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Abdriften

aus der Ausweg-

losigkeit



Woyzeck am Schauspiel Köln | Foto © Tommy Hetzel

Bewertung:    



Mårten K. Axelssons Bühnenbild vermittelt gleich zu Beginn der Aufführung einen bedrückenden Eindruck von der Lebenssituation der Titelfigur – eines Menschen der an den gesellschaftlichen und damit persönlichen Lebensumständen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zerbricht: zwei große graue Wände laufen in den Bühnenhintergrund aufeinander zu. Zwischen ihnen beginnt ein Fließband, das Woyzeck und auch einige der anderen Darsteller langsam, unaufhaltsam nach vorne befördert. Die Schatten an den Wänden (Axelsson zeichnet sich auch für das Lichtdesign zuständig) und donnernde Geräusche betonen das Schicksalhafte der Handlung.

Woyzeck handelt von Menschen, die in ihren Möglichkeiten, ihren gesellschaftlichen Positionen und ihrem Denken gefangen sind. Durch diese Gefangenschaft rutscht Woyzeck immer mehr in eine psychische Krise. Seine verhaltenen Bewegungen und sein fragiles Tun scheinen vorherbestimmt, weil sie durch die gewichtigen Interessen anderer motiviert und vordekliniert sind. So nutzen ein Arzt und ein Hauptmann Woyzeck als Versuchsobjekt und Projektionsfläche. Und auch seine Verlobte Marie und ihr Neugeborenes belasten ihn mit ihren Erwartungen. Bald hört Woyzeck auch noch Stimmen, wenn er alleine für sich zu sein scheint. Als gegen Ende das Fließband rückwärts läuft und sich gen Himmel erhebt, trifft Woyzeck eine folgenschwere Entscheidung.

Die 34jährige schwedische Regisseurin Therese Willstedt schafft für Georg Büchners fragmentgebliebenen Bühnenklassiker (posthum 1879 veröffentlicht) düstere Bilder von subtiler Schönheit. Der Ire Seán McDonagh stattet die Woyzeck-Figur mit einer verkniffenen, in sich gekehrten, stets ausdrucksstarken Mimik und Gestik aus. Ines Marie Westernströer mimt die Marie als fordernde, schlichte und aufgrund möglicher Perspektivlosigkeit verzweifelnde Dorfschönheit, die in endloser Wiederholung Woyzeck schmerzvoll „Rühr mich an“ entgegenbrüllt und sich dabei von den anderen männlichen Figuren auf der Bühne hochheben und gegen die Wand drücken lässt. Justus Maier schwingt als Anders, ein naiv-unbedarfter Freund Woyzecks, behände das Tanzbein und versucht ihn dabei auf andere Gedanken zu bringen, ohne jedoch einen möglichen Hintersinn der eigenen Worte vollends zu erfassen. Simon Kirsch gibt mit freiem Oberkörper einen stattlichen Tambourmajor, der als Konkurrent Woyzecks um Marie gleichermaßen verführerische Schönheit und machtvolle Brutalität auszustrahlen vermag. Robert Dölle als Hauptmann und Jörg Ratjen als Doktor hinterlassen schlussendlich einen starken Eindruck als schrullige Autoritätspersonen, die sich beide sehr in ihrer speziellen Welt eingerichtet zu haben scheinen. Sie nutzen Woyzeck als Untergebenen für ihre höchst fragwürdigen Zwecke aus, setzen sich hinterrücks auf ihn und sprechen dabei über ihn in der dritten Person.

Willstedts kurzweilige Inszenierung schafft auch durch eine dynamische Interaktion der hervorragend besetzten Figuren einen nuancierten Spannungsbogen. Auch wenn einige Szenen noch mehr ausgespielt hätten werden können, vermag die Vorführung sehr schön aufzuzeigen, wie ein Teufelskreis aus unmenschlicher Bedrängnis und mitleidlosen Bezugspersonen einen psychisch kranken Menschen immer mehr in den Abgrund treiben können.



Woyzeck am Schauspiel Köln | Foto © Tommy Hetzel

Ansgar Skoda - 23. Oktober 2018
ID 10981
WOYZECK (Depot 1, 21.10.2018)
Regie: Therese Willstedt
Bühne und Lichtdesign: Mårten K. Axelsson
Kostüme: Birgit Bungum
Musik: Emil A. Høyer
Dramaturgie: Julian Pörksen
Besetzung:
Woyzeck … Seán McDonagh
Marie … Ines Marie Westernströer
Hauptmann … Robert Dölle
Doktor … Jörg Ratjen
Tambourmajor … Simon Kirsch
Andres … Justus Maier
Premiere am Schauspiel Köln: 22. März 2018
Weiterer Termin: 24.11.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel.koeln


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