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Repertoire

Drei Schwestern

in der Zeitschleife



Drei Schwestern an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Judith Buss

Bewertung:    



Zwei Jahre nachdem Susanne Kennedy die Selbstmord-Schwestern nach dem Roman von Jeffrey Eugenides auf die Bühne der Münchner Kammerspiele brachte, beschäftigt sich die Regisseurin nun mit dem Theaterklassiker Drei Schwestern von Anton Tschechow. Ganze 80 Minuten dauert diese Inszenierung (natürlich nach Tschechow). Und damit ist der Abend nicht einmal zu kurz angesetzt, angesichts der Tatsache, dass die Schwestern Olga, Mascha und Irina, die sich bei Tschechow noch in ihre Geburtsstadt Moskau zurückwünschen und immer wieder über ihr langweiliges Leben in der ungeliebten russischen Provinz klagen, hier wie in einer Art Zeitschleife im ersten Akt feststecken und nur unterbrochen von kurzen Blacks permanent kurze Szenen daraus wiederholen müssen.

Dazu inspiriert wurde Susanne Kennedy vom Philosophen Friedrich Nietzsche, der sich erstmals in seiner Aphorismus-Sammlung Die fröhliche Wissenschaft in dem Kapitel "Das größte Schwergewicht" mit dem Gedanken der ewigen Wiederkunft beschäftigt hat. Darin ist von der hypothetischen Heimsuchung eines Dämons die Rede, der einen eines Tages oder Nachts bis in die einsamste Einsamkeit nachschliche und jene Sätze spräche: „Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muß dir wiederkommen, und alles in derselben Reihe und Folge - und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht - und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!“ Dieses Zitat wird dann auch mehrmals am Abend wiederholt.

Der „Ewige-Wiederkunfts-Gedanke“ ist für Nietzsche in Bezug zum Leben aber die „höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann“. „Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.“ heißt es in Also sprach Zarathustra. Oder auch: „Ich selber gehöre zu den Ursachen der ewigen Wiederkunft.“ Es kommt in Nietzsches Philosophie also darauf an, diese einmal gewonnene Erkenntnis zu bejahen - wie in einer Art Aussöhnung damit. Wiedergefunden hat die Regisseurin das Thema vor allen in den Klagesätzen der Schwestern, die sie in den verschiedensten Übersetzungen verglichen und hier in einem Setting mit den drei Schwestern (Marie Groothof, Eva Löbau, Anna Maria Sturm) und drei der Offiziere der Garnison (Walter Hess, Christian Löber, Benjamin Radjaipour) am Tisch mehrfach variiert vortragen lässt. Das Bemerkenswerte ist dann aber nicht so sehr diese mitunter etwas redundante und sicher auch gewollt komische Spielweise, sondern die Ausstattung (Kostüme: Teresa Vergho) und das digital unterstütze Bühnenbild (Lena Newton), das aus einem das Portal füllenden Videobildrahmen besteht, in dem mittig ein kleiner Bühnenkasten mit verspiegelten Wänden steckt.

Diese wie Bildschirmschoner wirkenden Videos von Rodrik Biersteker zeigen entweder farbig pulsierende Wolken oder leere Räume, die kargen Bürozimmern und Fluren ähneln. Manchmal schwebt da auch eine blaue dämonische Maske. Auch der Spiegelkasten wird immer wieder mit digital verfremdeten Bildern überblendet. Die Schwestern führen dort hin und wieder in schwarzen Blusen und weißen Reifröcken kleine, gesichtslose Tänze auf. Auch das ein Textzitat des Oberleutnants Werschinin, dessen Phrase: „In zweihundert, dreihundert Jahren wird das Leben auf der Welt unglaublich schön und wunderbar sein.“ auch über ein an der Wand hängendes Telefon wiederholt wird. Dazu summen elektronische Mücken, es werden Fotos mit dem Ipad gemacht oder Small Talk betrieben. Einige Szenen scheint Susanne Kennedy wieder aus TV-Soaps übernommen zu haben. Die drei Schwestern im „strange Loop“, wie es auf einer Schrifteinblendung heißt.

Mal steckt das Ensemble in moderner Alltagskleidung mit Latexmasken, dann sieht man die Schwestern wieder in Fantasiekostümen. Susanne Kennedy knüpft mit den von martialischen Sounds begleiteten Blacks, die die kurzen Szenen unterbrechen, an ihre ersten Arbeiten an den Kammerspielen wie Fegefeuer in Ingolstadt oder Warum läuft Herr R. Amok an. Die von Statisten eingesprochenen Stimmen kommen wieder vom Band. Die SchauspielerInnen bewegen nur den Mund dazu. Bühnentechnisch hat sich Susanne Kennedy aber durchaus weiterentwickelt. Ihr Drang zur audio-visuellen Bühneninstallation ist hier stärker als sonst zu bemerken. Das gelingt ihr aber durchaus besser als in ihren letzten Inszenierungen an der Berliner Volksbühne. Wenn da nicht der unerklärliche Hang zu esoterisch verbrämten, fernöstlichen Religionsweisheiten wäre. Kennedy lässt dann sogar einen gehörnten Schamanen auftreten, um den die anderen im Kreis unverständliche Liturgien absingen. Auch trägt das in den ersten 45 Minuten durchaus überzeugende Konzept dann doch nicht über die ganze Zeit. „Ich bin der Genius meiner selbst.“ ist die große Schlusserkenntnis des Abends. „It’s a story that happened yesterday, but I know it’s tomorrow.“ Die Zeit ist ein Kreis. Die Drei Schwestern der Suzanne Kennedy sind aber eher wie digitale Stimmen aus der Vergangenheit.



Drei Schwestern an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Judith Buss

Stefan Bock - 13. Juli 2019
ID 11561
DREI SCHWESTERN (Kammer 1, 09.07.2019)
Inszenierung: Susanne Kennedy
Bühne: Lena Newton
Kostüme: Teresa Vergho
Sounddesign: Richard Janssen
Video: Rodrik Biersteker
Licht: Rainer Casper
Dramaturgie: Anna Gschnitzer
Mit: Marie Groothof, Walter Hess, Eva Löbau, Christian Löber, Benjamin Radjaipour und Anna Maria Sturm sowie den Statistinnen Manuela Clarin, Kristin Elsen und Sibylle Sailer
Premiere an den Münchner Kammerspielen: 27. April 2019
Weiterer Termin: 20.07.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.muenchner-kammerspiele.de


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