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nachDRUCK # 6

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Performance

Die Beschwörung

des weiblichen

Körpers in der

Menopause



Bewertung:    



„Sheela-na-gig, Sheela-na-gig/ You exhibitionist”, röhrte 1993 die junge Rock-Feministin PJ Harvey in ihrem gleichnamigen Song. Eine wütende Tirade auf einen misogynen Mansplainer, der ihre dargebotenen „child-bearing hips“ ablehnte und den sie sich dafür aus den Haaren waschen wollte. Mittlerweile ist die britische Rocksängerin etwas ruhiger geworden und im selben Alter wie die PerformerInnen von She She Pop, die sich in ihrer neuen Produktion Hexploitation der Frau über 50 und ihrem Körper widmen. Die Frau als männervernichtender Sex-Vamp und immer bereite Gebärmaschine ist eine der gängigen Klischees längst vergangener Tage, möchte man meinen.

Dass aber nach Generationen des Feminismus besonders der Körper von Frauen in der Menopause ein gesellschaftliches Problem zu sein scheint, kann man schon aus der in der Performance erwähnten WHO-Definition für die Wechseljahre erkennen. Der Begriff Östrogenmangel bedient wohl eher das Narrativ einer Kranken. Die Feststellung lautet: „Als Frau stehe ich in einer Geschichte, die ich nicht selbst geschrieben habe.“ Also, wie raus aus diesem gesetzten Narrativ der „pathologisierten menopausalen Frau“ lautet dann auch die Frage des Abends, an dem sich die auch sonst nicht schüchternen She-She-Pop-Frauen (hier: Fanni Halmburger, Lisa Lucassen und Ilia Papatheodorou) und ihr Quotenmann Sebastian Bark im wahrsten Sinn des Wortes nackt machen.

Zum Teil tiefe Einblicke bieten sie von ihren Körperteilen, die via Livekamera auf die Bühnenrückwand projiziert werden. Es geht da in den schonungslosen Close-ups um nicht mehr ganz so frische Gesichtshaut, plötzlich schwabbelndes Bauchfett oder den sehr indiskreten Blick auf das Geschlechtsorgan, genau wie bei den vorgenannten Sheela-na-gig-Steinreliefs von weiblichen Figuren mit überdimensionaler Vulva aus frühchristlicher Zeit in Irland und Großbritannien. Sie haben eine sehr ambivalente Bedeutung, da sie einerseits weibliche Fruchtbarkeit und Leben symbolisieren, andererseits aber auch weibliche Lust als etwas Abstoßendes und Sündhaftes darstellen. Der Ekel vor der weiblichen Sexualität und dem Alter wird hier recht selbstironisch gebrochen. In Divenauftritten und Videoüberblendungen der Gesichter und Körperteile spielen die PerformerInnen mit dieser Angst.

Einen weiteren Bezugspunkt bildet das Film-Genre des Hagsploitation-Movie, in dem alternde, hässliche Frauen (Hag, auch für Hexe verwendet) dem Wahnsinn verfallen ihr Unwesen treiben. Ein Beispiel dafür ist der 1962 erschienene Horrortriller Whatever Happened to Baby Jane mit Bette Davis und Joan Crawford. Und auch im Film Sunset Boulevard aus dem Jahr 1950 geht es um eine alternde Diva, die realitätsverloren an ein Kino-Comeback als Salome glaubt und dem Wahn verfällt. Geradezu verstärkt wird noch dieser Realitätsverlust in dem 1944 mit Ingrid Bergmann verfilmten Theaterstück Gaslight (Das Haus der Lady Alquist), in dem ein Mann seine Frau bewusst in den Wahnsinn treibt. Diese Form der psychischen Beeinflussung von Frauen ist seitdem auch als „Gaslighting“ bekannt.

Zeit also für eine bewusste Korrektur und Selbstermächtigung der körperlich „unsichtbar“ gewordenen Frau unter Beeinflussung und eine selbstbestimme Rolle in Gesellschaft, sagen sich She She Pop und nehmen den Kampf gegen die Ausnutzung weiblicher Selbstzweifel als Bestandteil der sexistischen Norm auf. Was zunächst auch ein wenig Theorievermittlung als Frage-These-Antwort-Spiel bedeutet. Insgesamt aber siegt doch der sichtliche Spaß am berufsbedingten Exhibitionismus, der sich das Schimpfwort der Hexe einfach zu eigen macht. Sebastian Bark als Hilfshexenmeister rührt ersatzweise Menstruationsblut und eine Flugsalbe an, nach deren Auftragen die PerformerInnen unter wild rotierenden Videobildern zum Song von Lana del Rey Will you still love me when I'm no longer young and beautiful? zumindest symbolisch für ein paar Minuten aus der Isolation der Körper ausschwärmen, auf die andere Seite, wie es heißt, wo die die Zeit nicht mehr abläuft.



HEXPLOITATION | (C) Dorothea Tuch

Stefan Bock - 24. September 2020
ID 12486
HEXPLOITATION (HAU 2, 22.09.2020)
von und mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou und Berit Stumpf

Musik: Santiago Blaum
Video: Benjamin Krieg
Bühne: Sandra Fox
Kostüme: Lea Søvsø
Künstlerische Mitarbeit: Laia Ribera Cañénguez
Sounddesign: Manuel Horstmann
Licht: Michael Lentner
Technische Leitung: Sven Nichterlein
Premiere im Hebbel am Ufer: 19. September 2020
Weitere Termine: 24.09. (im HAU 2) / 30., 31.10.2020 (auf Kampnagel, Hamburg)


Weitere Infos siehe auch: https://www.hebbel-am-ufer.de/


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