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Subutex 1



Das Leben des Vernon Subutex 1 an der Schaubühne Berlin | Foto: Thomas Aurin

Bewertung:    



Die von Virginie Despentes 2015-2017 geschriebene Roman-Trilogie Das Leben des Vernon Subutex ist seit ihrem Erscheinen in Deutschland bereits mehrfach für die Bühne adaptiert worden. Die französische Schriftstellerin entwirft anhand des sozialen Abstiegs eines ehemaligen Plattenhändlers ein breites Panorama der französischen Gesellschaft quer durch alle Bevölkerungsschichten vom Obdachlosen über die breite Mittelschicht bis zum koksenden Börsentrader. Sexismus, Rassismus, Klassismus sind die Schlagworte der modernen westlichen Welt im Zeitalter der Globalisierung und des Neoliberalismus. Das scheint auch Thomas Ostermeier bewusst zu sein. Der frankophile Intendant der Berliner Schaubühne hat sich ganz bewusst nur für den Teil 1 entschieden und knüpft damit fast nahtlos an seine Roman-Adaptionen von Didier Eribon und Édouard Louis an.

Als Hauptdarsteller kann der Regisseur auf den Starschauspieler Joachim Meyerhoff (mittlerweile selbst Roman-Autor in eigener ganz persönlicher Sache) zurückgreifen. Und wer hört ihm nicht auch gerne zu, wenn er mit sonorer Stimme und Lockdown-Matte den schluffigen, in den Tag hineinlebenden Ex-Plattendieler Vernon Subutex gibt. Meyerhoff sitzt zwischen Tütensuppen und Resten von Vernons bürgerlichen Existenz auf einer Matratze und erzählt, wie erst sein Plattenladen Revolver pleiteging, er die Plattensammlung und Fanartikel auf eBay verkaufte und schließlich zum Kunden beim Jobcenter wurde, das ihm nun nach 3 Jahren schließlich die Stütze streicht. Laden weg, Geld weg, Wohnung weg. Vernon wird zum Couchsurfer bei ehemaligen Freunden. Und die Drehbühnenmaschinerie von Nina Wetzel beginnt sich zum Sound der Live-Band zu bewegen, zeigt die verschiedensten Wohnlandschaften, Bars und Fabriketagen. Dazu flimmern Videos von Gelbwesten-Protesten, alte Pornotrickfilmchen und anderes auf Bildschirmen und Videoscreens.

Der Reigen der Personen, bei denen Vernon für kurze Zeit Unterschlupf sucht, beginnt mit Emilie (Julia Schubert), der Ex-Bassistin von Vernons ehemaligen Punkband, die sich frustriert ins bürgerliche Leben zurückgezogen hat und ihrem früheren Leben hinterher trauert. Wie bei ihr hält Vernon es nie lange irgendwo aus, ob beim erfolglosen Drehbuchautor Xavier (Holger Bülow), der von seiner reichen Ehefrau ausgehalten wird und im Supermarkt seinen Rassismus und Sexismus auskotzt, beim klammernden Ex-Groupie Sylvie (Stephanie Eidt) oder beim alternden revolutionären Proleten Patrice (Thomas Bading), der seine Frau schlägt und in männlichem Selbstmitleid zerfließt.

Virginie Despentes geht mit allen hart ins Gericht, schreibt ihnen Monologe voller Selbsthass und Verachtung für andere. Genauso bringt Ostermeier das auf die Bühne, nur dass die Lebensberichte hier wie ein Typenkabarett aneinandergereiht werden. Besonders unangenehm wird das, wenn Bastian Reiber seinen koksenden Trader Kiko, bei dem Vernon kurzzeitig als Haus-DJ unterkriecht, als billige Comedian-Parodie hinrotzt. Die eigentliche Schärfe des Textes mit dem Hass des gnadenlosen Geldmenschen auf alle Arme wird da leider dem billigen Gag geopfert.

