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nachDRUCK # 6

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Repertoire

Aristophanes,

Ibsen



Ein Volksfeind am Staatstheater Cottbus | Foto (C) Marlies Kross

Bewertung:    



Wünscht sich das aufgeklärte Volk zurück ins Paradies der Unschuld, bevor Adam vom Baum der Erkenntnis aß? Oder will es Verantwortung tragen, anstatt sich in Rückzugsorten des Gewissens zu verstecken, wie eine Stimme aus dem Off in einem Prolog zu Henrik Ibsens Ein Volksfeind verkündet? Die Geschichte um den Badearzt Thomas Stockmann, der herausfindet, dass die Quelle des städtischen Heilbads vergiftet ist und das gegen den Willen der Stadtoberen publik machen will, scheint im Moment das Stück zur Krise der Demokratie. Ist sie die Falle der Menschheit, die nur Demagogen an die Macht bringt, wie Stockmann es in seiner Wutrede bei einer von ihm einberufenen Volksversammlung verkündet? Sein Bruder Peter, Bürgermeister der Stadt, hat den Badearzt gefeuert und will dem angeblichen Feind der Gesellschaft das Wort verbieten.

In der Inszenierung von Jo Fabian am Staatstheater Cottbus wird Ibsens Stück in einem griechischen Tempel verhandelt. Erst ist er eine Art Lustort, bei dem sich die Menschen dionysischen Freuden hingeben, dann wird er zur Pesthölle und zum vergifteten Sumpf kommunaler Macht, die der Bürgermeister selbstherrlich an seiner Büste meißelnd verkörpert, während die Lokalpresse rhetorische Haken schlägt.

Aber auch der sich ereifernde Badearzt (Gunnar Golkowski) steht dem Bürgermeister (Axel Strothmann) in nichts nach und hört sich gerne reden. Nicht unbedingt ein Sokrates, wie er von Thomas Harms in einführenden Worten geschildert wird. Er liest aus der Verteidigungsrede, die der griechische Philosoph hielt, als man ihn als frevelnden Verderber der Jugend anklagte. Regisseur Fabian geht in seiner Inszenierung zur Wiege der Demokratie zurück. In weißen griechischen Gewändern gebärden sich die Männer aber wie ein ewig schwafelnder Debattierklub, zu dem ihre Frauen keinen Zutritt haben und immer wieder abgekanzelt und rausgeschickt werden. Die beiden Kontrahenten liefern sich hier wie vor einem imaginären Gericht ein Wortgefecht der Anklage und Verteidigungsrede. Wer ist im Recht, wer im Besitz der Wahrheit? Vernunft oder das Wohl der Allgemeinheit, die beide im Munde führen, verkommen zu Schlagworten ihres männlichen Egotrips.

An der Rampe versuchen derweil die Frauen zunächst unsicher immer wieder auf sich aufmerksam zu machen, werden aber übertönt und einfach nicht wahrgenommen. Es dreht sich ausschließlich um die Welt der Männer, die, wenn sie hinter einer der Säulen nicht sichtbar sind, einfach solange Kreisspiele machen, bis sie wieder im rechten Licht stehen. Jo Fabian scheint mit Ibsens Stück nicht wirklich zufrieden gewesen zu sein und kombiniert es mit dem Anfang von Aristophanes‘ Komödie Frauen in der Volksversammlung, bei dem die Frauen Athens ihre Männer betäuben, sich anschließend mit Bärten verkleidet Zutritt zur Agora verschaffen und im Handstreich die Macht übernehmen.

Das geschieht hier kurz vor der Pause. Die Frauen (Sophie Bock, Josephine Fabian, Sigrun Fischer, Lucie Thiede, Susann Thiede und Lena Sophie Vix) üben sich in der freien Rede und dem Stellen von Forderungen. Sie imitieren dabei die Männer bis zum Wiederholen des Tableau der Verehrung Stockmanns (nun dessen Frau). In Aristophanes‘ Stück werden die Missstände der Männerpolitik ja auch nur von einer scheinbar willkürlichen Vergesellschaftung abgelöst. Soweit geht Regisseur Fabian nicht. Nach der Pause stehen Männer und Frauen nun in schwarzen Kostümen der Gründerzeit im Tempel, der oben den Schriftzug „Dem ganzen Volke“ trägt. Als Suffragetten rezitieren die Frauen Olympe de Gouges: „Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Mann an Rechten gleich“  und andere Passagen aus feministischen Schriften, während die Männer einfach so weiter machen wie zuvor.

Die Inszenierung kulminiert in besagter Volksversammlung, bei der Thomas Stockmann am Reden gehindert wird, erst durch die Wahl eines Versammlungsleiters, wobei die Frauen nur den Posten der Schriftführerin bekommen. Dann darf er nicht über das eigentlich Thema der Wasservergiftung sprechen und ergeht sich dafür in seiner bekannten Rede über den Verfall der gesamten Gesellschaft, bei der er gegen die geschlossene Mehrheit und den Plebs wettert. Die negativen Auswüchse der Demokratie, gegen die sich der freie Mann empören muss. Da steigert sich also Stockmann als verkanntes Genie in die Rolle der vermeintlich rechthabenden Minorität, woraufhin die Volksversammlung im allgemeinen Tohuwabohu eines aufgehetzten Lynchmobs untergeht. Jo Fabian liefert mit diesem eingekürzten Ibsenfragment, bei dem ganz zum Schluss noch ein paar verlorene Handlungsenden nachgeliefert werden, doch einen eher etwas zerfasernden Abend, der neben seiner recht pessimistischen Sicht auf die Demokratie das eigentlich ernste Thema etwas zu ironisch verjuxt.



Ein Volksfeind am Staatstheater Cottbus | Foto (C) Marlies Kross

Stefan Bock, 26. Mai 2019
ID 11439
EIN VOLKSFEIND (Staatstheater Cottbus, 25.05.2019)
Regie/Video/Sound: Jo Fabian
Bühne/Kostüme: Pascale Arndtz
Dramaturgie: Lukas Pohlmann
Mit: Gunnar Golkowski, Sigrun Fischer, Sophie Bock, Axel Strothmann, Thomas Harms, Amadeus Gollner, Michael von Bennigsen, Rolf-Jürgen Gebert, Boris Schwiebert, Susann Thiede, Lena Sophie Vix, Josephine Fabian, Lucie Thiede u.a.
Premiere war am 25. Februar 2019.
Weitere Termine: 29.05. / 06.06.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatstheater-cottbus.de/


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