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Filmfestival

ACHTUNG BERLIN 2015

Preise / Fazit


Die 11. Ausgabe des ACHTUNG BERLIN-Filmfestivals 2015 ist Geschichte. Am Mittwochabend wurden im Kino Babylon-Mitte die Preise vergeben. Die diesmal mit der Produzentin Nicole Gerhards, der Casterin Suse Marquardt und der Schauspielerin Katharina Marie Schubert (DT) rein weiblich besetzte Wettbewerbsjury verteilte die Trophäen nach dem bewehrten Gießkannenprinzip:

Die Damen entschieden sich beim Preis für den Besten Spielfilm für ein sommerliches Feel-Good-Movie mit tieferem Sinn. Die Komödie Im Sommer wohnt er unten von Regisseur Tom Sommerlatte hat das Potential zum Publikumsrenner, was wie immer bei ACHTUNG BERLIN auch sehr wichtig ist, und zeigt nebenbei auf witzige Art, dass Geld eben nicht alles ist.

Schauspieler Godehard Giese konnte in seiner Rolle als Ekelpaket David auch noch den neu geschaffenen Darstellerpreis absahnen. Als weibliches Gegenstück, allerdings in der Darstellung nicht ganz so fies und ihrer Widerspenstigkeit auch wieder total sympathisch, bekam die junge Lilli Meinhard für ihre Sarah in Liebe mich! den Preis für die beste Schauspielerin...




Politisch sehr engagiert, aber keinesfalls korrekt geht es im Film Nachspielzeit von Andreas Pieper zu. Der alte Sponti-Spruch „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“ (längst auch am rechten Rand zu Hause) und das ebenso allseits beliebte Mannschaftsspiel Fußball bilden hierfür die Klammer. Dazwischen fächert der Regisseur aber noch eine ganze Menge weiterer Themen und Fragen auf, die den jungen, politisch interessierten Berliner Deutsch-Türken Cem (Mehmet Atesci vom Ensemble des Maxim Gorki Theaters) bewegen. In seinem Neuköllner Kiez bekommt er es mit hohen Mieten, der um sich greifenden Gentrifizierung, Ausländerhass, Arbeitslosigkeit und Gewalt zu tun. Wobei die Gewalt- bzw. die Gewaltenfrage wohl am immanentesten ist, dass Cem ihr auf Dauer auch nicht ausweichen kann.

Und das beginnt schon auf dem Fußballplatz. Wem also gehört die Stadt? Man wähnt sich dabei fast schon bei lautstark martialisch geführten Revierkämpfen, wenn Cems bunt gemischte Truppe aus dem Südwesten gegen die eher deutschstämmige Mannschaft aus dem Nordosten Berlins zum normalen Ligaspiel auflaufen. Cem gerät hier mit Roman (Frederick Lau) aus der gegnerischen Mannschaft nicht nur verbal aneinander. Aus dieser Fußballplatzrangelei entwickelt sich schließlich eine handfeste Rivalität, die auch nicht vor Romans Auto Halt macht. Im Gegenzug vergreift sich Roman an Cems Freundin und Kollegin Astrid (Friederike Becht) aus dem Altenheim, in dem Cem ein freiwilliges Jahr absolviert.

Um die beiden Kontrahenten gegeneinander auszuspielen, nutzt der zwielichtige Calli (Aleksandar Teslar), Chef eines Sicherheitsdienstes, der u.a. auch kalte Entmietung für Immobilienbesitzer betreibt, das stetige Aufschaukeln der Gewalt. Da dem arbeitslosen Roman von der Arbeitsagentur die Stütze gekürzt wird, kann er seine Miete nicht mehr zahlen, und auch Cem hat Calli schon länger wegen seines heimlichen, nicht vollkommen spaßbetont gewaltfreien Engagements für eine sich im Internet formierende Armada gegen Miethaie auf dem Kieker. Nebenbei interessiert sich Calli noch für das schlechtgehende Lokal von Cems Vater (Vedat Erincin) und drängt sich in das Privatleben der Familie.

Beide Jungen, die sich aus unterschiedlichen Motiven und Überzeugungen für ihren heimischen Kiez zur Wehr setzen, geraten so immer mehr unter Druck und ins Abseits. Auf der einen Seite steht das durch klare Regeln definierte Fußballspiel, auf der anderen Gewalt und Anarchie zur Konfliktlösung. „Wer im Kapitalismus nicht kämpft, hat schon verloren“, heißt da das Postulat des alten widerständigen Ost-Sportjournalisten Liebach (Horst Westphal), den Cem im Altenheim betreut. Ein weiterer Knackpunkt ist Romans familiäre Verbindung zum alten Liebach. Das Leben als Kampf. Cem steht schließlich irgendwann zwischen allen Fronten und muss sich entscheiden. Altlinke Ansätze ("wir haben nichts zu verlieren außer unserer Angst") stoßen hier auf Resignation und Ohnmacht gegenüber einem mit unfairen Mitteln agierenden, kaum greifbaren System. Regisseur Andreas Pieper webt einen relativ dichten, spannungsgeladenen Plot, der vieles anschneidet aber auch zur Diskussion offen lässt. Dafür gab es von der Spielfilmjury zu Recht den Preis für die beste Produktion.

