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Niemand

und nichts

existiert allein



Sandra Hüller in Die Hydra am Schauspielhaus Bochum | Foto © Thomas Aurin

Bewertung:    



Ein künstliches Krokodil windet sich langsam auf der Bühne. Es setzt sich in Bewegung und kriecht über den Boden. Drei anwesende Figuren schenken ihm kaum Beachtung. Sie haben Höheres im Sinn.

Heiner Müllers Prosaminiatur Herkules 2 oder die Hydra (1972) dient als Textgrundlage für die neue, eindringliche Inszenierung von Tom Schneider am Schauspielhaus Bochum. Die Tötung der Hydra, eines neunköpfigen Schlangenwesens, ist die zweite von insgesamt zwölf Aufgaben, die der antike Sagenheld Herakles zu erfüllen hat. Dem Dramatiker Heiner Müller geht es in seiner Adaptation des Mythos jedoch noch um eine andere Facette der Vorlage. Er bezeichnete die Geschichte um den antiken Helden Herakles als ersten Arbeiter-Mythos. Herakles dient bei Müller als Symbol für den Arbeiter, der gewissenhaft, aber unreflektiert seinen Pflichten nachgeht. Dadurch zerstört er letztendlich jedoch sich selbst und die ihn umgebende Welt.

Gleich zu Beginn von Die Hydra unterhalten sich die Darsteller Moritz Bossmann, Sandra Hüller und Sandro Tajouri ungezwungen auf der Bühne. Sie sind in der Vorbereitung der Aufführung des Stückes vertieft und besprechen die Sound-Technik: es sollen akustische Rückkopplungen entstehen, die auf die vorausgegangenen Klänge reagieren sollen. Dabei geschieht schon im Sprechen miteinander das, was bei der Sound-Technik geschehen soll – das zuvor Gehörte wird nochmal wiedergegeben, also rückgekoppelt und etwas Eigenes dazu beigetragen, das dann wiederum Impuls für das Folgende ist.

Sandra Hüller, jüngst von der Fachzeitung „Theater heute“ zur Darstellerin des Jahres gekürt, steht klar im Mittelpunkt der Vorführung. Die auch durch das Kino bekannte Schauspielerin rezitiert Müllers dichte, konzentrierte Verse, während sie den Text über Ohrhörer hört. Sie spricht halblaut, fast beiläufig, beinahe murmelnd, wie in einer Selbstreflexion.

Der Text behandelt den griechischen Mythos und die Sage um den Halbgott Herakles, der Prometheus aus der Gefangenschaft im Felsgebirge des Kaukasus befreit. Prometheus brachte den Menschen das Feuer und wurde dafür von den Göttern an einen Felsen geschmiedet. Wenn es um das Geschenk des Feuers geht, wird es auf der Bühne kurz ganz dunkel. Dann wird eine flackernde Flamme entzündet, die schnell durch eine abgedimmte Stehlampe ersetzt wird. Bei Müller ist Prometheus ohne die Gesellschaft des Adlers, der stets seine Leber fraß, verängstigt. Er hat sich an seine Jahrtausende andauernde Gefangenschaft gewöhnt und ist gar nicht erfreut von Herakles befreit zu werden. Herakles muss ihn beinahe gegen seinen Willen vom Berg tragen.

Pantomimische Gesten von Hüller und ihren Partnern unterstreichen die Verse. Gemeinsam singen die Darsteller „An meinem Herzen ist der schönste Ort“. Bald legt sich Hüller eine riesige rosa Schleife um. Die Feedbackschleife, um die es eingangs ging, wird so nicht nur akustisch, sondern auch bildlich unterstrichen.

