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Premierenkritik

Am Staatstheater Cottbus spielt

Goethes Faust im Museum

Jo Fabian untersucht den kanonisierten Text auf seine Lebendigkeit, ohne aber die heiligen Hallen je zu verlassen

Bewertung:    



Es ist noch gar nicht so lange her, da fand in der Münchner Kunsthalle eine große Faust-Ausstellung statt. Parallel dazu beschäftigte sich auch das Theatermuseum München mit der Deutschen bekanntester Tragödie aus der Feder von Johann Wolfgang Goethe. Sein Faust ist nationales Kulturerbe, Schulstoff; und selbst Leute, die ihn weder gelesen noch auf der Bühne gesehen haben, führen Zitate, die zu geflügelten Worten wurden, im Munde. Nun gibt es im Staatstheater Cottbus die passende Inszenierung zum musealen Charakter des Stücks. Noch-Schauspieldirektor Jo Fabian (er wird im Herbst 2020 nach dem Beginn der neuen Intendanz von Stephan Märki Cottbus leider wieder verlassen) lässt seinen Faust (der Tragödie ersten Teil, wohlgemerkt) dann auch gleich im Museum spielen. Genauer gesagt als Bestandteil einer interaktiven Faustperformance im Deutschen Pavillon der Kunstbiennale Venedig 2019. So lautet jedenfalls eine Durchsage auf der Bühne, die an eine von der Statisterie dargestellte Besucherschar gerichtet ist.

Die Titelfigur steht hier auf einem Sockel in dem von Pascale Arndtz dem deutschen Ausstellungsbau in den Giardini der Lagunenstadt nachgestellten Bühnenbild. „Verweile doch...“, der Spruch aus der Wette Fausts mit Mephistopheles steht an der Wand, an der sich auch zwei Videoscreens befinden, auf denen Szenenüberschriften und Kunstwerke aus über 200 Jahren bildnerischer Faust-Rezeption zu sehen sind. Ganz historisch, wie einem Gemälde der Romantik entlehnt, sind auch die Kostüme von Faust (Axel Strothmann) und Mephisto (Boris Schwiebert). Doch nicht etwa den Säulenheiligen der deutschen Theatergeschichte will der Regisseur hier von seinem Sockel holen. Nein, es geht laut Gastdramaturg Jan Kauenhowen, den sich Fabian aus Berlin geholt hat, um eine Prüfung, „wieviel Leben heute noch in dieser Weltdichtung steckt oder wie weit wir dieser noch gewachsen sind.“

Dazu haben Regie und Dramaturgie Goethes Text von heute Unverständlichem gereinigt. Herausgekommen ist eine Art Best of der bekanntesten Faustszenen, die sich im sogenannten Faustsaal oder anderen Räumen des Pavillons abspielen. Doch bevor der zweifelnde Wissenschaftler Faust mit sich und dem Text des „Habe nun, ach...“ ringt, treten noch die drei Erzengel (Lucie Thiede, Ariadne Pabst, Lisa Schützenberger), Mephisto und eine Leuchterscheinung des Herrn (Rolf-Jürgen Gebert) zum Prolog im Himmel auf. Wagner (Michael von Bennigsen) und Schülerszene (David Kramer), Osterspaziergang mit Deklamation und Teufelspakt werden abgehandelt, und schließlich ist man schon in der in Rotlicht getauchten Hexenküche, verlässt dabei das Innere des Museums aber nie. Ganz Theoretiker lässt sich der alte Faust die junge Museumsputze Gretchen (Lara Feith) schaffen und stammelt ihr seinen „Geleit“-Spruch hin, bis beide dann Museumswärterin Marthe Schwertlein (Susann Thiede) und Mephisto auf zwei Bänken gegenüber sitzen und nach dem Liebesakt aus der Dusche kommend über Liebe, Gott und Religion sprechen.

Bis hierhin läuft das Stück in recht texttreuen Bahnen nur durch ein paar typische ironische Fabian-Gags wie etwa einen sächselnden Bierkrugschwinger in Lederhosen (Thomas Harms) aus Auerbachs Keller oder einen aktuell für Gelächter sorgenden Verweis auf die Herkunft des Kästchens mit dem Geschmeide für Gretchen aufgelockert dahin. Die Gretchengeschichte bleibt auch das zentrale Thema der Inszenierung, die so die Frage, was die Welt im Inneren zusammenhält, wohl mit Liebesglück und -leid beantworten möchte. Faust und Gretchen ketten sich hier in innigen Umarmung aneinander. Ein Bild für die Macht der Liebe, die fesselt, aber auch zur Zerreißprobe für das Paar wird. Fabian lässt dazu emotionsverstärkend immer wieder die Soundmaschine dröhnen.

Nach der Pause erfahren wir in einem Symposium mit Thomas Harms (Theaterdirektor), Michael von Bennigsen (Dichter) und Kai Börner (Schauspieler), was sich Goethe eigentlich dabei gedacht hat. Aber auch hier wird nur getreu Goethes Text des Vorspiels auf dem Theater wiedergegeben. Dass sich schon zu Zeiten des großen Geheimrats Dichter und darstellende Zunft nicht immer einig über die „Unternehmung“ Theater und über des „Volkes Laune“ waren, findet sich ja heute durchaus im Streit zwischen Verfechtern des Literaturtheaters und Regisseuren, die sich selbst zum Autor berufen fühlen, wieder. Irgendwo dazwischen steht sicher auch Jo Fabian mit seinem bildstarken Theater, dass sich hier aber ungewöhnlich eng an den kanonisierten Goethetext bindet und erst zur Walpurgisnacht mit einem Mephisto als Sado-Maso-Meister mit Peitsche und Hexentanz unter einem riesigen, schräg in den Ausstellungsraum gestelltem Kreuz zu Hochtouren aufläuft. Auch in der fulminanten Kerkerszene unterstreicht Fabian seinen ästhetischen Gestaltungswillen. Keine Erlösung nirgends. Leider kann die Regie den Text auch damit nicht aus seinem musealen Kerker befreien. Vielleicht gelingt Jo Fabian das ja mit seinem für Februar 2020 als Kommentar geplantem Antifaust.



Faust am Staatstheater Cottbus | Foto (C) Marlies Kross

Stefan Bock - 3. Dezember 2019
ID 11861
FAUST (Staatstheater Cottbus, 30.11.2019)
Regie: Jo Fabian
Bühne/Kostüme: Pascale Arndtz
Musik: Hans Petith
Dramaturgie: Jan Kauenhowen
Besetzung:
Faust ... Axel Strothmann
Margarete ... Lara Feith
Mephistopheles ... Boris Schwiebert
Marthe Schwertlein ... Susann Thiede
Wagner ... Michael von Bennigsen
Valentin / Schüler ... David Kramer
Gast in Auerbachs Keller ... Thomas Harms
Lieschen, Bekannte Gretchens ... Lucie Thiede
Theaterdirektor ... Thomas Harms
Dichter ... Michael von Bennigsen
Schauspieler ... Kai Börner
3 Erzengel / 3 Hexen ... Lucie Thiede, Ariadne Pabst und Lisa Schützenberger
u.a.
Premiere war am 30. November 2019.
Weitere Termine: 04., 11., 25.12.2019 // 08., 30.01. / 22.02 / 30.03. / 03., 26.04. / 02.06.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatstheater-cottbus.de/


Post an Stefan Bock

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