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BERLINALE

Forum der BERLINALE

Kurzkritiken zu ausgewählten Filmen (in alphabetischer Reihenfolge)



Nur nicht künstlerisch aufregen!

Die Sektion FORUM der Berliner Filmfestspiele präsentiert traditionell unkonventionelle, innovative, teils auch experimentell und sperrig gestaltete Filme abseits des Kino-Mainstreams. Viele Filme sind Debüts oder Nachwuchsfilme, aber auch erfahrene Filmemacher mit origineller Handschrift sind vertreten. Beim FORUM haben auch Low-Budget- und unabhängig produzierte Filme eine Chance, ein vergleichsweise große Medienaufmerksamkeit zu erringen.

In diesem Jahr waren leider etliche Filme nicht nur langatmig oder langweilig, sondern wirkten auch uninspiriert bzw. an einem Publikum vorbei inszeniert. Aber es gibt auch Highlights – so z.B. den deutschen Beitrag Ich will mich nicht künstlich aufregen, der für Rezensenten des FORUM das diesjährige Motto vorgegeben hat.

Im Folgenden bieten wir einen Überblick über das inhaltlich und stilistisch wie immer breitgefächerte Programm des FORUM, das sich nach dem Berlinale-Skandaljahr 1970 abgespalten hatte, um den Vertretern des Jungen Deutschen (und internationalen) Films ein Forum zu bieten, mittlerweile aber schon seit über zehn Jahren wieder fest in das Berlinale-Gesamtprogramm integriert ist. [Die noch relativ junge Reihe FORUM EXPANDED ergänzt das Programm mit Experimentalfilmen und Ausstellungsbeiträgen, die zum Teil auch als Loops an verschiedenen Orten Berlins präsentiert werden.]

DOK = Dokumentarfilm, UT = Untertitel, IP = internationale Premiere, WP = Weltpremiere / R: Regie, D: DarstellerInnen


* * *


40 Days of Silence (Chilla) – WP
R: Saodat Ismailova, D: Rushana Sadikova, Saodat Rahminova, Barohad Shukurova. Niederlande/Deutschland/Frankreich 2014, 87 min, Usbekisch mit engl. UT

Eine minimalistische, ästhetisch überzeugend fotografierte Schilderung des kargen Lebens von Frauen aus vier Generationen in der usbekischen Provinz. Während die Großtante sich in einer traditionellen, ländlich-vormodernen Existenz eingerichtet hat, sucht ihre Nichte nach Alternativen. Die sorgsam durchkomponierten, sich auf Details fokussierenden Bilder und die Exotik der Schauplätze können den fast völligen Verzicht auf Handlung bis zu einem gewissen Maße aufwiegen.

Bewertung:    


The Airstrip – Aufbruch in die Moderne - Teil III – WP (DOK)
R: Heinz Emigholz. Deutschland 2014, 108 min, Deutsch

Der 21. Teil von Emigholz‘ Serie „Photographie und jenseits“ bietet die gewohnten Einzelbildfolgen von ausgewählten Orten in Europa, Südamerika und auf der japanischen Insel Saipan, zu Textzitaten über den Aufbruch der Moderne. Er projiziert eine Reihe von Bauwerken, Flughäfen, Autobahnen und Bushaltestellen, Kaufhäuser, Markthallen und Lagerhäuser sowie Kirchen, Kathedralen, Skulpturen und Monumente, ein Gefängnis und ein Stadion, zu einer architektonischen Klammer. Zur Rahmennovelle gehören Anspielungen auf die kapitalistische, religiös-melancholische und moralstiftende Welt.

Bewertung:    


Al midan (The Square) (DOK)
R: Jehane Noujaim. USA/Ägypten 2013, 104 min, Arabisch/Englisch mit engl. UT

Zwei Jahre lang hat Jehane Noujaim verschiedene Akteure auf dem Tahrir-Platz mit der Kamera begleitet, in der die Eskalation von Gewalt aus einer Revolution einen Bürgerkrieg machten: Ahmed Hassan, ein junger Mann aus dem Arbeiterbezirk Shobra, der schon als Achtjähriger Geld verdienen musste. Der ägyptisch-britische Schauspieler Khalid Abdalla stammt aus einer Familie, die seit Generationen für mehr Demokratie im Land kämpft. Die vielleicht tragischste Figur ist Magdy Ashour, der als Muslimbruder unter Mubarak verhaftet und gefoltert wurde – und auf dem Tahrirplatz, damals im Januar 2011, in Khalid und Ahmed Freunde und Verbündete fand. Die Materialfülle, die Grenzgänger-Perspektive, die unterschiedlichen, charismatischen Protagonisten und eine Filmemacherin, die keine Gefahr scheute, um ihre Bilder zu bekommen, ergeben eine beeindruckende Dokumentation.

