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Premierenkritik

Die Kunst

des Timing



Benjamin Grüter (li.) als Iwanow am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Thomas Aurin

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Man ahnt es: Burkhard C. Kosminski hatte gleich zu Beginn seiner Intendanz den israelischen Schauspielstar Itay Tiran nach Stuttgart geholt. Er sollte wohl die attraktive Titelrolle in Tschechows Iwanow spielen. Dann hat der neue Burgtheaterdirektor Martin Kušej Tiran abgeworben – das Bessere ist stets der Feind des Guten, ob bei den Gagen oder beim Prestige – und Kosminski musste sich einen neuen Iwanow suchen. Es ist ein alter Bekannter: Benjamin Grüter, der unter Friedrich Schirmer und Hasko Weber zu den Lieblingen des Stuttgarter Publikums zählte und nun als Gast zurück gekehrt ist.

Er heißt allerdings nur noch auf dem Umschlag des Programmhefts und auf den Plakaten Iwanow. Statt Nikolaj trägt er den Vornamen Nikolas und wird Nick gerufen. Nichts darf daran erinnern, dass er und sein Autor Russen waren. Putin lauert im Hintergrund. Das kommt: in Stuttgart zeigt man gar nicht Iwanow von Tschechow, sondern eine „neue Bearbeitung von Robert Icke“ „nach Anton Tschechow“, genauer: nach den späteren Fassungen von Tschechows Stück, also mit jenem Phänomen, das man neuerdings „Übermalung“ nennt. Denn Robert Icke ist das britische Klon von Simon Stone, und er hat in Stuttgart bereits die Orestie verbessert.

Das Ergebnis freilich ist geeignet, auch Skeptiker zu überzeugen. Denn Icke gelingt es, bei aller Entfernung von den Versionen des gedruckten Textes beziehungsweise von deren deutschen Übersetzungen und bei aller Übertragung in ein undefinierbares Heute die typische ambivalente Stimmung von Tschechows erster und vielleicht düsterster Komödie zu bewahren. Das gelingt ihm in erster Linie durch ein ausgeprägtes Gespür für ein fast schon vergessenes Element des Theaters, für Timing und Rhythmus. Virtuos spielt Icke mit langen Pausen und mit Stille. Sie sind für die „Melodie“ der Inszenierung nicht weniger wichtig als die vom Ensemble differenziert gesprochenen Dialoge.

Die von John Birke ins Deutsche gebrachte Bearbeitung fordert allerdings ihren Preis. In einer zentralen Szene verliert Iwanow seine Nerven und beschimpft seine todkranke Frau Anna. Es ist ein Moment, der einem das Blut in den Adern gerinnen lässt – unvergesslich in der Wiener Inszenierung von Peter Zadek mit Gert Voss und Angela Winkler. In der Fassung von Icke/Birke schreit Iwanow: „Halt deine Judenklappe.“ In der Übersetzung von Peter Urban lautet die Stelle: „Schweig, Judenweib!“ Die Fallhöhe des sich dekuvrierenden Antisemitismus – gleich darauf wird Iwanow seiner Frau offenbaren, dass sie bald sterben wird –, der Schock bleibt aus oder verringert sich zumindest in einem Umfeld, in dem die Figuren einander mit „fick dich“ und „verpiss dich“ beleidigen. Iwanows Ausrutscher, den er selbst kommen sieht und ankündigt, verliert seine Überraschungskraft, wenn der Jargon, dem er angehört, zur Sprache des Stücks wird.

Den Einwänden zum Trotz: Es ist ein bemerkenswerter Theaterabend geworden, ein Schauspielerfest – hervorgehoben sei Michael Stiller in der Rolle des Pawel Lebedew, des Vaters von Iwanows neuer Braut, der bei Icken – warum bloß? – Peter heißt –, und eine ziemlich genaue, weil nicht übertreibende und auf psychologische Erklärungen verzichtende Studie eines depressiven Charakters. Plötzlich holt der geschichtliche Ort Ickes Aktualisierungsversuche ein. Freud ist ebenso nahe wie das Motiv von der Affäre Friedrich Hofreiters und Erna Wahls in Arthur Schnitzlers Weitem Land . Übrigens: alle drei, Freud, Schnitzler und Tschechow, waren Ärzte.

Die Bühnenbildnerin Hildegard Bechtler hatte den nicht mehr ganz neuen und technisch wie finanziell aufwendigen Einfall, die halbdunkle Bühne zu fluten und in dem künstlichen „See“ eine quadratische Fläche aufzupflanzen, die sich langsam, fast unmerklich immer wieder dreht. Auch dies trägt mehr zur Stimmung als zur Deutung bei. Aber das ist bei Tschechow nicht verkehrt. Man muss deshalb kein Parteigänger Stanislawskis in der Tschechow-Debatte sein.



Iwanow am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Thomas Aurin

Thomas Rothschild – 18. November 2019
ID 11824
IWANOW (Schauspielhaus, 17.11.2019)
Inszenierung: Robert Icke
Bühne: Hildegard Bechtler
Kostüme: Wojciech Dziedzic
Licht: Natasha Chivers
Video: Tim Reid
Sound Design: Joe Dines
Dramaturgie: Ingoh Brux
Mit: Benjamin Grüter, Paula Skorupa, Klaus Rodewald, Michael Stiller, Marietta Meguid,
Nina Siewert, Felix Strobel, Christiane Roẞbach und Peer Oscar Musinowski
Premiere am Schauspiel Stuttgart: 17. November 2019
Weitere Termine: 01., 14., 26.12.2019 // 02.01.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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