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BERLINALE

Panorama der BERLINALE

Kurzkritiken zu ausgewählten Filmen (in alphabetischer Reihenfolge)




Von Krisen, Katastrophen und Kitzlern


Das PANORAMA ist traditionell eine bunte Mischung aus aufwändigen wie auch als Low-Budget produzierten Spiel- und Dokumentarfilmen – oft mit politisch-gesellschaftlich brisanter und/oder schwul-lesbischer Thematik. Ähnlich wie das FORUM ist auch das PANORAMA-Programm der diesjährigen 64. Berlinale durchwachsen. Vor allem die Dokumentarfilme waren in der Regel gehaltvoller und daher sehenswerter als die meisten Spielfilme, denen der große Atem oft fehlte. Einige stilistisch besonders sperrig inszenierte Spielfilme wirkten, als hätten sie sich aus dem FORUM-Programm ins PANORAMA verirrt. Rühmliche Ausnahmebeiträge gab es auch diesmal wieder. Zu wenige – leider!

[DOK = Dokumentarfilm, UT = Untertitel, IP = internationale Premiere, WP = Weltpremiere]


* * *


Anderson (WP) (DOK)
von Annekatrin Hendel, Deutschland, 90 Min, Deutsch, engl. UT, mit Sascha Anderson

Erstmals nach vielen Jahren äußert sich der Dichter Sascha Anderson vor der Kamera über seine Zeit als Stasi-Spitzel, der für den DDR-Geheimdienst ausführliche Berichte über die Künstlerkreise Ostberlins verfasste. Das scheinbar abgegraste und schimmelige Thema wird kurzweilig und einsichtsvoll aufbereitet. Eine direkte Konfrontation mit den ehemaligen Freunden, die er verriet, gibt es aus welchen Gründen auch immer, nicht. Stattdessen behilft sich die Regisseurin, die Vorverurteilungen und Besserwisserei vermeidet, mit einer wunderbaren Idee, um Anderson aus der Reserve zu locken. Sie lässt den wichtigsten Originalschauplatz der damaligen Geschehnisse – die Wohnküche eines Künstlerehepaares aus dem Prenzlauer Berg – im Babelsberger Studio nachbilden und setzt den Dichter dort quasi wie in ein Versuchslabor hinein. Die nicht-wertende, zurückhaltende Fragestellung lässt dem Porträtierten zu viel Spielraum, sich klug daher redend aus der Affäre zu ziehen. Erst die ergänzenden Aussagen der Exfreunde und -Mitstreiter vervollständigen den kritischen Blick auf Anderson als Prototyp eines intelligenten, schlitzohrigen Selbstdarstellers.

Bewertung:    



Another World (WP) (DOK)
von Rebecca Chaiklin, USA, 87 Min, Englisch

Die Dokumentation schildert die Entwicklung der Occupy Wall Street-Bewegung anhand des Werdegangs einiger ihrer Initiatoren. Weltweit griffen die New Yorker Ereignisse auf Protestbewegungen in anderen Ländern über, obgleich das Camp im Herbst 2011 nur zwei Monate bis zu seiner polizeilichen Räumung existierte. Die Protestler versuchten, Geld und Politik zu trennen und Lobbyismus aus Washington zu verbannen, wurden dabei aber gezielt von Gegnern unterwandert. Bis heute verfolgen die Porträtierten, die zum Teil auch in ihrem privaten Umfeld gezeigt werden, ihre politischen Ziele in nachfolgenden Projekten und Hilfsorganisationen wie occupyyourhomes.org. Sehenswerte, weil aufschlussreiche Dokumentation über eine basisdemokratische Bürgerbewegung.

