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Hellsicht aus

Depression



Melancholia nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Armin Smailovic

Bewertung:    



Was tut der Mensch, wenn er den eigenen Untergang vor Augen hat? Wenn ein ferner, leuchtender Planet namens Melancholia auf die Erde zurast und ihren Lebensraum in Kürze vernichten wird? Lebt und feiert er weiter, versucht er zu verdrängen, zu fliehen, klammert er sich an falsche Hoffnungen? Das ist Lars von Triers Frage in dieser düsteren Versuchsanordnung.

*

Felix Rothenhäusler hat sie als Denkspiel auf einer leeren, schwarzspiegelnden Bühne inszeniert, beleuchtet lediglich von ein paar Schweinwerfern wie von Sternen am Himmel. Einer davon ist rot und ganz klein, aber schon deutlich am Horizont zu sehen, sagt Justine. Sie heiratet gerade festlich und teuer ihren Michael, den sie „im Prinzip“ liebt. Wir würden es gern glauben, wäre da nicht dieser unheilschwangere Brummton. Dabei ist Justine schön und erfolgreich, eben wurde sie zur Artdirektorin einer Werbeagentur befördert, sie wird geliebt. Aber: sie ist nicht „so richtig glücklich“, sagt sie. Zufriedenheit wenigstens? schlägt Michael vor. Justine aber verweigert sich, schmeißt Ehe und Job in der Hochzeitsnacht und flüchtet ins Freie, in die Dunkelheit, in anonymen Sex: „Ich habe Angst, ich will weg.“

Ist Justine bloß krank, depressiv? Oder verhält sie sich „verrückt“ wie ein Tier, das ein Erdbeben spürt, Stunden bevor es eintritt? Ist sie ein sensibler Seismograph der Katastrophe, die die anderen Familienmitglieder lange Zeit nicht wahrhaben wollen? Eine hellsichtige, feinfühlige Kassandra?

Die Besucher der Münchner Kammerspiele jedenfalls sitzen während der ganzen Aufführung in einem erleuchteten Zuschauerraum. Das schafft Distanz zum Geschehen auf der Bühne, ebenso wie die vielen Erzählungen und Kommentare der Darsteller zum Fortgang der Handlung. Sie verknüpfen die Szenen, aber sie erschweren die Identifikation. Wir sollen eben nachdenken! Und dann – im Moment der Ruhe vor dem Feuersturm – setzt sich Justine auch noch zu uns ins Publikum, während ihre Schwester Claire verzweifelt versucht, sie aus der Depression herauszuholen. Ein Zeitplan muss her, für etwas, was Justine Spaß macht oder ihr am wenigsten zuwider ist. Wenn schon der geliebte Hackbraten nach Asche schmeckt. Marmelade kochen vielleicht? Ausreiten? Oder soll Leo, der kleine Neffe, seiner „Tante Stahlbrecher“ das lange Blondhaar flechten?

Claire bleibt tapfer und um jeden Preis positiv. Sie will lieber nicht durch das Teleskop sehen, der Wahrheit ins Auge. Aber bald ist „Melancholia“, der nunmehr blaue Planet, so groß geworden wie der Himmel. Die Kollision ist unausweichlich. Da löst sich Justine aus ihrer entrückten, bereits weltfernen Starre und baut ruhigen Mutes mit Schwester und Neffe aus ein paar Zweigen das, worum sie der kleine Leo immer gebeten hat: eine „magische Höhle“. Darin geborgen, einander im Arm haltend, erwarten die drei das Ende. Das Licht geht aus - auch im Zuschauerraum.

* *

Ein stimmiger Abend. Er fügt der berühmten Filmvorlage von Lars von Trier eine durchaus gelungene Theaterversion hinzu. Das liegt vor allem an zwei großartigen Darstellerinnen: Julia Riedler als Justine - zerbrechlich, verstört und doch kraftvoll visionär - und Eva Löbau als ihre Schwester Claire, Justines nimmermüde, entgegen allen Anzeichen lebensbejahende Antipodin. Könnte sie nicht auch die Außenseite von Justines innerer Befindlichkeit sein?

Schade um die Welt? Justines lakonische Antwort dürfte die von Lars von Trier sein: “Es wird sie niemand vermissen.“ Vielleicht so wie sie hier erscheint, als Werbeveranstaltung für minderwertige Produkte.



Melancholia nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Armin Smailovic

Petra Herrmann - 28. Juli 2019
ID 11591
MELANCHOLIA (Kammer 1, 26.07.2019)
Live-Musik: Christian Naujoks
Inszenierung: Felix Rothenhäusler
Bühne: Katharina Pia Schütz
Kostüme: Elke von Sivers
Licht: Stephan Mariani
Dramaturgie: Tarun Kade
Mit: Majd Feddah, Thomas Hauser, Gro Swantje Kohlhof, Eva Löbau und Julia Riedler
Premiere an den Münchner Kammerspielen. 15. Juni 2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.muenchner-kammerspiele.de


Post an Petra Herrmann

petra-herrmann-kunst.de

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