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Premierenkritik

Die hässliche

Fratze von

Showbiz und

Politik



Süßer Vogel Jugend am Schauspiel Leipzig | Foto (C) Rolf Arnold

Bewertung:    



Forever Young heißt ein Song der Popband Alphaville aus den 1980er Jahren, gespielt vom Pianisten des Premierenabends der Tennessee-Williams-Inszenierung Süßer Vogel Jugend von Claudia Bauer. Genüsslich schreddert hier Brian Völkner als Barmann Stuff mit Totenmaske die Hymne auf die ewige Jugend ein ums andere Mal. Forever Young hieß auch eine Inszenierung des Dramas von Frank Castorf 2003 an der Berliner Volksbühne. 16 Jahre später wird Claudia Bauer hoch gehandelt für die neue Intendanz des Traditionshauses am Rosa-Luxemburg-Platz. Da wirkt es fast schon wie ein Zeichen, dass am Buchstand im Schauspiel Leipzig das Castorf-Programmbuch ausliegt. Darin die Textübersetzung von Nina Adler, die auch der Leipziger Stückfassung zugrunde liegt. Claudia Bauer hat sie auf schlanke 110 Minuten entschlackt und empfiehlt sich damit trotz der uncastorfschen Kürze nachdrücklich für Berlin, wo sie im Mai zum zweiten Mal mit einer Inszenierung zum THEATERTREFFEN eingeladen ist. Und Klaus Lederer wäre sicher gut beraten, nicht noch ein Jahr auf irgendeinen Geist aus der Flasche zu warten. Soweit die Vorschusslorbeeren, nun zur Inszenierung selbst...

*

Ein hoch- und runterfahrendes Bühnenportal gibt die Sicht auf eine fast leere von Andreas Auerbach nur mit ein paar Plastikstühlen und dem Piano bestückte Bühne frei. Auf den Stühlen sitzt die ganze Zeit das Ensemble und filmt sich gelegentlich selbst. Im Hintergrund eine an zwei Stellen etwas hochgezogene knittrige schwarze Plastikplane, die grottenartig einige Garderobentische mit Spiegeln verdeckt. Theater im Theater ist das große Thema. Vier große Kugeln senken sich wie Lampen von oben herab. Auf sie werden vier gefilmte Gesichter projiziert. Florian Steffens als Chance Wayne, Anita Vulesica als Alexandra del Lago, Michael Pempelforth als Boss Tom Finley und Andreas Dyszewski als Diener Charles sprechen erste Kernsätze von Williams‘ Südstaaten-Melodram.

Es handelt vom Schönling Chance Wayne, der von einer Filmkarriere träumt, und sich nach etlichen erfolglosen Stationen an die alternde Filmdiva Alexandra del Lago, genannt Prinzessin Kosmonopolis, gehängt hat. Er erhofft sich so eine Chance nach Hollywood zu kommen. Gestrandet sind die beiden aber zunächst in einem Hotel in St. Cloud (Florida), der ehemaligen Heimatstadt von Chance an der amerikanischen Golfküste. Einen sprechenden Namen trägt auch seine einstige Jugendliebe Heavenly (Julia Preuß im Tütü). Der umtriebige Chance hat der damals 15-jährigen eine Geschlechtskrankheit angehängt. Wegen der erforderlichen „Nuttenoperation“, der sich Heavenly unterziehen musste, sinnt ihr Vater Boss Finley auf Rache. Nun will Chance seine Angebetete zurückgewinnen, was natürlich wie auch sein Karrieretraum scheitert. Am Ende wird er von Boss Finleys Leuten entmannt.

