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Steuerparadies



Oh wie schön ist Panama Malta am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Bewertung:    



Kapital kann sich zu einem scheuen Reh und ein Urlaubsparadies zum Hub für Finanzhaie entwickeln. Mit Oh wie schön ist Panama Malta bringt Regisseur Simon Solberg spannendes politisches Theater auf die Werkstatt-Bühne in Bonn. Der packende und höchst aktuelle Recherche-Thriller von Volker Racho und Ensemble beruht auf realen Geschehnissen. Das kurzweilige Stück behandelt europäische Steueroasen und ein Geflecht aus Korruption bis in höchste Regierungskreise.

*

Annika Schilling mimt enthusiastisch die Investigativ-Journalistin Laura. Engagiert verfolgt sie die Unterlagen eines ehemaligen Kollegen bis hin zum Inselstaat Malta. Hier werden illegal Scheinfirmen verkauft. Briefkastenfirmen ohne Geschäftsbetrieb sind gang und gäbe. Die Regierung scheint in die Geldwäsche der Mafia verstrickt. Im Kleinstaat mit Inselcharakter können sogar EU-Pässe für hohe Geldbeträge oder teure Immobilien erworben werden. Laura trifft die maltesische Journalistin und Bloggerin Daphne Caruana Galizia (Doris Dexl). Letztere publizierte bereits zur Korruption und den illegalen Machenschaften auf der Insel und wird offenkundig bedroht. Laura findet heraus, dass auch Großverdiener aus Deutschland von den illegalen Machenschaften, Geldwäsche und Steuerhinterziehung im Herzen Europas grundlegend profitieren. Ihre Kollegin Daphne wird plötzlich durch ein Attentat mit einer Autobombe ermordet. Geschockt reist Laura heim zu ihrem Mann und ihrem Kind. In wiederholten Gesprächen mit ihrem Vorgesetzten (Klaus Smorek) erkennt Laura, wie machtvoll die kriminellen Strukturen der internationalen Steuerhinterziehung sind. Ihr Vorgesetzter möchte ihre Recherche-Erkenntnisse zurückhalten. Laura entschließt sich, ihre Anstellung zu kündigen.

Die Bühnenwand schmücken zahlreiche Recherche-Aufzeichnungen wie ein Netz mit den Namen globaler Consulting-Firmen wie Ernst& Young, Deloitte, PricewaterhouseCoopers oder KPMG. Diese hochspezialisierten und international agierenden Wirtschaftsprüfer vermitteln Großunternehmen selbst konzipierte Steuersparmodelle. Sachverhalte werden in diesen Steuersparmodellen mitunter systematisch vernebelt, etwa durch eine Verschachtelung mit Tochtergesellschaften. In unternehmensinternen Geschäften versanden dann Steuergelder in horrender Höhe, wie die Figur eines Consulting-Vertreters in einem kurzen Monolog dynamisch klarstellt. Die Steuersparmodelle der Consulting-Firmen werden so komplex, dass Finanzfahndern systematisch jede Ermittlung erschwert wird.

Schwergewichte mit Monopolstellung wie Alphabet, Amazon, Apple, Facebook und Microsoft werden durch diese weltweit agierenden Beratungskonzerne und enormen Lobby-Druck geschützt. Im Stück wird auf eine Wäscheleine in einzelnen Ziffern eine Zahl gehängt, dies ist die Summe, die Deutschland jährlich durch Steuerflucht oder Steuerhinterziehung wohlhabender Unternehmen am oberen Ende der Einkommenspyramide verliert. Doch das Stück kritisiert auch die EU-Politik, in der mitunter weggeschaut wird. Brüssel hofiert respektvoll Kleinstaaten und Steueroasen wie Malta oder Luxemburg. Immerhin muss Europa ja das Einstimmigkeitsprinzip wahren und der Blockade durch ein Land bei wichtigen Entscheidungen vorbeugen. Der Luxemburger Jean-Claude Juncker, derzeitiger Präsident der europäischen Kommission, wird als Figur persifliert. Knallhart setzt er die Interessen seines Heimatlandes durch und behauptet, es genüge doch, wenn ein Großkonzern wenigstens ein Prozent an Steuern abgibt, da dies ja in der Summe vielfach mehr sei als bei einem gewöhnlichen Unternehmen.

Simon Solberg, der auch das Bühnenbild verantwortet, platziert mehrere Stapel Umzugskisten voller Akten und Papiere auf der Bühne. Im Stückverlauf werden diese Stapel unterschiedlich aufgestellt und choreographiert. Einige Umzugskästen werden geöffnet und die enthaltenen Papiere studiert oder zu den anderen im Bühnenwand-Schaubild gepinnt. Bald befestigt Annika Schillings Laura sogar im Eifer des Gefechts Pinnzettel und Dina4-Blätter an ihrem gesamten Körper. Gustav Schmidt und Alois Reinhardt sorgen derweil als kleiner Bruder respektive Gatte mit eindrucksvollen Breakdance-Nummern für Bewegung, womit sie auch ihr Unverständnis für die komplexe Arbeit Lauras überspielen. Sie erscheint gegen Ende zunehmend alleingelassen.

Laura stimmt zu guter Letzt einen tiefgründigen Schlussakkord an. Sie erzählt eine Geschichte von zwei Fischen. Die beiden begegnen im Schwarm einem einzelnen entgegenkommenden Fisch, der unter ihnen schwimmt. Der alleinschwimmende Fisch fragt die beiden, wie das Wasser oben sei. Die beiden antworten nicht und schwimmen weiter. Da fragt der eine den anderen, was denn zum Teufel Wasser sei. Diese kleine Geschichte deutet an, dass wer mit dem Strom schwimmt, sich vielleicht nicht genug bewusst darüber wird, was ihn schwimmen lässt? Wer hingegen gegen den Strom schwimmt, nimmt mitunter deutlicher wahr.

Schwimmen wir etwa zu sehr mit dem Strom und nehmen deshalb Unverhältnismäßigkeiten nicht deutlich genug wahr? Wenn wir die organisierte Finanzkriminalität innerhalb der EU nicht bekämpfen können, wie steht es da um die Stabilität der EU Wirtschafts- und Währungsunion? Wie steht es um die Pressefreiheit, wenn mutige investigative Journalisten ermordet und ihre weniger mutigen Kollegen eingeschüchtert werden. Insgesamt ist Oh wie schön ist Panama Malta etwas zu laut, zu geballt, teilweise etwas zu komplex, aber gerade aufgrund der politischen Relevanz, der Tiefe gedanklicher Anregungen und der großen schauspielerischen Ensembleleistungen sehr sehenswert.



Oh wie schön ist Panama Malta am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 29. Mai 2019
ID 11446
OH WIE SCHÖN IST PANAMA MALTA (Werkstatt, 26.05.2019)
Regie und Bühne: Simon Solberg
Kostüme: Franziska Harm
Licht: Maximilian Urrigshardt
Sounddesign: Gerrit Booms
Dramaturgie: Elisa Hempel
Mit: Doris Dexl, Alois Reinhardt, Annika Schilling, Gustav Schmidt und Klaus Zmorek
Uraufführung am Theater Bonn: 28. März 2019
Weitere Termine: 04., 14., 28.06.2019


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/


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