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Premierenkritik

Das Maxim Gorki Theater eröffnet die neue Ersatzspielstätte Container mit einer Clownerie zum Thema Arbeitseffizienz nach Heiner Müllers Herzstück



(C) Esra Rotthoff

Bewertung:    



Das Maxim Gorki Theater hat zum Spielzeitbeginn doppelten Grund zu feiern. Erstens wird endlich der jahrelange Sanierungsstau bei der Bühnentechnik angegangen, und zweitens hat der Berliner Senat aus diesem Grund eine Ersatzspielstätte [s. Foto unten] spendiert, die am gestrigen Tage auch durch Kultursenator Klaus Lederer und Intendantin Shermin Langhoff feierlich eingeweiht wurde. Es ist ein großer, mit grauem Stahlblech verkleideter Container mit Platz für 200 Leute. Nun ist dieser Container keine große Architektur, eher ein reiner Zweckbau, der diesen auch effizient erfüllen wird. Er beherbergt nämlich „eine moderne Raumbühne, die für unsere experimentelle Spielweisen ebenso wie für unser Autorinnentheater hervorragend geeignet ist“, wie Shermin Langhoff in einer Pressemitteilung betont.

*

Um Effizienz oder aber das genaue Gegenteil geht es dann auch in der ersten Premiere im Gorki-Container. Dazu haben sich Hausregisseur Sebastian Nübling und Mitglieder des Maxim Gorki Theaters sowie des Exil-Ensembles eine kleine Meditation zum Thema Arbeiten und Nicht-Arbeiten entwickelt. Als Aufhänger nehmen sie nicht etwa die anstehenden Bauarbeiten im Haus, obwohl einige der zum Einsatz kommenden Requisiten direkt von der Baustelle im Haupthaus nebenan kommen könnten, sondern das Kurzdrama Herzstück von Heiner Müller. Es umfasst gerade mal vierzehn Zeilen und wäre wohl nach 5 Minuten beendet, und ist also wie geschaffen für ein theatrales Nachdenken über die Arbeit. Müller hatte es 1981 wohl nach einer durchzechten Nacht geschrieben. Es ist auch eher eine satirische Aufarbeitung des Geschlechterkampfthemas, das er im kurz zuvor entstandenen Stück Quartett behandelte. Clown Eins möchte Clown Zwei sein Herz zu Füßen legen, bekommt es aber nicht heraus, woraufhin Clown Zwei zum Messer greift. Am Ende ist das Herz von Clown Eins ein Ziegelstein. „Aber es schlägt nur für Sie.“ versichert dieser seinem Angebeteten.

Irgendwie ist Heiner Müller wohl ein Zitat des schottischen Essayisten und Historikers Thomas Carlyle (1795-1881) in den Text geraten. „Arbeiten und nicht verzweifeln“ steht auch irgendwann an der Rückwand der Bühne im Gorki-Container. Vermutlich hat Müller Carlyle in Zusammenhang mit der Entstehung des Revolutionsdramas Der Auftrag (1979) gelesen. Überliefert ist das leider nicht und tut hier auch nichts weiter zur Sache, da Müllers Kurzdrama wie gesagt nur der grobe Aufhänger zu einer 75-minütigen Clownerie ist, die Autor und Stück zwar ständig im Munde führt, aber irgendwie nicht zum Ziel, der Aufführung des Stücks, gelangt. Viel mehr noch, sie geradezu verweigert.

Und das lässt sich auch recht lustig an. Acht Clowns, wie Regisseur Nübling sie bereits in der Inszenierung von Müllers Hamletmaschine zum Einsatz brachte, bevölkern hier die Bühne. Allerdings müssen sie erst durch Dominic Hartmann als übereifriger Chef-Clown fast schon auf die Bühne gezerrt werden. So gibt Maryam Abu Khaled ständig vor noch proben zu müssen, klebt sich Mazen Aljubbeh einfach den Mund zu, verbindet sich den ganzen Kopf und legt sich mit einem Schild „Artist at Work“ ostentativ mitten auf die Bühne oder schleicht Elena Schmidt in Zeitlupe mit einem schwarzen Vorhang über die Bühne und beteuert immer wieder alles nur zu verzögern. Natürlich scheitert auch ihr Versuch den Vorhang anzubringen. Alles zurück auf Anfang also. Dazu läuft ein Zahlencountdown vor- und rückwärts. Beim Versuch ein Gerüst zum Aufhängen eines Holzherzens aufzubauen, scheitern dann alle, aber mit einem Höchsteinsatz an Slapstick-Nummern. Das einfache Holzherz wird dann von Bühnenarbeitern durch ein elektrisch blinkendes Show-Herz ersetzt.

In Dauerschleife erklingt dazu der 70er-Jahre-Smashhit Baker Street von Gerry Rafferty mit den schönen Liedzeilen: „You used to say that it was so easy / But youre tryin, youre tryin now.“ Was Maryam Abu Khaled immer wieder vorzuführen versucht. Und auch Frank Sinatra hat noch einen Song zum Thema „easy“ beizusteuern. Aber es ist dann eben doch nicht alles so einfach. Da helfen auch keine pseudophilosophischen Nonsenssprüche von Karim Daoud wie: „Um eine Entscheidung zu treffen, musst du eine Entscheidung treffen.“ „Out of Order“ steht auf einem Eimer, aus dem viele kleine Bälle über die Bühne hopsen. Sprunghaft und hektisch ist der Versuch hier irgendetwas auf die Reihe zu kriegen. Ein satirischer Verweis auf die schnelllebige Welt des Theaters und den Druck, immer kürzer und effizienter zu produzieren. Diese Hektik wird hier durch einen Soloauftritt von Vidina Popov verdeutlicht, die sich beim Reden fast überschlägt und ein Musterbeispiel an Effizienz und Arbeitsbereitschaft bis zur Totalerschöpfung darstellt.

Irgendwann verdreht sich der Eingangssatz in ein: „Zweifeln und nicht verarbeiten.“, was zu einem Stuhlkreis der persönlichen Befindlichkeiten führt. Kenda Hmeidan ist hier der pinke Depri-Clown.

* *

Wie im Felix Krull am Vorabend im BE steht also der Künstler im Mittelpunkt. Aber nicht als großer Imagineur und Lügner, sondern als stets einsatzbereiter Arbeiter an sich selbst. Man kann diese schöne Parabel als Kapitalismuskritik und Theaterbetriebssatire lesen oder einfach wieder auf den ursprünglichen Tanz der Gefühle zurückführen. Was danach kommen könnte, zeigen am Ende zwei Staubsaugerroboter, die Heiner Müller im O-Ton sendend über die Bühne kreisen.



Der provisorische Container des Maxim Gorki Theaters Berlin | Foto (C) Stefan Bock

Stefan Bock - 18. August 2019 (2)
ID 11626
HERZSTÜCK (Container, 17.08.2019)
Regie: Sebastian Nübling
Bühne und Kostüme: Evi Bauer
Musik: Tobias Koch
Video: Maryvonne Riedelsheimer, Jesse Kracht
Licht: Gregor Roth
Dramaturgie: Ludwig Haugk
Mit: Maryam Abu Khaled, Mazen Aljubbeh, Karim Daoud, Dominic Hartmann, Kenda Hmeidan, Vidina Popov und Elena Schmidt
Premiere am Maxim Gorki Theater: 17. August 2019
Weitere Termine: 19., 20., 21.08. / 01.09.2019


Weitere Infos siehe auch: https://gorki.de/


Post an Stefan Bock

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