Bewertung:    


At Home (Sto spiti) – WP
R: Athanasios Karanikolas, D: Maria Kallimani, Marisha Triantafyllidou, Alexandros Logothetis, Giannis Tsortekis, Zoi Asimak. Deutschland/Griechenland 2014, 103 min, Griechisch/Georgisch mit engl. UT

Die seit vielen Jahren als Haushälterin und Kindermädchen eines vermögenden Paares arbeitende Nadja erkrankt chronisch, woraufhin ihre freundschaftliche Verbundenheit zur Familie nicht mehr viel gilt. Vor allem auf Drängen des Hausherrn wird die illegal in Griechenland Lebende aus der Villa gedrängt. Das subtile, ästhetisch stringente Psychodrama um verdeckte, langsam aufbrechende Klassenunterschiede leidet unter den Einschränkungen der Schwarz-Weiß-Konstellation der Figuren.

Bewertung:    


Le beau danger – WP (DOK)
R: René Frölke. Deutschland/Italien 2014, 100 min , Englisch/Rumänisch/Französisch/Italienisch mit dt. UT

Norman Manea, 1936 in der Bukowina geboren, wurde 1941 mit seiner Familie in ein Konzentrationslager deportiert. Er überlebte die Gefangenschaft, wurde Schriftsteller und emigrierte 1986 aus Rumänien in den Westen. Heute lehrt und schreibt er in New York. „Eine vielschichtige Textur aus Schrift und Rede (…), Ton-Collagen und Rauschen – ein Film aus Fragmenten mit vagen Zusammenhängen, kein kohärent erzähltes Künstlerporträt.“ Soweit die PR-Prosa zum Film. De facto handelt es sich um einen anstrengenden Lesefilm mit endlos projizierten Texten, die formal dilettantisch mit Archivmaterial und Interviewausschnitten (teilweise ohne Ton, wenn Manea etwas Interessantes sagt) zerhäckselt wurden. Angesichts der interessanten Biografie ärgert die Auswahl an belanglosen Zitaten und Schwarz-Weiß-Bildern, die dem Schriftsteller und seinem Werk nicht gerecht werden. Das Thema einer Dokumentation über Manea ist damit leider – in doppelter Hinsicht – vergeben worden.

Bewertung:    


Butter on the Latch – WP
R: Josephine Decker, D: Sarah Small, Isolde Chae-Lawrence, Charlie Hewson, USA 2014, 72 min, Englisch

Ein langwieriges, auf authentisch getrimmtes Szenario zweier jugendlicher Freundinnen, die sich bei einem Workshop auf einem Balkanfolkfestival in den kalifornischen Wäldern von Medocino verwirren wollen bzw. zu verirren versuchen. Nur der Regisseurin gelingt es. Sehr amerikanisch aufgezogen, voller pseudo-suggestiver Einsprengsel, noch dazu mit einem unglaubwürdigen Finale.

Bewertung:    


DMD KIU LIDT – WP (DOK)
R: Georg Tiller, D: Andreas Spechtl, Stefan Pabst, Thomas Schleicher, Christiane Rösinger, Österreich/Deutschland 2014, 55 min, Deutsch/Englisch

Ein Anti-Musikfilm über die österreichische Band „Ja, Panik“, der – bitte recht originell! – die Bandmitglieder nicht beim Spielen zeigt, sondern wie sie sich bedeutungsschwer anschweigen. Die traurige Karikatur eines künstlerisch anspruchsvollen Films.

