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Premierenkritik

Fontane

in

Senften-

berg



Bewertung:    



Theodor Fontane (1819-1898) ist gern und viel gereist - nicht nur durch die Mark Brandenburg. Den deutschen Schriftsteller, Journalisten und Theaterkritiker zog es u.a. auch nach Dänemark, Italien, England, Schottland und Frankreich. Im Auftrag der preußischen Regierung versuchte er sich z.B. in London als Presseagent, und als Kriegsberichterstatter im Deutsch-Französischen Krieg reiste er nach Paris. 1870 wurde er in Ausübung dieser Tätigkeit unter dem Verdacht, preußischer Spion zu sein, verhaftet und kurzzeitig auf der Atlantikinsel Île d’Oléron interniert. Anlässlich seines 200. Geburtstags hat sich nun im Fontane-Jubiläumsjahr das Theater „Das Letzte Kleinod“ mit dieser vielleicht noch nicht so präsenten Geschichte um den Autor so bekannter Romane wie Der Stechlin oder Effie Briest (desöfteren selbst Theaterstoff) beschäftigt. Eine wahre Rechercheleistung, die nun mit dem Doku-Theaterstück Souvenir 1870 in der Regie und mit dem Text von Jens-Erwin Siemssen die 11. Theatertage des Deutschen Bühnenvereins / Landesverband Ost in Senftenberg eröffnet.

Die Neue Bühne Senftenberg hat in Koproduktion mit dem Staatstheater Cottbus, dem Hans-Otto-Theater Potsdam, dem Theater der Altmark Stendal und dem schon erwähnten Theater „Das Letzte Kleinod“ dieses Stück in ihrem jährlich zur Spielzeiteröffnung stattfindenden Spektakel zur Uraufführung gebracht. Fontane am Zug heißt der über fünfstündige Abend, der tatsächlich am Güterbahnhof Senftenberg vor einem historischen Ozeanblauen Zug über die Bühne gehen soll. Der Zug wird weiter durch Brandenburg fahren und Station in Cottbus, Potsdam, Rheinsberg, Frankfurt/O. und Stendal machen. Außerhalb von Brandenburg wird das Stück noch in Celle, Worpswede und Geestenseth in Niedersachsen zu sehen sein. Also eine selbst recht weitgereiste Produktion in Sachen Fontane, die sich auf Dokumente des Schriftstellers und weitere Zeitzeugenberichten stützt.

*

Vom „Ozeanblauen Zug“, wie angekündigt, dann aber keine Spur. Die Theatertruppe spielt vor einem rostbraunen Güterwagon für den Transport von PKWs. Die Ladefläche lässt sich mühsam und ächzend runter- und wieder hochkurbeln und dient als Zitadelle der Festung auf der Île d’Oléron, wo Fontane 1870 einige Wochen interniert war und auf Betreiben Bismarcks schließlich wieder freikam. Drei französische Bürger wurden dafür vorsorglich in Geiselhaft genommen. Das erinnert einen dann schon auch an einen anderen furchtbaren Krieg. Und so wechselt das vom Ensemble mehr Erzählte als Gespielte zwischen Fontanes Erlebnissen, die er später in dem Buch Kriegsgefangen. Erlebtes 1870 festhielt, und den Erinnerungen von Einwohnern der Insel, die den Zweiten Weltkrieg noch am eigenen Leib erfahren haben. Zu sehen gibt es dazu Szenen aus der Geschichte dieses wiederholt zur Kriegsfestung ausgebauten Vorpostens an der bretonischen Atlantikküste.

Wir hören vom kargen Leben der Austernfischer und Arbeiter in der Meersalzgewinnung und dass auf der Insel erst nach dem Krieg Pinienbäume angepflanzt wurden. Fontane wandelt dabei in seinen Erzählungen auf den Mauern der Zitadelle, trinkt Kognak und lässt sich von seinem für ihn beigestellten Burschen bedienen. Typhus, Tod und Latrinenprobleme. Dagegen schneidet das Stück Geschichten von der Résistance gegen die Besetzung durch die Nazis. Immer wieder wird schön gesungen und mit Körben, Pinienzapfen und einem Leiterwagen hantiert. „Was hat das jetzt mit Fontane zu tun?“ ist leise aus dem Publikum zu vernehmen. Vermutlich eher mit einem selbst, möchte man da antworten. Da fehlt es wohl angesichts des leider etwas trockenen Vortrags dem heutigen Menschen, der Krieg nicht mehr aus eigener Erfahrung kennt, am nötigen Abstraktionsvermögen. Und wenn dann plötzlich ganz ohne gelbe Rangiererweste ein Darsteller auf den aktuellen französischen Präsidenten Macron zu schimpfen beginnt, ist Weiterdenken durchaus erlaubt.

Mehr auf seine Kosten kommt das Publikum wahrscheinlich im Vorprogramm, das vom Theater Senftenberg als Spektakel (nur in Senftenberg zu sehen) beigesteuert wird. Die Open-Air-Klamotte Theodor und wie er sich in die Welt schrieb zeigt in der Regie von Tilo Esche vor der Kulisse des Wasserturms am Güterbahnhof lustige Szenen aus Fontanes Leben von der Geburt bis zum ersten Erfolg mit Effie Briest. Der Roman bedrohe die preußische Moral und soll daher vom Kaiser verboten werden. Der lässt sich, da keine Lust zum Lesen, die Geschichte einfach kurz vorspielen. Theater auf dem Theater. Ein nettes Pläsier bei Bier, Wein und Bratwurst mit anschließender Wanderung durch die Mark Brandenburg vorbei an gestalteten Kulissen wie beim Besuch eines Museumsdorfs.



