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Lieben Sie Gershwin? mit Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart | Foto (C) Jeanette Bak

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Mit Marco Goecke hat das Stuttgarter Ballett seinen originellsten Hauschoreographen geschasst. Inzwischen ist er Ballettdirektor an der Staatsoper Hannover. Er hat aber noch einen Fuß in Stuttgart, dank dem Kollegen Eric Gauthier, dessen Truppe im Theaterhaus mit bescheideneren Mitteln – deutlich weniger Mitglieder, kein Orchester – längst für eine begeisterte Fangemeinde als Alternative oder zumindest als Ergänzung zum Staatsballett gilt. Jetzt hat Goecke einen Tanzabend gestaltet, der sich, anders als andere abendfüllende Programme von Gauthier Dance, nicht thematisch definiert, sondern durch die verwendete Musik. Er ist dem Komponisten George Gershwin gewidmet. Ganz abwegig ist diese Wahl nicht. Von Gershwin stammen immerhin die Musiken zu solchen Tanzfilmen wie Ein Amerikaner in Paris oder Shall We Dance, und seine Kompositionen wurden und werden weltweit gerne für Ballettnummern und für ganze Programme benützt, so unter anderem von George Balanchine, von Mark Morris und von John Neumeier. Jerome Robbins hat 1982 ein Ballett zu Gershwins Concerto in F kreiert Der Titel des Stuttgarter Abends lautet in Abwandlung von Francoise Sagans berühmtem Roman Lieben Sie Gershwin?

Die Besonderheit von Marco Goeckes Choreographien, die von manchen Ballettdogmatikern abgelehnt, von anderen aber umso mehr bewundert wird, ist die Vernachlässigung der Beinarbeit und klassischer Schrittfolgen, Sprünge, Drehungen und Hebefiguren zugunsten einer elaborierten Sprache der Arme und des Oberkörpers, der raschen zitternden oder flatternden Bewegungen, insbesondere der Hände. Die Bewegung findet weniger quer durch den Raum als am Standplatz der einzelnen Tänzer, dort aber umso heftiger statt. Den besonderen Erfordernissen unter den Bedingungen der Coronakrise – der erwünschten Einhaltung von Abständen – kommt diese Eigenart von Goeckes Stil entgegen.

Die vierzehn Tänzerinnen und Tänzer erinnern an Marionetten oder sogar an Automaten, an Avatare. Bei Marco Goecke könnte Susanne Kennedy noch einiges lernen. Immer wieder werden Figuren – einheitlich gekleidete Personen und ihre Gesten und Bewegungen – verdoppelt oder sogar verdreifacht. Zu Windgeräuschen öffnet sich im Hintergrund eine Spiegelwand. Ansonsten gibt es kein Bühnenbild, keine Requisiten. Ausgerechnet zum Concerto in F wird der Stepptanz zitiert, den wir aus den Filmen mit Fred Astaire oder mit Gene Kelly kennen. Wo es Text gibt, in den Songs, wird dieser nicht illustriert. Der Tanz folgt der Musik, nicht den Worten. Umso erstaunlicher, dass der Solist im Finale des 70minütigen Abends wie der Rhapsody in Blue eher gegen die musikalische Logik antanzt. Goecke, so verstehen wir, liebt Gershwin, aber noch mehr liebt er die Souveränität des Tanzes.

Nur einmal, in "I Loves You, Porgy", kommen sich zwei Tänzerinnen ganz nahe wie ein Bild seinem Spiegelbild und umarmen sich. Sie dürfen das. Sie leben zusammen.

Übrigens: George Gershwins Bruder Ira hat zu zahlreichen seiner Songs die genialen Texte geschrieben. Das Libretto zu Porgy and Bess stammt, anders als im Programmheft behauptet, nicht von ihm, sondern von DuBose Heyward.


Thomas Rothschild – 8. Oktober 2020
ID 12517
LIEBEN SIE GERSHWIN? (Theaterhaus, 07.10.2020)
Choreographie: Marco Goecke
Bühne & Kostüme: Michaela Springer
Lichtdesign: Udo Haberland
Dramaturgie: Nadja Kadel
Gauthier Dance
Uraufführung war am 7. Oktober 2020.
Weitere Termine: 08.-12.10. / 18.-22.11.2020
Eine Produktion von Theaterhaus Stuttgart


Weitere Infos siehe auch: https://www.theaterhaus.com


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