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Franziska Schmitz in Revolt. She said. Revolt again. am Freien Werkstatt Theater in Köln | Foto © Nina Gschlößl

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Lässt sich die Sprache revolutionieren oder umkehren? Gibt es Strategien, um tradierte Geschlechterverhältnisse zu durchbrechen? Kann eine Frau ihren Mann ähnlich verdinglichen, wie er es gewohnheitsmäßig tut? Das Drama Revolt. She said. Revolt again. der englischen Theaterautorin Alice Birch kreist um Fragen von Geschlechterstereotypen und sexualisierter Gewalt. Eine Aufbruchsstimmung voller Aufrufe und Aufschreie bricht sich auf der Bühne des Freien Werkstatt Theaters bahn.

Synchron angeordnete Fellteppiche säumen den Boden des ansonsten kargen Bühnenbildes. Zu Beginn sitzen vier nahezu gleich, komplett in schwarz gekleideten Darstellerinnen mit ähnlicher Gestik frontal zum Publikum. Zunächst sprechen sie einheitlich als a cappella-Chor. Bald nehmen nur noch drei der namenlos bleibenden Protagonistinnen im Vortrag die gleiche Position ein. Eine Vierte mimt einen männlichen Widerpart. Diese ändert nun ihre Körpersprache, indem sie etwa betont breitbeinig sitzt, Mimik und Gestik und auch ihre Stimme anders forciert. Gekonnte Rollenwechsel sind fortan fließend. Die Inszenierung des Regieduos Killer&Killer erinnert in ihrer Bildsprache und aufgrund des anfangs recht konfrontativen Textvortrags an Sivan Ben Yishais Papa liebt dich am Maxim Gorki Theater in Berlin. Oft ist nicht sofort einsichtig, wer gerade welchen Part markiert. Vieles wird angedeutet; das meiste nicht unbedingt ausgespielt.

Themen werden szenisch angerissen; Szenen gesammelt aneinander gereiht. Gleich zu Anfang wird ein obsessiver Flirt dargeboten, in dem der Wunsch nach Sexualität laut wird. Doch wer darf den aktiven Part übernehmen? Wer penetriert wen und überschreitet dabei mitunter wessen Grenzen? Später geht es um die Work-Life-Balance, das Gender Pay Gap, innerfamiliäre Gewalt und ein stark belastetes Mutter-Tochter-Verhältnis. Die Ausdrucksweise der Figuren driftet oftmals ins Derbe oder Vulgäre ab, wenn etwa vom Vögeln gesprochen wird (dt. Übersetzung: Corinna Brocher). Auch der Vulva kommt eine tragende Rolle zu, wenn sie über Fiona Metscher einen markanten Dialog mit dem Publikum sucht.

Lisa Sophie Kusz wettert übertrieben als Kaufhausdetektivin gegen eine Angestellte, die sich im Supermarkt als Protesthandlung nackt auf den Boden gelegt haben soll. Zwischen den Melonen habe sie mit ihren Extremitäten gespielt. Sie habe behauptet, so beuge sie allzeit verfügbar möglichen Vergewaltigungen vor. Die Kaufhausdetektivin geifert fortan wüst vor allem über die unansehnlichen Rundungen dieser Frau, die sie mit allerlei Assoziationen ausschmückt. Eine mögliche Objektifizierung junger Frauen wird so gekonnt persifliert.

Handlungsstränge und theatralische Wirkungen verpuffen jedoch recht schnell. Spätestens zu laut eingespielten Elektro-Sounds von Jakob Lorenz wird der körpersprachliche Ausdruck der Darstellerinnen dann aufs Äußerste dynamisch und beliebig. Gegen Ende werden gar grenzwertige Masturbationen angedeutet, wenn sich nacheinander Franziska Schmitz und Mirka Ritter mit ihren Gesäßen nuanciert an den Stuhllehnen respektive der Bühnenwand reiben.

Zu guter Letzt steigert sich das Geschehen in einen Spontanausbruch aller Darstellerinnen auf einer Nebenbühne im Einlassraum neben der Spielstätte. Nun wird der radikalen Idee einer Vergeltung und einer feministischen Utopie ohne Männer nachgehangen. Doch schnell müssen die Leidensgenossinnen erkennen, dass die Idee eines Matriarchats zu zukunftslos sein könnte, denn die Nachkommenschaft sollte ja auch noch gesichert werden.

Neben Der Zauberer von Oz vom Theater der Keller ist Revolt. She said. Revolt again. für den lokal renommierten Kölner Theaterpreis nominiert. Das preisgekröntes Drama (2014 George Devine Award für „Most Promising Playwright“) ist ein freches, provozierendes und atemlos-reißerisches Stück, das mit Geschlechterstereotypen und Sehgewohnheiten aufräumen möchte, indem es diese oftmals verzerrt vorführt. Die 34-jährige Autorin Alice Birch wurde u.a. für ihr Drehbuch zum Film Lady Macbeth (2016) mit dem British Independent Film Award geehrt. Auch in diesem Kostümfilm geht es um weibliche Sexualität, patriarchale Strukturen, Unterdrückung und Befreiung. In Revolt. She said. Revolt again. sind die inhaltliche Botschaft und Gesellschaftskritik wenig originell, durchaus aber weiterhin aktuell. Auf der Bühne wird erregungsbereit viel geschrien. So mancher Zuschauer fühlt sich alsbald von vieldeutigen Reizen und wütender Konfrontation überflutet, sucht eine sinnstiftende Richtung jedoch mitunter vergebens.



Revolt. She said. Revolt again. am Freien Werkstatt Theater in Köln | Foto © Nina Gschlößl

Ansgar Skoda - 4. Oktober 2020
ID 12508
REVOLT. SHE SAID. REVOLT AGAIN. (FWT Köln, 02.10.2020)
Regie/Bühne/Kostüm/Lichtkonzept: Killer&Killer - Sophie Killer & Thalia Killer
Musik: Jakob Lorenz
Mit: Fiona Metscher, Franziska Schmitz, Lisa Sophie Kusz und Mirka Ritter
UA an der Royal Shakespeare Company, Stratford: 21. Juni 2014
DSE am Berliner Ensemble: 13. Oktober 2018
Premiere am Freien Werkstatttheater Köln: 23. Januar 2020
Weitere Termine: 22., 23., 25.10. / 14., 15.11.2020


Weitere Infos siehe auch: http://www.fwt-koeln.de/


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