Bewertung:    



The Better Angels
von A. J Edwards, USA, 94 Min, Englisch, mit Jason Clarke, Diane Kruger, Brit Marling, Wes Bentley

Momentaufnahmen aus dem Leben der Familie eines Farmers und Holzarbeiters, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in einer einfachen Blockhütte in den rauen Wäldern Indianas lebt. Ein deutlich erkennbar vom Stil Terence Malicks (Tree of Life) inspiriertes, subtil gestaltetes Drama: ohne viel Dialog, bruchstückhaft und in schnellen, assoziativen Schnittfolgen werden Situationen und Erlebnisse aus der Sicht des siebenjährigen Jungen geschildert, der nach dem Tod der leiblichen Mutter in seiner Stiefmutter eine Vertrauensperson findet, die ihn gegenüber dem verhärmten und strafenden Vater in Schutz nimmt. Von lyrischer Qualität erinnert der sanft dahinfließende Film an das harte und entbehrungsreiche Leben der amerikanischen Pioniere bevor das Land industrialisiert wurde. (à Things People Do)

Bewertung:    



Bing Du (Ice Poison) (WP)
von Midi Z, Taiwan/Myanmar, 95 Min, Mandarin/Burmesisch, engl. UT, mit Wang Shin-Hong, Wu Ke-Xi

Ein langsames, aber stimmungsvolles Porträt zweier junger Protagonisten in der burmesischen Provinz: Ein Mann versucht, der Armut zu entfliehen, eine Frau will aus der Ehe flüchten, in die sie hineinverkauft wurde. Beide verwickeln sich in kriminelle Drogengeschäfte. Der Filme bietet Ansichten von Landschaften in Burma und dem Alltag der Hoffnungslosigkeit. Die Charaktere versuchen auf zähe Weise, ihrem Schicksal zu trotzen.

Bewertung:    



Blind (WP)
von Eskil Vogt, Norwegen/Niederlande, 96 Min, Norwegisch, engl.UT, mit Ellen Dorrit Petersen, Henrik Rafaelsen, Vera Vitali, Marius Kolbenstvedt

Die junge, erblindete Ingrid traut sich kaum noch aus dem Haus, was ihren Ehemann Morten ärgert und enttäuscht. Derweil lernt der schüchterne Einar vom Haus gegenüber auf der Suche nach einer Partnerin seine Nachbarin Elin kennen, die wiederum in einem Chartraum mit Morten in Kontakt steht – oder ist das nur eine Fantasie Ingrids, die in ihrer Einsamkeit mit Elin ein Alter Ego erfunden hat? Immerhin erblindet auch Elin überraschend bei einem Rendezvous mit Morten. Die sehr überzeugenden Akteure verwickeln den Zuschauer auf reizvolle Weise in eine unvorhersehbare, komplexe dramaturgische Struktur. Zugleich gewinnt die Erzählung dem Thema Blindheit interessante neue Aspekte ab.

Bewertung:    



Calvary
von John Michael McDonagh, Irland/Großbritannien, 100 Min, Englisch, mit Brendan Gleeson, Chris O'Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen

Ein Mann eröffnet Pfarrer James Lavelle im Beichtstuhl, dass er als Kind jahrelang von einem Priester missbraucht wurde und als Racheakt Lavelle in einer Woche töten will. Da ihm das Beichtgeheimnis verbietet, zur Polizei zu gehen, versucht der gutherzige Priester selbst, seinen zukünftigen Mörder – den der Zuschauer aus dem Kreis der Dorfbewohner bis kurz vor Schluss nicht identifizieren kann – vor der Tat zu bewahren. Die Besonderheit der spannenden Story besteht u.a. darin, dass aktuelle Thema des Missbrauchs nicht direkt zu verhandeln, sondern über ein Kaleidoskop interessanter Einzelszenen die Atmosphäre in einem malerischen irischen Dorf zu illustrieren, hinter dessen Türen sich skurrile und tragische Schicksale abspielen. Die elegante Inszenierung und die beachtlichen schauspielerischen Leistungen verführen den Zuschauer, sich auf die idyllischen und schwarzhumorigen Aspekte einzulassen, bis die Chronik eines angekündigten Mordes ihrem Höhepunkt zustrebt.

