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Premierenkritik

Aber

etwas

fehlt



Jan Thümer in Brechts Der gute Mensch von Sezuan am Volkstheater Wien | © www.lupispuma.com / Volkstheater; Bildquelle: volkstheater.at

Bewertung:    



Lange galt Bertolt Brecht als der bedeutendste deutschsprachige Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Dann wurde es stiller um ihn. Hin- und hergerissen zwischen politischer und literarischer Beurteilung, haben ihn geringere Talente je nach Gesinnung mal so, mal anders bewertet. Den Nobelpreis hat er nie erhalten.

Am Wiener Volkstheater zeigt man jetzt jenes Stück, das den Lehrplänen an den Schulen noch am unverfänglichsten erschien. Der gute Mensch von Sezuan belehrt uns in Form einer Parabel, dass die Missstände in dieser Welt nicht durch individuelle Hilfe, nicht durch moralische Integrität beseitigt werden können, sondern einer Veränderung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bedürfen.

Der Regisseur Robert Gerloff betont das Komödiantische des Stücks und setzt auf Tempo. Auf der Drehbühne kreist fast ununterbrochen ein von Gabriela Neubauer entworfener Pressspanturm mit einem Fotoporträt von Brecht, aus dessen Mund eine qualmende Zigarre ragt. Die Ensemblemitglieder, die fast alle mehrere Rollen bekleiden, spielen mal routinierter, mal ein wenig unbeholfen stilisiert, wie es das Genre und Brecht erfordern. Claudia Sabitzer springt als der gute Mensch Shen Te buchstäblich aus dem Spiel, um in einem grellen Spot das Publikum frontal anzusprechen. Dass alle graues Haar tragen – soll es etwa andeuten, dass Brecht ergraut sei?

Links auf einem erhöhten Podium sitzen gut sichtbar die Musiker, die die von Imre Lichtenberger Bozoki kühn bearbeitete Musik von Paul Dessau auch dort hinzufügen, wo sie von Brecht nicht vorgesehen war. Das muss erst jemand erklären, was die eingefügten Kompositionen von Ennio Morricone oder von Genesis vor der Originalmusik von Dessau voraus haben. Dass der einzige Szenenapplaus einem Auftritt der drei Götter gilt, in dem „die Erleuchteten“ den Gang von Phil Collins aus dem Video zu I Can't Dance nachahmen, muss einen jedenfalls zu der Frage veranlassen, wohin das einstmals politisch sensibilisierte Publikum des Volkstheaters inzwischen geraten ist. Im besten Fall – bei dem Lied von den sieben Elefanten, die keineswegs gequält werden wollen, aber vom achten Elefanten, dem Kapo, diszipliniert werden, einer eigenständigen Einlage wie das Spiel von Gott in Mahagonny in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – garantiert eine geschickte Choreographie eine unterhaltsame „Nummer“.

*

Insgesamt also eine brave Aufführung. Und doch, wieder mit Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny: „Aber etwas fehlt“. Was das ist, ruft die Erinnerung an Giorgio Strehlers Inszenierung mit Andrea Jonasson ins Gedächtnis. Es war der erotische Funken, der – Verfremdung hin, episches Theater her – über die Rampe sprang. Brecht wollte sein Stück mit Elisabeth Bergner inszenieren. Das kam leider nicht zustande. Eine versäumte Gelegenheit. Am Berliner Ensemble hat nach Brechts Tod Käthe Reichel die Rolle gespielt. Im Volkstheater muss das hysterische Gekreische des Premierenpublikums den Funken, die Bergner und die Reichel ersetzen.



Nils Hohenhövel, Imre Lichenberger Bozoki, Raphael Meinhart und Oliver Stotz (v.l.n.r.) in Bertolt Brechts Der gute Mensch von Sezuan am Volkstheater Wien | © www.lupispuma.com / Volkstheater; Bildquelle: volkstheater.at

Thomas Rothschild - 13. Oktober 2019
ID 11742
DER GUTE MENSCH VON SEZUAN (Volkstheater Wien, 12.10.2019)
Regie: Robert Gerloff
Bühne: Gabriela Neubauer
Kostüme: Johanna Hlawica
Musikalische Leitung: Imre Lichtenberger Bozoki
Dramaturgie: Veronika Maurer
Mit: Nils Hohenhövel (Der dritte Gott/Der Schreiner Lin To/Der Arbeitslose), Isabella Knöll (Frau/Nichte der achtköpfigen Familie/Teppichhändlerin), Steffi Krautz (Frau Yang/Die Hausbesitzerin Mi Tzü), Andreas Patton (Der erste Gott/Der Babier Shu Fu), Gertrud Roll (Die Witwe Shin), Claudia Sabitzer (Shen Te), Jan Thümer (Der zweite Gott/Yang Sun/Bruder der achtköpfigen Familie), Lukas Watzl (Wang, ein Wasserverkäufer/Mann der achtköpfigen Familie), Günther Wiederschwinger (Polizist/Großvater), Constanze Winkler (Neffe der achtköpfigen Familie/Teppichhändler/Kellner) sowie den Musikern Imre Lichtenberger-Bozoki, Raphael Meinhart und Oliver Stotz
Premiere war am 12. Oktober 2019.
Weitere Termine: 16., 19., 20., 22., 28.10. / 07., 09., 10., 19., 21. 28.11. / 05., 09., 13., 16., 18., 27., 30.12.2019


Weitere Infos siehe auch: http://www.volkstheater.at


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