Bewertung:    


The Darkside – IP
R: Warwick Thornton, D: Claudia Karvan, Aaron Pedersen, Bryan Brown, Deborah Mailman, Australien 2013, 94 min, Englisch mit engl. UT

Eine Zusammenstellung kurzer, persönlicher Erzählungen über die Begegnung mit geisterhaften Erscheinungen bzw. Ahnen im Zwischenleben, die Filmemacher Warwick Thornton auf einen Aufruf hin von Aborigines als auch Weißen zugetragen wurden. Skurrile und bedrückende Geschichten wechseln sich ab; zu Letzterem zählt die Geschichte einer Forscherin, die im australischen Filmarchiv nachts die Stimmen der dort einstmals zu wissenschaftlichen Zwecken vermessenen und sezierten Aborigines hört, deren sterbliche Überreste bis heute nicht bestattet sind. Dass Thornton die Interviews an sorgfältig ausgewählten Orten mit professionellen Schauspielern nachinszeniert hat, nimmt ihnen nichts von ihrer Glaubwürdigkeit. Dank der Protagonisten ein interessantes Spiegelbild der spirituellen Kraft der indigenen Kultur Australiens, die auch seine weißen Bewohner zu inspirieren oder heimzusuchen scheint.

Bewertung:    


Forma – IP
R: Ayumi Sakamoto D: Emiko Matsuoka, Nagisa Umeno, Seiji Nozoe, Ken Mitsuishi. Japan 2013, 145 min, Japanisch mit engl. UT

Die junge, aufstrebende Büroleiterin Ayako bietet ihrer ehemaligen Schulfreundin Yukari nach einem zufälligen Zusammentreffen eine Stelle an. Nach der ersten Freude muss Yukari feststellen, dass es Ayako darauf anlegt, sie zu demütigen, ohne dies offenkundig werden zu lassen. Die langen, statischen Einstellungen, die mehr Handlung und Dialog auslassen als zeigen, täuschen einen Iinearen Ablauf vor, der schon bald einer sehr komplexen, elliptischen Handlungsstruktur weicht, bis nicht nur die beruflichen, sondern auch moralischen Positionen der Charaktere in Frage stehen. Eine ehrenwerte, indes sehr zähe und schließlich zunehmend anstrengende Versuchsanordnung für die Hardcore-Philosophen unter den Zuschauern.

Bewertung:    


Free Range / Ballaad Maailma Heakskiitmiset – IP
R: Veiko Õunpuu, D: Lauri Lagle, Jaanika Arum, Roman Baskin, Estland 2013, 102 min, Estnisch mit engl. UT

Ein junger Schriftsteller verwühlt sich in sein Leben, trifft auf seinen eigenen Widerstand und schafft es schlussendlich, mit einer seiner Lieben eine Familie zu gründen. Atmosphärisch aufgeladene, auf 16-mm-Kamera gedrehter Film mit eingespielten Songs von Vinyl aus den 70ern, die Pate standen bei der Handlung, die an den Fänger im Roggen erinnert. Der Mentalität des Landes entsprechend lakonisch erzählt.

Bewertung:    


Ghashiram Kotwal
R: K. Hariharan, Mani Kaul D: Mohan Agashe, Om Puri, Rajni Chauhan, Mohan Gokhale. Indien 1977, 107 min, Marathi mit engl. UT

Mit den Mitgliedern eines Theaterkollektivs und basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück inszeniert der Film die Krise der Peshwa/Marati-Epoche und deutet ein Stück indischer Geschichte um. Sehr spezielles, typisch indisches Epos mit theatralischen Szenen, Tanz und Musik. Bespielt werden die historischen Vorgänge, auf denen auch die Vorlage beruht: die Biografie von Nana Phadnavis (1741–1800), einem einflussreichen Minister und der Fall des Peshwa-Regimes in West-Indien vor dem Hintergrund einer Politik von Intrigen und Korruption, die während der wachsenden kolonialen Bedrohung der Briten das Land verwüstete. Der Film entwickelt seine experimentelle Ästhetik aus der Beschäftigung mit fiktionaler und dokumentarischer Praxis in Theater und Film. Restaurierte Fassung aus den Beständen des Archivs des Forums/Arsenals.