Bewertung:    



The Dog (DOK)
von Frank Keraudren, Allison Berg, USA, 101 Min, Englisch, mit John Wojtowicz

In dieser Dokumentation werden ausführlich die Hintergründe jenes Verbrechens aufgeblättert, das im Sommer 1972 die Bewohner Brooklyns stundenlang in Atem hielt und bereits drei Jahre später durch die Verfilmung von Sidney Lumet (Dog Day Afternoon/Hundstage) berühmt wurde: Zwei unkonventionelle Männer überfielen eine Bank, wobei der Anführer gegenüber Medien und Polizei freimütig betonte, sein Motiv sei es, für seinen transsexuelle Ehefrau Geld für eine Geschlechtsumwandlung zu beschaffen. Dieser John Wojtowicz, später gespielt von Al Pacino, wurde von den Regisseuren über viele Jahre hinweg bis zu seinem Krebstod 2008 immer wieder zu seinem Leben und seiner Tat befragt. Dessen Talent zum Geschichtenerzählen kommt dem Unterhaltungswert des Films zugute, dessen angehäuftes Interviewmaterial über den geschilderten Einzelfall hinaus die schwul-transsexuelle Subkultur Amerikas und ihre Emanzipationsbestrebungen beleuchtet.

Bewertung:    



Fieber (Fever) (WP)
von Elfi Mikesch, Luxemburg/Österreich, 80 Min, Deutsch/Französisch, engl. UT, mit Eva Matthes, Martin Wuttke

Anfang der Fünfzigerjahre wächst die kleine Franzi im österreichischen Städtchen Judenburg auf. Ihr bedrückendes Elternhaus wird von ihrem fieber- und nervenkranken, unberechenbaren Vater dominiert, der als französischer Fremdenlegionär in Nordafrika traumatisiert wurde. Jahrzehnte später unternimmt die Fotografin anhand von Fotos ihres Vaters in der Fantasie eine Reise in dessen Jugendzeit bzw. fährt an die realen Orte. In ihrer von Märchen- und Bilderbüchern entzündeten, kindlichen Fantasie vermischen sich Albtraum, Reales und Imaginäres. Eine verstaubte Fernsehästhetik der Siebziger Jahre, schleppender Schnitt bzw. Szenenwechsel von historisch zu heute, eine steife und aufgesetzte Inszenierung mit Theaterschauspielern, eine unglaubwürdig konstruierte Geschichte, beliebige Dialoge, bedeutungsschwangere Musik – an diesem Film stimmt nichts.

Bewertung:    



Güeros (WP)
von Alonso Ruíz Palacios, Mexiko, 106 Min, Spanisch, engl. UT, mit Ilse Salas

Eine Coming-of-Age-Komödie und Road Movie, in dem die Reisenden kaum dazu kommen die Stadt zu verlassen. Stilistisch eine Hommage an die Nouvelle Vague - gedreht in stringentem schwarz-weiß, konsequent im Format 4:3. Der Teenager Tomás wird von seiner Mutter zu seinem großen Bruder geschickt, der in Mexiko-City studiert, mit seinem Freund Santos in einem Plattenbau lebt und an einem Uni-Streik teilnimmt. Alle zusammen versuchen, einem ehemaligen Starsänger an seinem Krankenbett zu besuchen, was Anlass für skurrile, unerwartete Szenarien des alltäglichen Geschehens in Mexiko-City im Jahre 1999 bietet.

Bewertung:    



Happy to Be Different (Felice chi è diverso) (WP) (DOK)
von Gianni Amelio, Italien, 93 Min, Italienisch, engl. UT

Spielfilmregisseur Amelio hat Interviews mit schwulen italienischen Männern aller Generationen über ihre Lebenserfahrungen geführt. Grundsätzlich sind die Interviewpartner und Gesprächsausschnitte gut ausgewählt; die Zusammenstellung bietet aber abseits der wenigen Anekdoten typisch italienischer Provenienz kaum Neues.

