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Filmkritik

Bissige

Machtsatire



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Der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos ist bekannt für seine fantastischen Thriller The Killing of a Sacred Deer (2015) und Lobster (2017), in der sich eine real anmutende Welt mit einer irrealen vermischt. Für sein neuestes Werk The Favourite – Intrigen und Irrsinn brauchte er keine solchen Fantasien, denn der Hof der englischen Königin Anne (1665-1714) ist ein Paralleluniversum für sich. Der Film ist eine schwarze Komödie, obwohl die Personen durchaus tragisch interpretiert werden könnten. Aber die Absurditäten des Lebens im Palast benötigen nicht mal Übertreibungen, um komisch zu wirken. Königin Anne (Olivia Colman) wird in ihren letzten Lebensjahren von der Gicht geplagt und kann kaum noch das Bett verlassen. Die Staatsgeschäfte übernimmt zunehmend ihre Vertraute und Freundin aus Kindertagen Lady Sarah Churchill (Rachel Weisz), die legendäre Herzogin von Marlborough, zu der sie eine sehr, sehr enge Beziehung pflegt.

Im Jahr 1708 steht mal wieder eine kriegerische Auseinandersetzung mit dem Erzfeind Frankreich an, die Lady Sarah vorbereiten will. Doch der Tory-Abgeordnete Robert Harley (Nicholas Hoult) widersetzt sich im Parlament heftig der Steuererhöhung und Kriegsabsichten. Die Staatskassen sind leer, ein Sieg wäre zu unsicher und eine Invasion der Franzosen eine Katastrophe. Lady Sarah hat eine verarmte Cousine (Emma Stone), die kürzlich an den Hof gekommen ist und auf unterster Stufe als Dienstmagd arbeitet. Harley will sich für sich spionieren lassen, was in den Gemächern der Königin vor sich geht, doch die ehrgeizige Abigail verfolgt ihre eigenen Pläne. Sie will die Schwächen der Königin ausnutzen, um in deren Gunst zu geraten, wozu sie aber ihre Cousine Lady Sarah außer Gefecht setzen muss. Ein hinterlistiger und harter Machtkampf um das Wohlwollen der Königin beginnt, aus dem nur eine Favoritin hervorgehen kann.



Abigail (re. Emma Stone) und Lady Sarah (li. Rachel Weisz) buhlen und die Gunst der Königin (Mi. Olivia Colman) | © Twentieth Century Fox


Die Dialoge sind pointiert und behalten über die gesamte Filmlänge ihre Originalität; das Drehbuch verfasste Tony McNamara nach einem Original-Skript von Deborah Davis und in enger Absprache mit Lanthimos. Zu Anfang ist der Film belustigend, die Männer laufen mit gepuderten Perücken und stärker geschminkt als die Frauen herum. Das Amüsement besteht in Enten- und Hummer-Rennen oder im Bewerfen eines unbekleideten Mannes mit Lebensmitteln. Mittendrin die kranke und depressive Königin, die insgesamt 17 Schwangerschaften durchstand, aber keines der Kinder war überlebensfähig. Als sich Königin Anne zwischenzeitlich der jungen Abigail zuwendet, merken beide erst, in welcher emotionalen und politischen Abhängigkeit sich Anne von Sarah befindet, denn Abigail hat von Staatsgeschäften keine Ahnung.

Die Königin verhält sich wie ein verzogenes Kind und ist unberechenbar. Das birgt angesichts der politischen Macht ein deutliches Gefahrenpotential. Während der Hof im Luxus schwelgt, wird das verarmte und ausgebeutete Volk völlig ausgeblendet. Das wirkt durchaus gegenwärtig, denn in vielen politischen Entscheidungen kommt auch heute das Volk gar nicht vor, von seinem Wohle ganz zu schweigen. Obwohl sich alles in einer sehr irrealen Blase abzuspielen scheint, geht es um nichts Geringeres als um Krieg oder Frieden.

Der renommierte irische Kameramann Robbie Ryan (I, Daniel Blake, 2016) machte den Palast Hatfield House in Hertfordshire zu einem mitunter gespenstischen Ort. Er benutzte u.a. Weitwinkel- oder Fischenaugenobjektive, was eine verfremdende Wirkung hat. Damit setzt sich The Favourite deutlich von den beliebten britischen Kostümfilmen ab, die in der Kameraführung traditionell bleiben. Bei Lathimos sind die Personen in einen großen Raum geworfen, der von der realen Welt aber abgeschieden ist und seine eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickelt. Alles hat sich um die geplagte Königin zu drehen, von deren Aufmerksamkeit nicht nur die beiden rivalisierenden Frauen abhängen.

Olivia Colmans schauspielerische Leistung, der kranken und gestörten Königin trotzdem eine gewisse Menschenwürde zu verleihen, ist einzigartig. Sie räumt derzeit viele Preise als beste Hauptdarstellerin ab, darunter den Golden Globe. Bei den British Independence Film Awards kassierte The Favourite gleich 10 Preise ein. Für den „britischen Oscar“ BAFTA wie auch für den amerikanischen Oscar, Academy Award, ist der Film gleich in jeweils 10 Kategorien nominiert. Hier stehen die Entscheidungen noch aus. Colman ist den Fernsehzuschauern durch die erfolgreichen Miniserien Broadchurch und ihre TV- Rolle als Königin Elizabeth II. in The Crown bekannt. Im Kino arbeitete sie schon für Lanthimos in Lobster zusammen, und in Kenneth Branaghs Mord im Orientexpress spielte sie eine Nebenrolle.

Lanthimos hat mit The Favourite seinen bislang zugänglichsten Film gedreht, ohne seine Originalität und Eigenart einzubüßen. Es wäre schön, wenn er auch in Zukunft seiner Linie treu bliebe und nicht zu viele Kompromisse in Bezug auf den Mainstream machte, denn er wird derzeit sehr umworben. Filmgeschichte hat er auf jeden Fall schon geschrieben.
Helga Fitzner - 23. Januar 2019
ID 11164
Weitere Infos siehe auch: http://www.fox.de/the-favourite


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