Bewertung:    


Ich will mich nicht künstlich aufregen – WP
R: Max Linz D: Sarah Ralfs, Pushpendra Singh, Barbara Heynen, Hannelore Hoger. Deutschland 2014, 82 min, Deutsch/Englisch mit engl. UT

Fantasievolle, einfallsreiche und mehrschichtige Persiflage auf die Kunstszene mit Fokus auf Berlin. Der Film nutzt adäquat und innovativ die diversen stilistischen Mittel abgestimmt auf die Inhalte der Szenen; spezielle Szenarios wie Soap Opera, Radiointerview, urbane Realitäten mit Zitaten aus der Vergangenheit, die heute noch gültig sind. Für jeweilige Prototypen werden Schauspieler, skurrile Dialoge, Kostüme, Zeitsprünge, Splitscreens und Kamerafahrten gefunden. Der Film zieht noch eine weitere Ebene ein: Die Kuratorin und Hauptdarstellerin wird malerisch, melancholisch in längeren Einstellungen selbst wie ein Kunstprojekt inszeniert. Jede Szene überrascht, sodass der Film das strapazierte Thema Kreativwirtschaft nicht plakativ bebildert.

Bewertung:    


Iranien (Iranian) – WP (DOK)
R: Mehran Tamadon. Frankreich/Schweiz 2014, 105 min, Farsi mit engl. UT

Ein gelungenes Experiment des Regisseurs, für das er zwei Jahre lang kämpfen musste: vier Verfechter des Regimes im Iran dazu überreden, mit ihm gemeinsam in einer Wohngemeinschaft einige Tage im Landhaus seiner Familie zu verbringen. Tamadon provoziert seine Gäste charmant, ohne seine atheistische, regimekritische Identität zu verleugnen. Er ist immer Teil der Szenerie, sitzt ihnen als Interviewer gegenüber, diskutiert mit den orthodoxen Geistlichen die Vor- und Nachteile einer säkularen Gesellschaft, den Schleier, Abtreibung, Pressefreiheit. Es geht kontrovers zu, aber es wird auch viel gescherzt, zusammen gekocht und sogar gebetet; insgesamt herrscht eine entspannte, dialogische Atmosphäre.

Bewertung:    


Joy of Man’s Desiring (Que ta joie demeure) – WP
R: Denis Côté D: Guillaume Tremblay, Emilie Sigouin, Hamidou Savadogo, Ted Pluviose. Kanada 2014, 70 min, Französisch mit engl. UT

Menschen, die Maschinen konzentriert bedienen, sie füttern, Arbeitsprozesse, Pausengespräche in der Umkleide, der Kantine. Eine Aneinanderreihung von minimalistischen Ausschnitten mit fragmentarischen Gesprächen und Kommentaren, die zu beliebig und unglaubwürdig wirken, um – wie beabsichtigt – als abstraktes Theater gelten zu können. Die (zu) langen Einstellungen bieten zu wenig Gehaltvolles; einzig die Bebilderung alltäglichen Handwerks hat einen Reiz.

Bewertung:    


The Kidnapping of Michel Houellebecq (L’enlèvement de Michel Houellebecq) – WP
R: Guillaume Nicloux D: Michel Houellebecq, Mathieu Nicourt, Maxime Lefrançois. Frankreich 2014, 92 min, Französisch mit engl. UT

Der kontroverse Schriftsteller Michel Houellebecq (Elementarteilchen) lebt meist unerkannt als Bohemien in Paris. Eines Tages wird er unversehens von bulligen Gangstern gekidnappt und in der Hoffnung auf Lösegeld tagelang in einem Haus außerhalb von Paris festgehalten. Der sehr auf Rückzug und Privatheit erpichte Autor kann der Geiselnahme sogar gute Seiten abgewinnen: Houellebecq trinkt und raucht wie gehabt, lernt etwas Kampfsport, macht sexuelle Erfahrungen mit einer ihm zugeführten Prostituierten und versteht sich immer besser mit seinen Entführern, denen er wiederum Kulturthemen näherbringt. Regisseur Guillaume Nicloux gibt eine fiktive Antwort auf das Rätsel, warum Houellebecq im September 2011 kurzzeitig wie vom Erdboden verschwunden war, als er auf einer Lesereise sein sollte. Der schrullige Houellebecq genießt das Zelebrieren seines Images als menschenscheuer Exzentriker, wobei sich die Inszenierung allerdings mit oberflächlichen Bonmots und Sketchen begnügt.