Bewertung:    



Homeland (Ieji)
von Nao Kubota, Japan, 118 Min, Japanisch, engl. UT, mit Kenichi Matsuyama, Yuko Tanaka, Sakura Ando, Takashi Yamanaka, Seiyo Uchino

Der jüngere zweier Brüder, Jiro, geht nach dem Nuklearunfall in Fukushima zurück in sein verseuchtes Heimatdorf, um dort weiter Reis anzubauen. Der Film entwickelt vor dem Hintergrund der realen Ereignisse eine komplexe Familien- bzw. Brüdergeschichte und illustriert beispielhaft Gefühle der Heimatlosigkeit und Desorientierung, unter denen die von der Katastrophe betroffenen Familien leiden, die gezwungen sind, ein improvisiertes Leben in Containern zu verbringen. Viele Aspekte der interessanten, filmisch bislang kaum aufgegriffenen Grundidee des glaubwürdig inszenierten Films werden dramaturgisch unglücklich erst im letzten Drittel behandelt. Positiv wirken die Bilder von Fahrten durch die verwaisten Landschaften und Straßenzüge sowie die überzeugenden Schauspieler.

Bewertung:    



If You Don't, I Will (Arrête ou je continue) (WP)
von Sophie Fillières, Frankreich, 102 Min, Französisch, engl.UT, mit Emmanuelle Devos, Mathieu Amalric

Ein Ehepaar im mittleren Alter aus der französischen Mittelschicht hat sich nicht mehr viel zu sagen; vor allem die Frau muss feststellen, dass ihr Mann entweder nicht mehr willens oder fähig ist, ihr zu zeigen, dass er sie noch liebt. Eine gemeinsame Wanderung veranlasst die Frau, im Wald zu bleiben. Mit der Frau wird auch der Zuschauer in der ersten Filmhälfte durch die Redundanz der Situationen auf eine Geduldsprobe gestellt. Weniger amüsant als möglich gewesen wäre, lebt der Film nahezu ausschließlich von den schauspielerischen Leistungen.

Bewertung:    



In Grazia di Dio (WP)
von Edoardo Winspeare, Italien, 130 Min, Italienisch, dt. UT, mit Celeste Casciaro, Laura Licchetta, Barbara De Matteis, Anna Boccadamo, Gustavo Caputo

In einem kleinen Städtchen Süditaliens muss eine Familie erleben, dass ihre kleine exklusive Textilfabrik nicht mehr überlebensfähig ist. Mit der Verschuldung und dem Verlust des Elternhauses gehen die weiblichen Familienmitglieder unterschiedlich souverän um. Erst nach einer Weile gelingt den Frauen aus drei Generationen ein Neuanfang, ohne dass die unterschiedlichen Temperamente und Lebensentwürfe im Weg stehen. Eine insgesamt naturalistisch geschilderte Geschichte aus dem Italien von heute, in denen einige humorvolle Szenen und poetische Bilder die Akzente setzen. Die Filmemacher begegnen allen ihren Charakteren mit warmherzigem Verständnis.



Is the Man Who is Tall Happy? (DOK)
von Michel Gondry, ,Frankreich, 89 Min, Englisch, mit Noam Chomsky und Michel Gondry

Wenn Michel Gondry Noam Chomsky interviewt, ist dies alles andere als dröge und trocken, zumal der Franzose versucht, die wissenschaftlichen und politischen Thesen des Sprachtheoretikers und Politaktivisten vermittels verspielter Piktogramme und schablonenartiger Animationen zu illustrieren und so in seinen eigenen kreativen Kosmos zu integrieren. Intelligent konzipierter, fantasievoller, informativer, ironischer Film über einen Wissenschaftler, dessen Biografie und Philosophie – wenn auch nur ausschnitthaft – filmisch endlich überhaupt einmal hervorgehoben wird. In Chomskys Thesen als auch in die stringente Machart seines Animationsstils verfängt sich Regisseur und Zeichner Gondry auf sympathische Weise, wobei der Film die eine oder andere Kürzung vertragen hätte.

