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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Jugend

ohne

Gott



(C) Esra Rotthoff

Bewertung:    



In Jugend ohne Gott, dem 1937 erschienen dritten Roman des österreich-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth, gerät ein Lehrer durch rassistische Äußerungen in den Aufsätzen seiner Schüler in einen tiefen Gewissenskonflikt, der ihn, wenn man so will, viel über Gott und die Welt nachdenken und darüber verzweifeln lässt. Horváth übte mit diesem Generationen- und Gesellschaftsportrait aus Sicht eines mit sich ringenden Lehrers, der sich durch seine Zurückhaltung am Mord an einem Schüler mitschuldig fühlt, Kritik an der zunehmend autoritären und nationalistischen Politik der regierenden Nationalsozialisten. Am Ende findet der Lehrer aber wieder zu Gott („Denn Gott ist die Wahrheit!“) und wandert nach Afrika aus. Bei aller gegebenen politischen Aktualität und der Weitsicht Horváths eine heute sicher nicht mehr ganz zeitgemäße Sicht auf gesellschaftliche Werte.

*

Regisseur Nurkan Erpulat hat nun mit der Autorin Tina Müller eine Bühnenfassung für das Maxim Gorki Theater geschaffen, die den Fokus der Lehrer-Perspektive umkehrt und auf die Gedanken und Gefühle der Schüler richtet. Dazu haben sie Horváths Geschichte in heutiger Sprache neu überschrieben. Mal abwechselnd oder chorisch sprechen sieben junge SchauspielerInnen [Namen s.u.], die auf der von Alissa Kolbusch mit einer Art Halfpipe-Rampe ausgestatteten Bühne stehen, den Text. Sie übernehmen dabei die Rollen der Schüler, die nur mit den Anfangsbuchstaben ihren Namen benannt sind, aber auch die der Erwachsenen, wie Eltern, Schulleiter, Offizier, oder Gerichtspräsident. Aus einem sich öffnenden Schlitz an der Rückwand steigend, rutschen sie die Rampe herunter, klettern wieder an ihr hoch und bewegen sich zumeist recht dynamisch zu live erzeugten Gitarrenklängen. Wie bei einer erkennungsdienstlichen Behandlung halten alle kleine Kärtchen mit ihren Anfangsbuchstaben hoch, oder stehen vor einer auf die Rückwand projizierten Größenskala.

Es wird viel live gefilmt. Denis Geyersbach, der erst später seinen Auftritt als Lehrer hat, hält die Kamera immer wieder dicht vor die Gesichter der Jugendlichen, die dann in oft verfremdeten Großaufnahmen auf der Rückwand zu sehen sind. Darauf werden auch Zwischenüberschriften projiziert, die Themen benennen, um die es in den Berichten der Schüler geht. Immer wieder tauchen dabei Motive aus Horvaths Roman wie Befragungen der Schüler vor Gericht, das paramilitärische Zeltlager, oder die Geschichte mit dem vom Lehrer erbrochenen Kästchen mit dem Tagebuch auf. Inhaltlich geht es aber schon um die Probleme der Jugendlichen, die sich im Anspruch des breiten Wertekanons der heutigen Zeit nicht mehr zurecht finden. So beklagen sie sich darüber, dass stets von ihnen erwartet wird, sich kritisch, dabei aber auch immer politisch korrekt zu äußern, oder sich für die Umwelt einzusetzen. Aber auch Kritik am Selbstoptimierungswahn via Instagram und YouTube wird geübt. Es wird gedisst und gemobbt, Diskussionen über den Gebrauch des N-Worts arten aus und eine Schülerin outet sich selbstbewusst als AfD-Anhängerin.

Mit dem Bus geht es aus Berlin ins Zeltlager nach Sachsen. Dabei werden Zeltstangen an der Rampe zusammengesteckt und ein Zelt aufgebaut. Etwas Lagerfeuerfeeling kommt mit dem melancholischen Song "Fade Into You" von Mazzy Star auf. Aber es fehlt den Jugendlichen sichtlich an Orientierung, Hoffnung und Vertrauen in ihren Lehrer, den sie als nur wie ein Fisch beobachtend bezeichnen. Auch ein wichtiges Motiv aus Horváths Roman, das hier zur Anklage der Jugend gegen den Lehrer wird. Der kommt dann auch noch ausführlich zu Wort, in einem allerdings recht langen Monolog, der die Erlebnisse im Zeltlager um das Tagebuch schildert und die Beziehung eines der Jungen mit dem Mädchen aus der Räuberbande, die der Lehrer schweigend beobachtet. Eine Selbstreflektion in Sachen Schuld oder Selbstkritik der Erwachsenengeneration, das bleibt hier offen, wie der ganze Abend auch ein wenig an seinem für das Gorki mittlerweile typischen Frontalerzählstil krankt und schließlich in einem Epilog mit der Ansprache eines Astronauten aus der Zukunft an die Enkel mündet.



* *

An der Berliner Schaubühne wird demnächst auch Thomas Ostermeier eine Bühnenfassung des Romans inszenieren. Seine nach Die italienische Nacht zweite Beschäftigung mit Werken von Ödön von Horváth. Vermutlich wird der Schaubühnenintendant dann wieder die Perspektive des Erwachsenen einnehmen. Ein Vergleich zur jugendlichen Gorkifassung wäre in jedem Fall interessant.
Stefan Bock - 13. April 2019
ID 11350
JUGEND OHNE GOTT (Maxim Gorki Theater, 12.04.2019)
Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Alissa Kolbusch
Text: Tina Müller
Choreografie: Modjgan Hashemian
Kostüme: Lea Søvsø
Musik: Michael Haves
Video: Isabel Robson
Dramaturgie: Johanna Höhmann
Mit: Yusuf Çelik, Lara Feith, Denis Geyersbach, Felix Kammerer, Eren Kavukoğlu, Tiffany Köberich, Helena Simon und Theo Threbs
Premiere war am 12. April 2019.
Weitere Termine: 13, 26.04.2019


Weitere Infos siehe auch: http://gorki.de


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