Bewertung:    


Kumiko, the Treasure Hunter – IP
R: David Zellner D: Rinko Kikuchi, Nathan Zellner, David Zellner, USA 2014, 105 min, Englisch/Japanisch mit engl. UT

Die verhuschte, leicht autistisch wirkende Kumiko entflieht ihrer Heimat Tokio und macht sich im winterlichen-eisigen Minnesota stur und unbeirrt auf die Suche nach dem vergrabenen Schatz, der im Krimi Fargo (1998) der Coen-Brüder (based on true events!) irgendwo im Schnee an einem Zaun vergraben wurde. Das unterhaltsame Roadmovie der Zellner-Brüder ist zwar nicht so schwarzhumorig wie das ihrer Kollegen, strotzt aber ebenfalls vor absurden Momenten und kauzigen Figuren und ist insofern eine gelungene Huldigung des berühmten Vorbilds.

Bewertung:    


N - The Madness of Reason – WP (DOK)
R: Peter Krüger D: Michael Lonsdale, Wendyam Sawadogo. Belgien/Deutschland/Niederlande 2014, 102 min, Französisch/ Bambara/ Dioula/ Senufo/ Sonhoy/ Anyin mit engl. UT

Der französische Abenteurer Raymond Borremans (1906–1988) fühlte sich als junger Mann von Afrika angezogen – nicht als Kolonialist, sondern als Suchender, der weg wollte aus dem Nachkriegseuropa. Der Film verwebt die ungewöhnliche Biografie des Insektenforschers und Afrikareisenden Borremans (der mit der sonoren Stimme Michael Lonsdales quasi aus dem Jenseits zu den Zuschauern spricht) mit Impressionen der aktuellen Situation an der Elfenbeinküste. Als besuchte der Verstorbene noch einmal die Orte seines Wirkens und seiner Reisen, gleitet die Kamera schwerelos durch Räume und Landschaften und reiht teils poetische, teils nüchterne Bilder aneinander, die vom literarischen, melancholischen Off-Kommentar zusammengehalten werden. Das elegante, lyrische, suggestive Kaleidoskop wird in einem ruhigen Schnittrhythmus präsentiert, der Zeit für eigene Reflexionen lässt, z.B. darüber, welche Sehnsüchte und Enttäuschungen der Blick eines Europäers auf das Afrika von Gestern und Heute auszulösen vermag. Ein gelungenes Beispiel dafür, wie intelligent filmische Mittel eingesetzt werden können.

Bewertung:    


Nagima
R: Zhanna Issabayeva, D: Dina Tukubayeva, Galina Pyanova, Mariya Nezhentseva, Kasachstan 2013, 80 min, Kasachisch mit engl. UT

Das Schicksal einer 18-jährigen Frau im postsozialistischen Kasachstan: Zusammen mit ihrer Freundin Anya, die sie aus dem Waisenhaus kennt, lebt Nagima in einer ärmlichen Hütte am Stadtrand von Almaty. Nagima macht ihre leibliche Mutter ausfindig, aber als sie das zweite Mal verstoßen wird, nimmt sie das Babys zu sich, bei dessen Geburt Anya verstorben ist. Eine wortkarge, bildstarke, in reduzierten Szenen und Kameraeinstellungen sich auffächernde Tragödie der in Armut, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit lebenden Hauptfiguren, die überraschend komplex charakterisiert ist. Selten genug gibt es hier ein unvorhersehbares Ende.

Bewertung:    


Non-fiction Diary - IP (DOK)
R: Jung Yoon-suk. Republik Korea 2013, 93 min, Koreanisch mit engl. UT

Eine komplexe Reflexion über die verlorene Jugend einer verrohten südkoreanischen Gesellschaft, die sich nach den dunklen Zeiten der Militärregierung einem hemmungslosen Fortschrittsglauben unterworfen hatte. Der Regisseur hinterfragt die bestialischen Morde, die von den ersten Serientätern, die es in Südkorea gab, begangen wurden und setzt sie in den historischen Kontext des Risses, den die Kapitalisierung in den 80er Jahren in seinem Heimatland hinterließ. Eine schnellgeschnittene, hochinteressante Zusammenstellung aus Interviews, Archiv- und neu gedrehtem Material und eine Konzentrationsübung für jene, die des Koreanisch nicht mächtig sind und Untertitel lesen müssen.

