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Drei Schwestern im Residenztheater München | Foto © Sandra Then

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„Warum fühlt sich alles so an, als würde es auseinanderfallen?“ fragt Alexander (Elias Eilinghoff, im Original Werschinin), eine der schwachen Männerfiguren aus Tschechow/Stones Drei Schwestern. Die Antwort: weil das Ferienhaus des Lebens sich immerzu um sich selbst dreht und Fliehkräfte freisetzt. Durch das viele Glas seiner Zimmer auf der Bühne zeigt es parallel alles, was darin vor sich geht. Vor allem auch simultan zu hören sind die drei Schwestern - samt Partnern, Bruder und Freunden. Man versteht nicht immer alles, so schnell sprechen sie und so gleichzeitig: ein modernes Kommunikationschaos. Aber vor allem reden sie aneinander vorbei. Sich überschneidende Monologe in hell erleuchteten Aktionsinseln, auf denen doch nichts vorwärts geht. Und schon gar nichts miteinander. Da muss einer schon einen sinnlosen Schuss abfeuern, damit die anderen mal kurz hinhören. Wunderbarer hätte man Tschechow nicht ins Heute transponieren können.

Heute, wo die Welt überdrehter ist denn je. Und wo nicht mal mehr der Stoßseufzer “Nach Moskau!“ hilft, weil alle Sehnsuchtsorte der Welt wie etwa New York nur noch einen Mausklick entfernt sind, sofort erreichbar. Alle Lebensentwürfe scheinen möglich zu sein. Beziehungsprobleme brauchen nicht wirklich gelöst zu werden. Man trifft einfach keine Entscheidung oder geht fremd. Jeder ist schließlich seines Glückes Schmied. Wer´s nicht schafft, ist selber schuld. Die Folge: Selbstverwirklichungsunglück. „Verdienen wir überhaupt, glücklich zu sein?“ fragen Tschechow und Stone. Tja. Was bleibt, ist Leere, Einsamkeit und Schweigen.

Sehr „beredtes“ Schweigen. Denn unsere Gegenwart lässt keine Stille mehr zu. Da, wo Tschechow noch die Regieanweisung „Pause“ setzte – und er tat das oft – wird in Stones Fassung dieses „Klassikers“ pausenlos, oberflächlich und egomanisch weiter geschwätzt. Über Trump und den Brexit, das Versagen der Linken und den Erfolg der AfD: „fuck you“. Das hört sich an wie in einer Hipster-WG: saukomisch. Dabei leben alle Protagonisten nicht wirklich in der Gegenwart. Sie bleiben ihrer Vergangenheit verhaftet. Ihre Zukunft, von der sie vage träumen, kann sich so nicht einstellen.

Die Dramaturgie Tschechows, keine Handlungsschwerpunkte und keine zentralen Heldenfiguren mehr zu platzieren, war zu ihrer Zeit um 1900 geradezu revolutionär. Auch heute passt sie überraschend genau in unsere Zeit. Frauen wie Männer sind eher gleichwertige Anti-Helden. Irina (Liliana Amuat) will nützlich sein, aber keine Arbeit ist ihr gut genug und kein Mann. Olga (Barbara Horvath), die älteste, fressen der Job und die Ersatzmutterrolle auf. Ihr Glück in einer lesbischen Beziehung bleibt Behauptung. Mascha (Franziska Hackl) glaubt eine neue Liebe gefunden zu haben, will aufbrechen, aber er geht dann doch nicht mit. Großartig ihr Schreikrampf, als sie versteht. Die Männer bringen es schon gar nicht. Andrej (Nicola Mastroberardino), der Bruder, träumt von einer Karriere im Silicon Valley, hätte auch das Zeug dazu, versumpft aber im Konsum von Drogen und der Ehe mit Natascha. Die ist zwar ungebildet und ordinär (durchdringend die hellgelbe Stimme von Cathrin Störmer), aber sie versteht was vom Geschäft und rächt sich für die Missachtung der sogenannten Intelligenz. Ehe die Geschwister sich´s versehen, drängt sie sie aus dem Haus. Ihr Neuer hat es gekauft.

Betrachtet man den historischen Hintergrund, vor dem Tschechow sein berühmtes Stück 1900 schrieb, fallen die Parallelen erschreckend ins Auge. Damals waren die Reformen der 60er Jahre (des 19. Jahrhunderts) gescheitert, die absolutistische Monarchie hatte lediglich die Leibeigenschaft aufgehoben (auch Tschechow selbst war der Sohn eines früheren Leibeigenen). Zahlreiche Attentate – das letzte war schließlich erfolgreich - hatten den Reformwillen des Zaren Alexander II. ausgebremst. Die neue Schicht der „Intelligenzija“ zwischen Bürgertum und Arbeiterklasse war enttäuscht. Alexander III. befahl daraufhin eine Politik scharfer Unterdrückung. In dieser Atmosphäre der Depression praktizierte Tschechow als Arzt - und schrieb.

Diese Inszenierung der Drei Schwestern hat ihren großartigen Ruf mehr als verdient. Die Textfassung von Simon Stone enthält nur noch wenige originale Tschechow-Sätze und ist dennoch werktreu - im Geiste: unsentimental, komisch und tragisch. Keine russische Schwermut, keine diffuse Gefühlssülze. Dafür präzise Beobachtung. Tschechow wäre begeistert. Und er würde den durchweg glänzenden Schauspielerinnen und Schauspielern bestimmt genauso gratulieren wie damals seiner Ehefrau Olga Knipper, die bei der umjubelten Uraufführung die Mascha gab.

*

Der neue Intendant des Residenztheaters Andreas Beck hat diesen Knaller aus Basel mitgebracht.

Wer das Stück 2016 dort noch nicht gesehen hat, sollte es sich nun in München unbedingt anschauen.



Liliane Amuat (Irina), Nicola Mastroberardino (Andrej) und Roland Koch (Roman) in Drei Schwestern im Residenztheater München | Foto © Sandra Then

Petra Herrmann - 27. Dezember 2019
ID 11906
DREI SCHWESTERN (Residenztheater München, 25.12.2019)
Inszenierung: Simon Stone
Bühne: Lizzie Clachan
Kostüme: Mel Page
Musik: Stefan Gregory
Licht: Cornelius Hunziker und Gerrit Jurda
Dramaturgie: Constanze Kargl
Besetzung:
Olga ... Barbara Horvath
Mascha ... Franziska Hackl
Irina ... Liliane Amuat
Andrej ... Nicola Mastroberardino
Natascha ... Cathrin Störmer
Theodor ... Michael Wächter
Alexander ... Elias Eilinghoff
Viktor ... Simon Zagermann
Nikolai ... Max Rothbart
Roman ... Roland Koch
Herbert ... Florian von Manteuffel
Premiere am Theater Basel: 10. Dezember 2016
Premiere am Bayerischen Staatsschauspiel: 30. Oktober 2019
Weitere Termine: 08., 12.01. / 28.02.2020
Eine Übernahme vom Theater Basel

Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de/


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petra-herrmann-kunst.de

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