Ausstatter Michael Graessner schiebt und schleppt nach der Prometheus-Szene allerlei Hausrat, wie Schränke, ein WC, Stühle, Hocker, eine Waschmaschine und eine Standuhr auf die zuvor noch leere Bühne. Es sind Möbelstücke und Gegenstände des täglichen Bedarfs. Hüller berührt die Möbel, mal setzt sie sich, mal betrachtet sie ihre Kollegen. Konzentriert und nachdenklich reflektiert sie dabei über den Lohn der Arbeit, den Fortschritt, der auch Fehler macht, und über das Scheitern, das das vorherige Tun voraussetzt.

Insgesamt wird der Frage nachgegangen, was Arbeiten überhaupt bedeutet. Dabei betrachtet Hüller vor allem auch ihre Arbeit als Schauspielerin. Während sie sich mit Körperübungen für ihren Auftritt vorbereitet, sinniert sie über die Bedeutung auch schauspielerischer Arbeit. Vielleicht trägt der Satz von Friedrich Engels „So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt“ heute eine ganz besondere Gültigkeit in sich. Wir leben in einer Zeit, in der die Veränderungen durch die technisierte und digitalisierte Welt immer deutlicher werden. Und für unsere Hände bedeutet das etwa, dass orthopädisch betrachtet das Krankheitsbild des Mausarms (auch RSI- Syndrom) inzwischen vom Handy-Daumen abgelöst wurde. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs der psychischen und gesellschaftlichen Auswirkungen unseres Tuns und Arbeitens auf unser Leben.

Das Geschehen wird beinahe dauerhaft von der anfangs erwähnten, sich steigernden akustischen Rückkopplungsschleife begleitet. Das Publikum wird bald Zeuge, wie die ganze, gerade noch aufgebaute Wohnungseinrichtung zusammenbricht. Schränke und Geräte fallen um, eine Windmaschine weht Rauch über die Darsteller hinweg. Alsbald liegt alles in Trümmern, so wie es bisher auch mit fast allen anderen Produkten menschlicher Arbeit geschehen ist. Und sollte etwas die Zerstörung überstanden haben, so ist es nun doch seines Kontextes beraubt.

Im dicht vorgetragenen Text wird deutlich, wie sehr die Menschen von ihrer Situation abhängen und wie relativ die Standpunkte sein können. Noch lange wirkt das wohl stärkste, von Hüller sanft vorgetragene Bild nach: Herakles geht in den Wald, wo sich die Hydra aufhalten sollte, um diese dort zu töten. Bereits auf dem Weg dorthin ist er im Zweifel, ob seine Beine schwer sind oder der Boden ihn ansaugt. Diese Loslösung vom üblichen Standpunkt wird im Wald immer mehr gesteigert. Am Ende ist der Wald selbst die Hydra und Herkules ein Teil des Ganzen.

In der antiken Sage werden die zwölf Arbeiten dem Herakles zur Sühne auferlegt, weil er in geistiger Umnachtung seine Kinder tötete. Bei Heiner Müller wird Herakles Tötung seiner Familie aber als dreizehnte Arbeit an den Schluss gesetzt. Hüller spricht diesen Teil mahnend gegen Ende der etwa 85-minütigen Vorführung auf der Vorbühne, sichtlich bewegt mit Tränen in den Augen. Ein szenisches Erlebnis.



Die Hydra am Schauspielhaus Bochum | Foto © Thomas Aurin

Ansgar Skoda - 25. November 2019
ID 11844
DIE HYDRA (Kammerspiele, 19.11.2019)
Texte von Heiner Müller

Regie: Tom Schneider
Bühne und Kostüme: Michael Graessner
Musik: Moritz Bossmann, Sandra Hüller und Sandro Tajouri
Lichtdesign: Wolfgang Macher
Dramaturgie: Tobias Staab
Mit: Moritz Bossmann, Michael Graessner, Sandra Hüller und Sandro Tajouri
Premiere am Schauspielhaus Bochum: 11. Oktober 2019
Weitere Termine: 25.11. / 09., 29.12.2019 // 15., 30.01.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspielhausbochum.de


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