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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Jenny König

als Orlando



Filmset in Katie Mitchells Orlando-Stück in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Stephen Cummiskey

Bewertung:    



Das be- und überbildete Theater Katie Mitchells ist schwer vorstellbar ohne das jeweilige Anwesendgewesensein ihrer (nicht bloß fürs Technische zuständigen) Live-Crew an Kameraleuten oder Mikrofonhaltern; wir zählten gestern Abend nach dem Schlussvorhang sage und schreibe 18 (!) Leute, die dann auch noch fürs Kulissenschieben oder für das Umkleiden der sich von Bild zu Bild entlanghetzenden sieben SchauspielerInnen zuständig waren - und da ähnelt sich die Regisseurin hinsichtlich der Live-Bebilderungen, in gewisser Weise freilich nur, jenem gesamtkunstwerkigen Anspruch eines Frank Castorf; beide haben diese "mischtechnische" Handschrift als Alleinstellungsmerkmal kreiert - - und ihre sie seither und unaufhörlich nachahmenden Epigonen (ob bewusst oder ob unbewusst) erreichen allermeistens nicht mal annähernd die künstlerische Abgeschlossenheit; sodurch verkommen sie zu nutzlosen Kopierern des von ihnen abkopierten Ur-Originals.

*

Mit Jenny König, die nunmehr Orlando (nach Virginia Woolf) gewesen war, hatte die Mitchell vor vier Jahren schon mal an der Schaubühne etwas gemacht; Ophelias Zimmer nannte sie ihre Performance, ja und damals als wie jetzt interessierten sie, so wie es uns erschien, besonders durchgeknallte resp. schwer zu dechiffrierende und dennoch menschlich anrührbare (große!) Frauen mit (noch größeren!!) Gefühlen, ungeachtet dessen, dass dann deren Zeichnung durch die Mitchell frei von jedem auch nur ansatzweise vorstellbaren emotionalen Anflug war und ist!



"Eine Heldin, die als Held geboren wird, oder ein Held, der zur Heldin wird – spielt das überhaupt eine Rolle? Orlando durchlebt vier Jahrhunderte britischer und europäischer Menschheitsgeschichte, lebt am Hofe Elizabeths I., verliebt sich während eines sagenumwobenen Festes von James I. auf einem gefrorenen Fluss unglücklich in eine russische Prinzessin, versucht sich als Schriftsteller, wird Gesandter Charles II. in Konstantinopel, kehrt als Frau nach Großbritannien zurück, schreibt, gibt Partys im aufgeklärten 18. Jahrhundert, liebt Männer und Frauen, Prostituierte wie Adlige, und heiratet im zugeknöpften Viktorianischen Zeitalter einen Mann. Mann, Frau, muss Orlando sich überhaupt entscheiden? Orlando erlebt, wie Menschen, Natur, Systeme und Regime sich in einem ständigen Wandlungsprozess befinden; Sitten, Gebräuche und Vorstellungen davon, was ein Mann, was eine Frau zu tun haben, was richtig und was falsch ist, worüber ein Künstler schreiben soll, worüber eine Frau nachdenken darf, sich ständig verändern. Orlando erlebt, wie sich das Wetter wandelt und das politische Klima, wie sich Begehren und Geschlechterrollen entwickeln. Orlando schaut auf Menschen, die für Natur halten, was in Wahrheit doch menschengemacht ist."

(Quelle: schaubuehne.de)



Jenny König als Orlando in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Stephen Cummiskey



Wieder gibt es die über der funktionalen Bühne (Alex Eales) aus zig Rückzugsräumen oder -kammern für die jeweilige Ablichtung des jeweiligen Filmsets aufgehängte Kinofilmbreitwand, auf welcher dann der "Endfilm" - aus im Freien vorgedrehten sowie Live-Bildern - zu sehen ist. Dem Zuschauer obgliegt es nun, ob er sich vollends auf den "Endfilm" oder auf das wuselige Set-Geschehen unter ihm zu konzentrieren willens ist. [Ich ließ mich beispielsweise vollends auf den "Endfilm" ein.]

Die Assoziation zur großartigen Sally Potter-Vorlage (mit Tilda Swinton als Orlando) ist von Anfang an gegeben, und obgleich bei König (im Vergleich zu Swinton) ein schier uferloses Potenzial an distanzierter Ironie und kindlichem Humor beobachtbar zu sein scheint; ihr Gesicht - und es gibt unzählige Nahaufnahmen - spricht dann einfach Bände! König dürfte somit - wieder im Vergleich zu ihrer schottischen Kollegin - dem weit "herziger" sich brüstenden Darstellungsideal entsprechen.

Den Autorenkommentar (der Bühnenfassung Alice Birchs) lässt Cathlen Gawlich, der man - wie sooft bei Mitchell - ein fast klaustophobisch anmutendes Tonstudio mit Mikrofon und Kopfhörern rechts oben zur Verfügung stellte, warmtönend und witzgeladen nach und nach verlauten.

Es wird lustvoll und auch gern - natürlich bloß in Andeutung - herumgevögelt und herumgeschweinst, egal ob zwischen ihr & ihm oder ob zwischen ihm & ihm oder ob zwischen ihr & ihr; die für Orlando durchverirrenden Geschlechtsverwischungen vermag in dem Zusammenhang v.a. auch der blendend aussehende Konrad Singer (nicht nur körperlich) gewitzt herauszustellen!

* *

Mehr als eine visuelle Grundbeschäftigung des "Endfilms" mit dem Sally Potter-Film war/ist der guten Katie diesmal nicht gelungen.

Ungeachtet dieses Kleinsteinwandes blieb und bleibt der neue Mitchell-Abend unterhaltsam und sehr kurzweilig.


Andre Sokolowski - 6. September 2019
ID 11661
ORLANDO (Schaubühne am Lehniner Platz, 05.09.2019)
Bühnenfassung von Alice Birch

Regie: Katie Mitchell
Mitarbeit Regie: Lily McLeish
Bühne: Alex Eales
Kostüme: Sussie Juhlin-Wallen
Bildgestaltung: Grant Gee
Video: Ingi Bekk
Mitarbeit Video: Ellie Thompson
Musik und Sounddesign: Melanie Wilson
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Anthony Doran
Kamera: Nadja Krüger und Sebastian Pircher
Boom Operator: Stefan Kessissoglou
Mit: İlknur Bahadır, Philip Dechamps, Cathlen Gawlich, Carolin Haupt, Jenny König, Alessa Llinares, Isabelle Redfern und Konrad Singer
Premiere war am 5. September 2019.
Weitere Termine: 07., 08., 11.-13.09. / 25.-27.10.2019
Koproduktion mit dem Odéon – Théâtre de l’Europe, Paris, den Teatros del Canal Madrid, dem Göteborgs Stadsteater/Backa Teater und dem São Luiz Teatro Municipal, Lissabon


Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de


http://www.andre-sokolowski.de

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