Tennessee Williams sezierte hier recht schonungslos den Erfolgs- und Jugendwahn der 1950er Jahre, sowie die immer noch rassistischen Südstatten der USA, wo sich Leute wie Boss Finley mit nationalen und religiösen Parolen für politische Ämter empfahlen. In seiner TV-Wahlrede verurteilt Finley zwar Gewalt, gibt aber unverhohlen zu, die Beweggründe, von Leuten, die gerade einen jungen Schwarzen kastriert haben, zu verstehen. Seine rassistisch-populistischen Sprüche vom reinen weißen Blut, das es zu schützen gilt, sind unter rechten, identitären Anhängern auch heute weiterhin en vogue. Als bissig-böser Running Gag sagt sich Andreas Dyszewski mit „Der schwarze Diener Charles tritt auf“ immer wieder selbst an. In dieses aufgewühlte Klima aus Rassismus, Rache und Gewalt stößt der narzisstische Möchtegernstar Chance wie ein Fremdkörper, den es zu entfernen gilt.

Claudia Bauer interessiert sich aber mehr für den Schlagabtausch des ungleichen Paars Chance Wayne und Alexandra del Lago. Im weißen Seidenpyjama beschreibt Florian Steffens die Szenerie, wie sie Tennessee Williams in seinem Stück sehr naturalistisch vorgegeben hat. So hat man einen ungefähren Eindruck des fehlenden Palmensettings. Mit Realismus hat Bauer wenig am Hut. Nach durchzechter Nacht scheut man das Tageslicht, die erwachte Diva drängt es aber sofort unter einen Scheinwerfer ins Rampenlicht. Die als Gast nach Leipzig zurückgekehrte Schauspielerin Anita Vulesica ist das Erlebnis des Abends, wie sie als überdrehte Diva und Schreckschraube über die Bühne fegt. Das ist gekonnter Slapstick und böse Farce. Der Beau Chance hat hier von Anfang kaum eine Chance. Erst versucht er die Diva mit Tonbandaufnahmen, die ihre Drogensucht bezeugen sollen, zu erpressen. Doch nachdem sie vom überraschenden Erfolg ihres letzten Films erfahren hat, serviert ihn die del Largo eiskalt ab.

Da rutscht die Kleinstadtblase um Boss Finley mit seinem tumben Sohn Tom Junior (Roman Kanonik im Micky-Mouse-Shirt), der auch mal eine nationalistische Hymne anstimmt, Annett Sawallisch als gutmütige Tante Nonnie oder Thomas Braungardt als korrupter Arzt George Scudder fast ein wenig in den Hintergrund. Der Einfluss des reichen Finnley in der Stadt ist groß, da könnte man schon eine medienaffine Trump-Gestalt daraus machen. Auch der sitzt ja gerade Anwürfe an seine Person locker aus, wie Finnley seine Affäre mit Miss Lucy (Sophie Hottinger). Hier hat der Feind in uns allen: die Zeit, wie es im Stück heißt, bereits an allen sein zerstörerisches Werk getan, das mit Perücken und viel Schminke übertüncht werden muss. Zusätzlich kaputt durch ihren Vater ist Tochter Heavenly, die wie ein Püppchen ausstaffiert ist. Claudia Bauer zeigt hier schonungslos die hässliche Fratze von Showbiz und Politik, das aber immer auch recht unterhaltend. Am Ende geht Chance, nachdem ihn die Diva nicht mehr braucht, allein seinem Schicksal entgegen. Klappe zu, Affe tot, oder doch zumindest seiner „einzigen Existenzgrundlage“ beraubt.



Süßer Vogel Jugend am Schauspiel Leipzig | Foto (C) Rolf Arnold

Stefan Bock - 7. April 2019
ID 11338
SÜSSER VOGEL JUGEND (Schauspiel Leipzig, 06.04.2019)
Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Vanessa Rust
Musik: Roman Kanonik
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Florian Steffens, Anita Vulesica, Michael Pempelforth, Roman Kanonik, Julia Preuß, Annett Sawallisch, Sophie Hottinger, Andreas Dyszewski, Thomas Braungardt und Brian Völkner
Premiere war am 6. April 2019.
Weitere Termine: 13.04 / 02., 16.05. / 02.06. / 05.07.2019


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de


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