Bewertung:    



Journey to the West (Xi You) (WP)
von Tsai Ming-liang, Frankreich/Taiwan, 56 Min, Mandarin, engl. UT, mit Kang Sheng Lee, Denis Lavant

Ein buddhistischer Mönch, der sich auf nackten Füßen in äußerster Entschleunigung durch Marseille bewegt – im Zeitlupentempo! Treppe hoch, Treppe runter, am Café vorbei. Verzierte Architektur. Eine interessante Idee, Zeit zu thematisieren, aber eine zu beliebige Collage minutenlanger Totalen. Die Einladung ins Panorama statt ins Forum-Expended ist nicht nachvollziehbar.

Bewertung:    



The Lamb (Kuzu) (WP)
von Kutlug Ataman, Deutschland/Türkei, 87 Min, Türkisch, engl. UT
mit Nesrin Cavadzade, Cahit Gök, Mert Tastan, Sila Lara Cantürk, Nursel Köse

Zur rituellen Beschneidung eines Sohnes einer muslimischen Familie in Anatolien gehört üblicherweise ein Festmahl für die Dorfbewohner. Das ist dann schwierig, wenn wie in diesem Fall das Familienoberhaupt all das Ersparte bei einer Prostituierten verjubelt und seine junge Frau sich nur mehr mit einer List zu helfen weiß. Ruhig, mit sanftem Humor und interessanten Charakteren, aber etwas umständlich erzählt Regisseur Ataman eine Alltagsgeschichte aus den Weiten Nordostanatoliens, wobei der Zuschauer aus den Auslassungen und Andeutungen seine eigenen Schlüsse ziehen darf/muss.

Bewertung:    



Land of Storms (Viharsarok) (WP)
von Adam Császi, Ungarn, 105 Min, Ungarisch/Deutsch, engl UT, mit Andras Süto, Adam Varga, Sebastian Urzendowsky

Der junge Fussballer Szabolcs halt dem Erfolgsdruck in einer deutschen Nachwuchsmannschaft nicht stand und kehrt in sein Heimatdorf in der ungarischen Provinz zurück. Dort freundet er sich ausgerechnet mit Áron an, der versucht, seinen Motorroller zu stehlen, ihm dann aber hilft, das verfallene Elternhaus zu renovieren. Die homoerotische Beziehung bleibt nicht lange geheim und zeigt den Männern, dass es mit der Toleranz der Dörfler nicht weit her ist, was bei Áron Unsicherheit und Selbstverleugnung auslöst. Ein subtiles, unaufgeregt erzähltes, schön fotografiertes und gespieltes Drama, das die Ästhetik über die Dramatik stellt. Allegorisch beschreibt der Film, wie die Versuche der beiden Außenseiter, sich gegenseitig beizustehen, angesichts einer reaktionären Mehrheitsmeinung zum Scheitern verurteilt sind.

Bewertung:    



The Midnight After (The Midnight After) (WP)
von Fruit Chan, Hongkong, China, 124 Min, Kantonesisch, engl. UT, mit Wong You-nam, Simon Yam, Kara Hui, Janice Man, Lam Suet

Eine Gruppe von Linienbuspassagieren muss erleben, dass nach der Durchquerung eines Tunnel plötzlich alle anderen Einwohner Hongkongs verschwunden sind. Auf ihrer Recherche nach den Gründen passieren nicht nur unheimliche Ereignisse, sondern brechen auch Konflikte unter den Isolierten auf. Die aus anderen Science-Fiction-Filmen entlehnte Ausgangsidee dient für einen vielversprechenden Auftakt. Doch schon bald verliert sich die Inszenierung in einer holprigen Aneinanderreihung von wirren Szenen voll kruder Einfälle. Sollte der eigentlich begabte Regisseur eine unterhaltsame Parodie oder Groteske im Sinn gehabt haben, so ist er an dem faserigen Drehbuch gescheitert, das die Niederungen des Trashs nicht überwinden kann.

