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besucher als

Kamera



Black Box am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

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Unmittelbar vor dem Ende der vergangenen Saison hat Stefan Kaegi von der am häufigsten gepriesenen Freien Gruppe Rimini Protokoll in Stuttgart seine Black Box installiert. Eine unökonomische Angelegenheit. Da immer nur einer Zuschauerin oder einem Zuschauer Einlass gewährt wird, hat das Schauspiel das Phantomtheater – in Ermangelung einer eingeführten Gattungsbezeichnung übernehmen wir diesen Begriff – wiederaufgenommen. Irgendwie muss sich der Aufwand in dieser schwierigen Zeit ja lohnen.

Mit „romantisch glotzen“ ist schon lange nichts mehr. Immer öfter aber darf man im Theater nicht einmal mehr sitzen. Wohl dem, der nicht an Arthrose leidet. Auch die Black Box muss man sich mit einem anderthalbstündigen Rundgang erobern. Venedigs Biennale ist überall. Vor nicht allzu langer Zeit wanderten die Theaterliebhaber durch die Räume des Nord, jener Außenspielstätte, in der damals das Schauspiel unorthodoxe Formate ausprobiert hat und jetzt die Junge Oper beheimatet ist. Diesmal geht es durch die Hinterzimmer des Großen Hauses, das früher einmal Kleines Haus hieß.

Die Stimme von Sylvana Krappatsch leitet die mit Kopfhörern versehenen Besucher einzeln durch das Haus und lenkt die Aufmerksamkeit auf Details. Zugespielt werden, wie ein Hörspiel und technisch brillant, Gespräche zwischen den Vertretern der einzelnen Theaterberufe und informierten Fragestellern. Das ergibt eine Melange aus Essay über das Theater und Führung hinter die Kulissen. Hinzu kommen Effekte von wie durch Geisterhand auf Stichwort sich bewegenden Gegenständen. Ob diese Beschäftigung mit Theater selbst Theater ist, sei dahingestellt.

Bemerkenswert sind drei Kleinigkeiten: Gleich zu Beginn wird man aufgefordert, sich selbst als Kamera und den Rundgang als eine einzige lange Kamerafahrt zu begreifen (Alexander Sokurow hätte seine Freude daran). Im Weiteren wird konsequent mit der Terminologie des Films und nicht des Theaters operiert. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Kaegi das Kino vertrauter ist als das Theater. Rimini Protokoll hat sich einen Namen gemacht als Verfechter von „Experten des Alltags“ oder auch „Experten der Wirklichkeit“. Black Box aber führt uns das Theater als Illusionsmaschine vor, als Ort der Täuschung. Es wird sogar nach Kulissen gefragt, die die Vergangenheit und die Gegenwart durch Fantasie hin zur Zukunft transzendieren. Hat der für das Skript Verantwortliche da seine Überzeugungen von Bord geworfen? Und schließlich: Ist es zweckdienlich, für die Bühne den aus der Erzähltheorie stammenden Begriff der „erzählten Zeit“ zu übernehmen? Das Theater, mit Ausnahme des epischen Theaters, erzählt nicht, sondern zeigt. Wenn Kaegi das so nicht sieht, besagt auch das etwas über seine Auffassung von Theater. Sie wird vom Stuttgarter Schauspiel, wenn überhaupt, nur gelegentlich eingelöst.

Bleibt ein nicht alltägliches Unternehmen, das den gegenwärtigen Umständen mit Erfolg Paroli bietet. Die Eintrittskarten sind ausverkauft. Ob das Theater, wie einem gleich am Anfang über die Kopfhörer eingeflüstert wird, nach der Coronakrise nie mehr sein wird, was es war, lassen wir offen. Erst einmal garantiert die Reflexion am Ort einen ebenso informativen wie unterhaltsamen Abend.




Black Box am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

Thomas Rothschild – 5. Oktober 2020
ID 12511
BLACK BOX PHANTOMTHEATER FÜR 1 PERSON (Treffpunkt Foyer Schauspielhaus, 04.10.2020)
Konzept, Skript und Inszenierung: Stefan Kaegi / Rimini Protokoll
Sounddesign: Nikolas Neecke
Ton: Marian Hepp
Dramaturgie: Carolin Losch und Aljoscha Begrich
MIt: Mitarbeiter*innen des Schauspiels Stuttgart, Expert*innen und Sylvana Krappatsch (als Stimme im Off)
Premiere am Schauspiel Stuttgart: 14. Juli 2020
Weitere Termine: 08., 09., 11., 18.10. / 02.11. / 19., 23.12.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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