Bewertung:    


Seaburners (Kumun tadı) - WP
R: Melisa Önel D: Mira Furlan, Timuçin Esen, Ahmet Rıfat Şungar. Türkei 2014, 89 min, Türkisch/Englisch mit engl. UT

In spannungsreichen Einstellungen, elliptisch sich zuspitzendes Drama um Menschenschmuggel und eine unglückliche Liebe. Authentisch erzählt und gespielt, mit zwei glaubwürdigen Charakteren: einer Botanikerin und ihrem Liebhaber, der vor ihr verbergen muss, an der türkischen Schwarzmeerküste Menschengruppen zur Flucht nach Europa zu verhelfen. Eindringliches Debüt.

Bewertung:    


She’s Lost Control – WP
R: Anja Marquardt D: Brooke Bloom, Marc Menchaca, USA 2014, 90 min, Englisch

Was es nicht alles gibt: z.B. „sexuelle Surrogatpartner“, die im therapeutischen Kontext an Leuten, die mit körperlichen Kontakten Probleme haben, intime Handlungen vornehmen, damit es diesen besser geht. Leuchtet unmittelbar ein, Sex zwischen Erwachsenen kann ja nie schaden. Oder doch? Die deutsche, in New York lebende Regisseurin Anja Marquardt zeigt am Beispiel der sensiblen Ronah, was schief gehen kann, wenn man sexuelle Hilfestellungen zum Beruf macht. Wer hätte es gedacht: Nicht immer, aber doch bisweilen lässt sich Privat- und Berufsleben nicht klar trennen. Der Titel nimmt den Handlungsverlauf ja bereits vorweg. Dennoch gelingt es Marquardt erstaunlich gut, viele Szenen in einem Schwebezustand zu halten und die Verlorenheit und Liebessehnsucht urbaner Existenzen zu vermitteln. In Erinnerung bleibt vor allem das sanfte Spiel und zarte Gesicht der Hauptdarstellerin Brooke Bloom.

Bewertung:    


Snowpiercer (Seolguk-yeolcha)
R: Boong Joon-ho D: Chris Evans, Song Kang-ho, Tilda Swinton, John Hurt. Republik Korea 2013, 125 min, Koreanisch/Englisch mit deutschen UT

Snowpiercer basiert auf der französischen Graphic Novel Transperceneige: Nach einem missglückten Versuch, die globale Erwärmung zu stoppen, versinkt die Erde in einer neuen Eiszeit. Die wenigen Überlebenden sammeln sich in einem 650 Meter langen Zug, der durch die Eiswüste rast – ohne je anzuhalten. Innerhalb des Zuges existiert eine strikte Klassengesellschaft. Die große Masse lebt in elenden Verhältnissen im hinteren Zugteil, während eine kleine, reiche Minderheit in den vorderen Waggons ihren Luxus genießt. Unter den Passagieren des Prekariats macht sich Revolutionsstimmung breit, die sich gewaltsam entlädt. Die interessante Ausgangsidee, dass jedes Zugabteil für die Überlebenden eine Welt für sich ist, wird der buchstäblich bebilderten Kannibalisierung der Insassen geopfert, die darwinistischen Überlebenskämpfe in einem fast unerträglichen Zombie-Gemetzel austragen. Eine überzogen agierende und hysterische Tilda Swinton macht die Sache nicht besser. Warum sowas im Forum?

Bewertung:    


To Singapore, With Love (DOK)
R: Tan Pin Pin, Singapur 2013, 70 min, Englisch/Malaiisch/Mandarin mit engl. UT

Für das Porträt ihrer Heimatstadt, der tropischen Wirtschaftswundermetropole Singapur, wählt Tan Pin Pin eine konsequente Außenperspektive. Sie besucht politische Exilanten in London, Thailand und Malaysia, die die Stadt vor 50 oder 35 Jahren verlassen mussten und bis heute nicht zurückkehren dürfen, es sei denn als Asche nach dem Tod. Die Protagonisten des Films haben für die Freiheit Singapurs vom Kolonialismus und für mehr Demokratie gekämpft, sind jahrzehntelangen Haftstrafen und juristischer Willkür nur um den Preis des Exils entkommen. Der Film ist eine Hommage auf kämpferische Einzelpersonen, deren Lebensweg durch Migration geprägt wurde. Weniger als Opfer denn als Utopisten, eröffnen ihre Geschichten erstaunliche Perspektiven auf eine ultra-moderne Stadt im demokratischen Koma. Durch das Leben im Exil ist ihr heutiger Blick auf die Stadt geschärft und analytisch. Klassisch gestalteter Dokumentarfilm mit interessanten Porträtierten, an deren Schicksal die wenig bekannte Historie Singapurs aufgefächert wird.