Bewertung:    



The Night (YE) (WP)
von Zhou Hao, Volksrepublik China, 95 Min, Mandarin, engl. UT, mit Zhou Hao, Liu Xiao Xiao, Li Jin Kang, Zhou Feng Qi

Regisseur und Hauptdarsteller Zhou Hao wagt ein gelungenes und ehrliches filmisches Experiment über seinen eigenen Narzissmus: Die gesellschaftliche Ächtung einer gelebten Homosexualität umkreist der Film ironisch, atmosphärisch dicht, in wenigen Szenarios und knappen Dialogen sowie lässigen Darstellern. Kamera und Lichtbestimmung in schwarz-weiß und Farbe. Lyrik und Lieder, die den Inhalt schmücken, sind geschickt eingefügt.

Bewertung:    



Meine Mutter, ein Krieg und ich (My Mother, a War and Me) (WP) (DOK)
von Tamara Trampe, Johann Feindt, Deutschland, 78 Min, Deutsch, engl. UT, mit Vera Herr, Ivan Strelschenko, Raissa Portlova, Galina Serschantina, Alexandra Mochij

Essayistischer Dokumentarfilm der Regisseurin Tamara Trampe über ihre Mutter, die als junge Krankenschwester zusammen mit ukrainischen Soldatinnen an der Front wider die Faschisten kämpfte, dort ihr Kind zur Welt brachte und später einen deutschen Kommunisten heiratete. Interviews mit noch lebenden Verwandten, Ex-Soldatinnen und –Partisaninnen erinnern an den Mut und das Leiden einer (weiblichen) Bevölkerung während eines verheerenden Krieges, dessen Symbolik zu sozialistischen Zeiten verklärt, seine individuellen Folgen aber ignoriert wurden. Leider können sich viele der Interviewten als Altersgründen kaum mehr an Einzelheiten erinnern. Der Film hätte einige Jahre früher gedreht werden sollen.

Bewertung:    



O Homem das Multidões (The Man of the Crowd)
von Marcelo Gomes, Cao Guimarães, Brasilien, 95 Min, Portugiesisch, engl.UT, mit Paulo André, Silvia Lourenço

„Juvenal ist Straßenbahnfahrer in Belo Horizonte, einer der größten Städte Brasiliens. Den Feierabend verbringt der stille Mann in seiner Wohnung. Wenn er Durst hat, trinkt er Wasser aus seinem einzigen Wasserglas. Seine Kollegin Margô bittet ihn, bei ihrer Hochzeit Trauzeuge zu sein.“ Zäh und diffus porträtierte Freundschaft zwischen Berufskollegen. Auch das ungewöhnlich gestauchte Format hilft nicht und trägt nicht zu irgendeiner Form von Spannung bei. Kaum erträgliche Reihung banaler Alltagsszenen.

Bewertung:    



Papilio Buddha
von Jayan Cherian, Indien/USA, 108 Min, Malayalam, engl.UT, mit Kallen Pokkudan, Saritha Sunil, Sreekumar SP, David Briggs, Prakash Bare, Thampy Antony