Bewertung:    



Nachspielzeit | (C) Lichtblick Media GmbH


*

Etwas ratlos lässt einen der Spielfilm Limbo von Anna Sofie Hartmann zurück. Der Erstling der jungen dänischen Regieabsolventin wurde von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) mit produziert und lief bereits 2014 auf dem 62. Festival de San Sebastián und den 48. Hofer Filmtagen. Die recht sparsame Handlung führt in die dänische Kleinstadt Nakskov am Meer, in der in einer großen Raffinerie aus Rüben Zucker hergestellt wird. Die Kamera zeigt immer wieder in langen Fahrten das Fabrikgelände oder die Erntemaschinen auf dem Feld. Ein eher herbstlich trostloses Bild.

Hier geht das Mädchen Sara (Annika Nuka Matthiassen) aufs Gymnasium. Sie wohnt gemeinsam mit ihren MitschülerInnen im Wohnheim. Ihre neue recht progressive Lehrerin Karen (Sofia Nolsø) behandelt in der Schule Genderfragen und diskutiert dabei auch über männliche und weibliche Geschlechterzuschreibungen im Alltag und in der Kunst. In einem Theaterkurs probt sie mit der Klasse Antigone oder Nora ein Puppenheim. Die etwas schüchterne Sara verliebt sich dabei in ihre Lehrerin. Nachdem sich beide beim Renovieren von Karens Wohnung etwas näher kennengelernt haben, gesteht Sara ihr offen ihre Liebe. Als sie von der ungläubigen Karen abgelehnt wird, zieht sich das Mädchen wohl aus Enttäuschung darüber wieder zurück. Viel mehr erfährt man nicht.

Außer in den Schulstunden oder bei Kneipenbesuchen der Teenager wird in Anna Sofie Hartmanns Film eher wenig geredet. Persönliche Gespräche sind selten und oberflächlich, was eigentlich im krassen Gegensatz zum direkten Unterrichtsstil der Lehrerin steht. Es herrscht ein kühler, distanzierter Blick von außen auf die Figuren. Atmosphärisch assoziativ wirken dagegen die langen Kamerafahrten in der Natur oder die in einer Einstellung gedrehten Beobachtungen beim Sport. Ein Autounfall lässt die Situation schließlich völlig erstarren. Karen geht nach einigen Szenen des stummen Nachdenkens schnell wieder zum Alltag über. Der mit fast ausschließlich Laien gedrehte Film wirkt wie eine kommentarlose Dokumentation über das Erwachsenwerden in der Provinz. Inspiration für den düsteren Titel Limbo (auch: Limbus oder zu deutsch "Vorhölle") könnte das dänische Computergame gleichen Namens sein. Ein Suchspiel, bei dem Vorgeschichte, Handlung und Ausgang relativ ungewiss sind.

Tatsächlich eher ein Film für eingefleischte Cine-Cracks. Limbo erhielt den Preis des Verbandes der Deutschen Filmkritik. Aber auch die Spielfilmjury konnte sich für Anne Sofie Hartmann erwärmen und vergab an die Regisseurin eine lobende Erwähnung.

Bewertung:    



Limbo | (C) Gourmet Film


*

Die internationalen Berlin-Globetrotter kamen dann fast zum Schluss noch auf ihre Kosten. Mit Lost in the Living vom irischen Regisseur Robert Manson stand wieder mal ein rein in englischer Sprache gedrehter Berlinfilm im ACHTUNG BERLIN-Programm. Und das sogar noch als einzige richtige Weltpremiere des Wettbewerbs. Es ist eine filmische Hommage an die Szenestadt Berlin, die jeden Tag Tausende jugendlicher Traveller aus aller Welt anzieht, nachts in ihre heißen Clubs aufsaugt und am nächsten Morgen kalt wieder ausspuckt. Und so kommt der junge Dubliner Musiker Oisín (Tadgh Murphy) trotz sommerlichen Temperaturen auch im wärmenden Parka nach Berlin, um mit seiner Band hier ein paar Gigs zu spielen. Da das irgendwie schief läuft, findet sich Oisín plötzlich allein in der nächtlichen Berliner Clubszene wieder und wird schließlich von Sabine (Almanya - Willkommen in Deutschland-Star Aylin Tezel) aufgegabelt und abgeschleppt.

Mit sich rum schleppt der herrlich stoffelige Oisín allerdings auch einiges an familiären Ballast, den er bei ein paar durchzechten Partynächten eigentlich abstreifen wollte. Mit Sabine scheint ihm das zunächst auch ganz gut zu gelingen. Die beiden finden schließlich aneinander Gefallen und verabreden sich immer wieder lose in den Parks oder Cafés der Stadt, ziehen durch Clubs und Wohnungen, und es dauert auch ein wenig, bis es dann endlich richtig funkt. Sogar einen kleinen Trip zu Sabines Mutter (Adelheid Kleineidam) ins Berliner Umland machen die beiden, bis Sabine sich unter Tränen wieder von Oisín trennt. Selbst dabei schaut man dem flüchtigen Paar noch gerne zu, bevor der enttäuschte Oisín zur finalen nächtlichen Sauftour mit Liquid-Ecstasy-Absturz im Golden Gate aufbricht. Robert Manson gelingt eine ganz eigene Sicht auf die Szenestadt Berlin auch fernab ihrer coolen Party-Locations sowie ein schönes Portrait eines jungen Paars mit dem vielleicht sympathischsten Silberblick der Filmgeschichte. Dafür vergab die Wettbewerbsjury dann auch den Preis für die beste Regie.

Bewertung:    



Lost in the Living | (C) Ballyrogan Films

Stefan Bock - 24. April 2015
ID 8596
Weitere Infos siehe auch: http://achtungberlin.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de


Weitere Beiträge zu ACHTUNG BERLIN 2015:

Stadt und Land (Halbzeit-Bericht)

Müdigkeitsgesellschaft - Byung-Chul Han in Seoul / Berlin



 

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