Bewertung:    


Töchter – WP
R: Maria Speth, D: Corinna Kirchhoff, Kathleen Morgeneyer, Hiroki Mano. Deutschland 2014, 92 min, Deutsch mit engl. UT

Noch’ n Berliner Roadmovie, aber anders als im Wettbewerbsbeitrag Jack nicht aus der Sicht von Kindern, sondern einer Mutter, die ihr Kind sucht: Die Lehrerin Agnes aus Hessen ist nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt erleichtert, dass jene junge Frau, die sie als ihre Tochter am Leichentisch identifizieren soll, nicht ihre Tochter ist. Auf der Suche nach der vermissten Ausreißerin lernt Agnes eine andere Streunerin kennen, die vielleicht aus ähnlichen Gründen auf der Straße lebt wie ihre Tochter. Die behutsam entwickelte Geschichte gerät im Verlauf oft zu geradlinig und redundant. Schade, denn die Handlung ist immer dann stark, wenn sie die Ambivalenz der Gefühle von Anziehung und Abstoßung – sowohl zwischen den Figuren als auch zwischen den Figuren und der Großstadt – nicht strapaziert.

Bewertung:    


Top Girl oder la déformation professionnelle – WP
R: Tatjana Turanskyj D: Julia Hummer, Susanne Bredehöft, RP Kahl. Deutschland 2014, 95 min, Deutsch/Englisch mit engl. UT

Helena, 30, alleinerziehende Mutter einer elfjährigen Tochter, ist als Schauspielerin nur mäßig erfolgreich und verdient ihren Lebensunterhalt daher mit Sexarbeit in einem Escort-Service. Ihre lebenslustige Mutter lehrt Männer, auf andere Weise locker zu sein: beim Gesangsunterricht. Die Jobs nebeneinander zu stellen ist durchaus reizvoll, jedenfalls reizvoller als manche Episode aus dem Sexbusiness, die ältere Zuschauer seit der Flambierten Frau so ähnlich schon oft im Kino gesehen haben. Viele Anspielungen (die Domina, die dominiert wird) wirken bemüht, aber der fiese Humor des Films und sein Rhythmus überzeugen.

Bewertung:    


Velvet terrorists (Zamatoví Teroristi) – IP
R: Ivan Ostrochovsky, Pavol Pekarčík, Peter Kerekes. Slowakei/Tschechien/Kroatien 2013, 87 min, Tschechisch/Slowakisch mit engl. UT

Die Porträts dreier Männer, die in den 80er Jahren terroristische Anschläge gegen das sozialistische Regime in der Tschechoslowakei geplant oder durchgeführt haben und dafür mehrere Jahre im Gefängnis saßen. Alle drei sind sprengstoff- bzw. waffenaffin, also ziemlich harte Jungs, denen auch heute noch so manche Abenteuerlichkeit zuzutrauen ist. Die drei Regisseure nähern sich ihren Protagonisten und deren Vergangenheit auf unterschiedliche Weise an, jedoch stets mit einer guten Portion Humor und einem Blick für das Tragikomische in den krummen Lebensläufen. Insbesondere der nach wie vor durchtrainierte Vladimír, der eine junge, unkonventionelle Frau in Ausdauertraining, Selbstverteidigung, Waffennutzung und Pyrotechnik schult, scheint sich von seinem in der Diktatur geprägten Leben schwer verabschieden zu können. Individuelle Stories, die aber viel über das Verhältnis von Individuum zu Politik und Gesellschaft aussagen.

Bewertung:    

Gabriele Leidloff & Max-Peter Heyne - 10. Februar 2014
ID 7590
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


Post an Gabriele Leidloff

Post an Max-Peter Heyne



 

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