Eine Szene wie im Paradies: Shankaran entdeckt einen Papilio Buddha, einen seltenen Schmetterling, der nur in den indischen Western Ghats beheimatet ist. Der Vater ist Anführer einer Gruppe von Dalits, Kastenlosen oder Unberührbaren, die vielerorts in Indien einen brutalen Kampf um Landrechte führen. Aus Sicht der Polizei sind sie Terroristen, obwohl ihre Rechte seit der Unabhängigkeit des Landes in der Verfassung geregelt sind. Auch Shankaran kommt ins Gefängnis und Jack wird wegen seiner Nähe zu ihm kurzerhand ausgewiesen. Das Paradies wird zur Kampfzone. Der Film zeigt bildmächtig und ohne politische Tabus die Komplexität der tief verwurzelten Traditionen, des Kastensystems, der sozialen und religiösen Konflikte zwischen Buddhisten und Hindus in Indien. Auch die ungeheure Brutalität der korrupten Polizei, die Stigmatisierung der Homosexualität und das aktuelle Phänomen von Massenvergewaltigung werden im Laufe der Handlung ungeschminkt dargestellt. Der Film bezieht angstfrei und eindrucksvoll Stellung.

Bewertung:    



Quick Change
von Eduardo Roy Jr., Philippinen, 98 Min, Tagalog, engl. UT, mit Mimi Juareza, Jun jun Quintana,Miggs Cuaderno, Francine Garcia, Natashia Yumi

Momentaufnahmen und Schicksale innerhalb der transsexuellen Szene in der Hauptstadt der Philippinen, einem Land, wo trotz eines ausgeprägten Katholizismus viele Menschen ein vergleichsweise entspanntes Verhältnis zu Geschlechtsumwandlungen und Doppelgeschlechtlichkeiten pflegen. Bei den Betroffenen in diesem Film führt das Laissez Faire zu einem exzessiven und bedenkenlosen Gebrauch von Schönheitsoperationen und dem Spritzen von Implantationsflüssigkeiten. Eine offene, über weite Strecken irritierende Sicht auf befremdliche Phänomene einer Nischengesellschaft in einem Entwicklungsland.

Bewertung:    



Risse im Beton (Cracks in the Concrete) (WP)
von Umut Dağ, Österreich, 105 Min, Deutsch, mit Murathan Muslu, Alechan Tagaev, Ivan Kriznjak, Shamil Illishanov, Daniel Mijatovic

Gangs, Drogen, Rap in der Migrantenszene in Wien. Konventionell aufgebautes Sozialdrama, von den Amateuren teils zu ausdrucksvoll gespielt, mit einer zu vorhersehbaren Dramaturgie.

Bewertung:    



Things People Do (WP)
von Saar Klein, USA, 109 Min, Englisch, mit Wes Bentley, Jason Isaacs, Vinessa Shaw, Haley Bennett

Der Familienvater Scanlin kann die Raten für sein Eigenheim in der Provinz des amerikanischen Mittelwestens nicht mehr bezahlen und wird so wird ein Opfer der US-Hypothekenkrise. Ohne sich seiner Frau anzuvertrauen, wird Scanlin aus Not zum bewaffneten Räuber, der bald sogar Freude an seinem diabolischen Tun empfindet. Der Regisseur und Koautor verfolgt die unvorhersehbare psychologische Entwicklung der Charaktere sehr präzise, die auch schauspielerisch sehr überzeugend vermittelt wird. Bemerkenswert ist außerdem die Symbolik der Drehorte und der aus vielen Einsprengseln bestehende, jedoch sehr flüssige Schnittrhythmus, der an Terence Malicks Vorgehensweise geschult ist. (àThe Better Angels)

Bewertung:    



Through A Lens Darkly: Black Photographers and the Emergence of a People (DOK)
von Thomas Allen Harris, USA, 90 Min, Englisch, mit Carrie Mae Weems, Lorna Simpson, Hank Willis Thomas, Lyle Ashton Harris, Glenn Ligon