Natürlich muss auch noch die Geschichte der Videobänder, auf denen sich die Lebensbeichte des schwarzen Popsängers Alex Bleach befindet, erzählt werden. Vor seinem Selbstmord hat er Vernon diese Bänder übergeben. Danach sind nun alle auf der Suche, was wiederum weitere Figuren, wie den zwielichtigen Filmproduzenten Laurant Dopalet (Axel Wandtke), die mit Cybermobbing ihr Geld verdienende Hyäne (Stephanie Eidt) oder die Ex-Pornodarstellerin Pamela Kent (Ruth Rosenfeld) ins Spiel bringt. Divers und queer geht es im Roman wie auch in der Schaubühne zu, wenn die Transmenschen Daniel (Henri Maximilian Jakobs) und Marcia (Mano Thiravong) aus ihrem Leben erzählen. Ein doch zu umfangreiches Romanpersonal, das schlecht in einen Theaterabend zu pressen ist, ohne das Regisseur Ostermeier dabei etwas der rote Faden seiner Inszenierung verloren ginge.

Unterbrochen wird das immer wieder von der herausragenden Live-Musik von Henri Maximilian Jakobs, Taylor Savvy und Thomas Witte, zu denen noch Ruth Rosenfeld als Sängerin stößt, die bereits 2012 im Ballhaus Ost mit Bye Bye Blondie musikalische Bekanntschaft mit Virginie Despentes geschlossen hatte. Zusammen spielen sie ein frisch arrangiertes Best of aus Blues, Rock, Punk und Pop nicht nur aus den 80ern und 90ern. Besonders der Johnny-Cash-Song Another man done gone wird zur traurig-melancholischen Hymne des allgemeinen Niedergangs.

Bei der einen oder dem anderen dürfte da schon etwas Wehmut ob der vergangenen Jahre aufkommen. Wie auch beim eigentlichen Hauptprotagonisten Vernon, der immer noch tief in dieser Zeit verhangen scheint. Der einsame Wolf, mehr schlecht als recht gealtert, der am Ende ganz unten angekommen auf den Knien die Hand ausstreckt. Auch hierbei macht Meyerhoff immer noch eine ganz gute Figur, während er im Fiebertraum über der Stadt mit ihren verlorenen Seelen dahingleitet. Sein magischer Wiederaufstieg zum Jesus-gleichen Techno-Guru, die Geburt und der Tod einer verschworenen Gemeinschaft, das ist eine andere Geschichte, ohne dass diese hier ausreichend gewürdigt scheint. Zumindest ein halbwegs unterhaltsamer Abend ist es dennoch geworden.



Das Leben des Vernon Subutex 1 an der Schaubühne Berlin | Foto: Thomas Aurin

Stefan Bock - 21. Juni 2021
ID 12989
DAS LEBEN DES VERNON SUBUTEX 1 (Schaubühne Berlin, 19.06.2021)
von Virginie Despentes - in einer Fassung von Florian Borchmeyer, Bettina Ehrlich und Thomas Ostermeier; aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Video: Sébastien Dupouey
Musik: Nils Ostendorf
Dramaturgie: Bettina Ehrlich
Licht: Erich Schneider
Besetzung:
Vernon Subutex ... Joachim Meyerhoff
Emilie / Audrey / Gaëlle ... Julia Schubert
Xavier Fardin ... Holger Bülow
Sylvie / Die Hyäne ... Stephanie Eidt
Laurent Dopalet ... Axel Wandtke
Pamela Kant ... Ruth Rosenfeld
Daniel ... Henri Maximilian Jakobs
Kiko ... Bastian Reiber
Marcia ... Mano Thiravong
Aïcha / Anaïs ... Hêvîn Tekin
Patrice ... Thomas Bading
Alexandre Bleach im Video ... Blade AliMBaye
Musiker und Musikerinnen: Henri Maximilian Jakobs, Ruth Rosenfeld, Taylor Savvy und Thomas Witte
Premiere war am 4. Juni 2021.
Weitere Termine: 25., 27., 28, 29.08.2021
Eine Koproduktion mit dem Kroatischen Nationaltheater Zagreb


Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de/de/


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