Theodor und wie er sich in die Welt schrieb mit Patrick Gees und Catharina Struwe | Foto (C) Steffen Rasche


Das ist mit viel Liebe und Enthusiasmus gestaltet. Ein Wort, das oft an diesem Abend fällt. Die Theaterspektakel sind beim Senftenberger Publikum beliebt. Aber hier im Gegensatz zum ernsteren Dokustück doch etwas zu harmlos. Weiter geht es mit drei Fontane-Minidramen, zu denen man mit dem Bus zum Bahnhofsgebäude vorgefahren wird. Morbider Charme im alten Bahnhofstunnel, wo Fontane und sein alter Lieblingskonkurrent Theodor Storm zur Endverwertung in zwei Spinten einer futuristischen Zwischenwelt stecken. Doch dem Altersstarrsinn zum Trotz wehren sich die beiden Urgesteine des poetischen Realismus mit ihren Versen gegen die drohende Auslöschung.



Eine Zwischenwelt mit Dimitrij Breuer, Roland Kurzweg und Lena Conrad | Foto (C) Steffen Rasche


Dazu gibt es noch Strand der Emilie, an dem Fontanes Frau und erste Leserin (sie schrieb die Romane ihres Mannes ins Reine) über dessen Frauenbild spricht und ein emanzipiertes Damenduo Melanie und Franziska aus Fontanes frühen Gesellschaftsromanen L’Adultera und Graf Petöfy auftaucht. Über Fontanes Gaumenfreuden erfährt man mehr (ebenfalls von Romanfiguren) in der alten Mitropa. Das ist tatsächlich locker leicht und mit einigem Witz inszeniert und vom Senftenberger Ensemble auch so gespielt. Den preußisch-brandenburgischen Dichterhelden holt diese doch eher unkritische Schau auf Biografie und Werk aber kaum vom Sockel der Verehrung. Wer mehr wissen will, dem sei die gerade erschienene Biografie Fontanes von Regina Dieterle empfohlen. Die Autorin stellt auf durchaus pointierte Weise den Werdegang Fontanes vom jungen Apothekerstudenten der Revolutionsjahre 1848/49 bis zum anerkannten Romanschriftsteller dar und zeigt sehr gut Fontanes Wandel von einer liberalen Gesinnung zum konservativen Wahlmann und Bismarck-Verehrer. Das will so recht zum vielgelobten Mann und dessen Werk nicht passen. Der Dichter als Spiegel seiner Zeit.



Strand der Emilie mit Esra Maria Kreder und Nicole Haase < Foto (C) Steffen Rasche

Stefan Bock - 5. August 2019
ID 11603
DAS SPEKTAKEL 2019: FONTANE AM ZUG (neue Bühne Senftenberg | Das Letzte Kleinod, 03.08.2019)

Souvenir 1870

Buch und Regie: Jens-Erwin Siemssen
Musikalische Leitung: Manuel Jadue
Dramaturgie: Katja Stoppa
Kostüm: Sophia Lund
Licht: Alvine Wiedstruck und Archil Svimonishvili
Produktion: Hannah Wörpel
Mit: Robert Eder, Richard Gonlag, Alrun Herbig, Andreas Schulz,
Bo-Phyllis Strube, Margarita Wiesner und Michaela Winterstein
Premiere war 3. August 2019.
Weitere Termine: 07.-11.08. (in Senftenberg), 13./14.08. (in Cottbus), 16./17.08. (in Rheinsberg), 20.-22.08. (in Frankfurt/O.), 25./26.08. (in Potsdam), 28./29.08. (in Stendal), 31.08./01.09. (in Celle), 03.-05.09. (in Worpswede) und 07./08.09.2019 (in Geestenseth)
Koproduktion mit dem Staatstheater Cottbus, Hans-Otto-Theater Potsdam, Theater der Altmark Stendal, Kleist Forum Frankfurt (Oder), nB Senftenberg und dem Theater Das Letzte Kleinod

Theodor und wie er sich in die Welt schrieb
Buch und Regie: Tilo Esche
Buch und Dramaturgie: Katja Stoppa
Kostümbild: Nora Maria Bräuer und Andreas Walkows
Mit: Jan Mixsa, Mirko Warnatz, Nicole Haase, Esra Maria Kreder, Anja Kunzmann, Daniel Borgwardt, Sybille Böversen, Hanka Mark, Max Hänsel, Heinz Klevenow, Dimitrij Breuer, Roland Kurzweg, Lena Conrad, Alfred Tempel, Tom Bartels Patrick Gees, Marianne Helene Jordan, Catharina Struwe, Doris Simke, Doris Kalus, Sieglinde Pöschl, Inge Blümel, Barbara Hansow, Sabine Wunsch, Lisa Hausdorf, Fanny Weidner, Luise Heinze, Tabea Schötz, Brigitte Wächter, Laura Ellerfeld und Leon Haller
Weitere Termine: 07.-11.08.2019 (in Senftenberg)


https://www.theater-senftenberg.de/

https://www.das-letzte-kleinod.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

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