Die Geschichte der Fotografie aus afroamerikanischer Sicht, illustriert anhand unzähliger Archivfotos und Interviews mit afroamerikanischen Fotografen, Sammlern und Historikern. Fotografie als Ausdrucksmittel wird unter dem Aspekt von Fremd- und Selbstrepräsentation neu gelesen und kritisch analysiert. Hingewiesen wird auf kunsthistorisch wichtige Pioniere wie Frederick Douglas, Roy De Carvava und Deborah Willis, die nachfolgende Künstler und ihre eigenen fotografischen Arbeiten beeinflussten, sich von der Sklaverei zu emanzipierten. Flotte, redundante, etwas zu sentimentale und mit aufdringlicher Musik unterlegte Collage, die einen aufschlussreichen Eindruck davon vermittelt, wie die Black Community Amerikas die Kamera als Mittel für soziale Veränderungen seit den Anfängen der Fotografie bis in die Neuzeit für sich zu nutzen verstand.

Bewertung:    



Triptyque (Triptych)
von Robert Lepage, Pedro Pires, Kanada, 94 Min, 2D DCP, Engl./Deutsch/Französisch, engl.UT, mit Lise Castonguay, Frédérike Bédard, Hans Piersbergen

Eine ältere Frau verlässt die Psychiatrie in Québeck, bleibt aber fragil. Ihre Schwester erkrankt an einem Gehirntumor, der ihre Arbeit als Jazzsängerin bedroht, und sie begibt sich in die Hände eines deutschen Chirurgen, der wiederum seine Ehe am Ende wähnt und selbst mit einem Nervenleiden zu kämpfen hat. Episodenfilm, der die drei Einzelschicksale jeweils aus den individuellen Blickwinkeln erzählt und eine interessante Figurenkonstellation entwirft. Melodramatisch und theatralisch – wie bei LePage üblich. Zuschauer, für die Gehirnoperationen nichts Übliches sind, sollten sich gedanklich wappnen (und zuvor auf Mahlzeiten verzichten).

Bewertung:    



Vulva 3.0 (WP) (DOK)
von Claudia Richarz, Ulrike Zimmermann, Deutschland, 78 Min, Deutsch, engl. UT

Alles, aber wirkliches alles, was Sie schon immer über das weibliche Genital wissen wollten, tragen die beiden Filmemacherinnen zusammen: Warum wurden Darstellungen weiblicher Geschlechtsteile so lange tabuisiert, werden sie heutzutage retuschiert, chirurgisch optimiert und noch immer verstümmelt? Ein buntes Kaleidoskop mit gut ausgewählten Interviewpartnern, die einen Teil der Geheimniskrämerei lüften. Gut ausgewählte Interviewpartner, die das Spannungsfeld des über Jahrhunderte tabuisierten Themas in unterschiedlicher Weise verkörpern.

Bewertung:    



Yves Saint Laurent
von Jalil Lespert, Frankreich, 105 Min, Französisch, engl. UT, mit Pierre Niney, Guillaume Gallienne, Charlotte Le Bon, Laura Smet, Marie De Villepin, Nikolai Kinski

Die chronologisch, von 1957 an nacherzählte Biografie des berühmten Modemachers, der bereits als Mitzwanziger zum Leiter des Hauses Dior wurde und in Pierre Bergé einen Lebens- und Geschäftspartner fand, mit dessen Hilfe Saint Laurent ein eigenes Modeimperium gründete. Eine durchaus unterhaltsame, aber angesichts des interessanten Lebenslaufes von Saint Laurent arg konventionelle, plakativ bebilderte Biografie, die sich insgesamt zu wenig traut, Schwerpunkte zu setzen. Immerhin sind einige der ehemals Aufsehen erregenden Modekollektionen des chronisch depressiven Saint Laurents im Film zu sehen.

Bewertung:    


Max-Peter Heyne & Gabriele Leidloff - 12. Februar 2014
ID 7596
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


Siehe auch:

Kurzkritiken zu ausgewählten Filmen im FORUM

FORUM EXPANDED

Post an Max-Peter Heyne

Post an Gabriele Leidloff



 

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