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The name

is the game



Sophie Rogall in Schwester von am Metropoltheater München | Foto (C) Jean-Marc Turmes

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Ihr Name steht nicht mal im Titel. Dabei ist sie die Hauptfigur. Und die einzig Überlebende eines von den Göttern gestraften Herrschergeschlechtes. Ismene, die kleine Schwester von Antigone, Polyneikes, Eteokles, Halbschwester und Tochter von Ödipus. Ein magerer Lexikoneintrag - das ist alles, was von ihr geblieben ist. Ihre Bestimmung - Bedeutungslosigkeit. Und doch: an diesem Abend meldet sie sich nach 3.000 Jahren eindrucksvoll zu Wort. Denn Ismene, ausgerechnet sie, die Frau ohne Eigenschaften, erzählt ihre Geschichte.

Kann man aus einem großen Geschlecht entstammen und doch ein freies, eigenes Leben führen? Wohl kaum. Kommt weniger darauf an, was man selbst draus zu machen versteht, als was die anderen in einem sehen, wie sie dieses Leben beeinflussen. Das zeigen Serien wie The Crown, das lesen wir täglich in der Boulevard-Presse über die Windsors. Das beweist sogar der wahnsinnige Mord an dem Sohn Richard von Weizsäckers. Ein Name als Fluch.

Das mythische Paradigma: Ismene. Sie wird in Haftung genommen für die Taten ihrer Verwandten und Vorfahren. Und nun, im kleinen eleganten Schwarzen (Kostüm: Cornelia Petz) für einen Abend zurückgekehrt aus dem Totenreich, hält sie Rückschau. „Lange hab ich nicht geredet, ich bin eine einfache Seele, auch als ich noch lebte.“ Jetzt muss alles raus: die ganze Familientragödie, die keinen Platz für sie hatte, ihr Schattendasein als kleine Schwester. Diese Familie – ein Haufen Verrückter! War sie, Ismene, nicht die einzig „Normale“? Sie, die sich bloß ein kleines, gewöhnliches Glück wünscht – Mittwoch Putztag? Nein, muss sie zugeben: auch sie selbst wäre gerne eine Heldin gewesen, so wie ihre Schwester Antigone, die sich dem Verbot, ihren Bruder zu bestatten, widersetzt und deshalb vom eigenen Onkel zum Tode verurteilt wird.

Doch Ismene hat eben nicht gehandelt. Sie hätte Partei ergreifen können für ihren geliebten Bruder Polyneikes, der im Streit um die Krone seine Vaterstadt angreift. Aber sie hat sich fürs Schweigen entschieden. Zu feige fürs Sterben, sagt man. Sie hätte ihrer Schwester Antigone folgen können, aber die war ihr schon das ganze Leben vorangegangen. Sie hätte ihren Onkel strafen können, aber sie hat sich mit ihm versöhnt. Denn am Ende war er der einzige, den sie noch hatte. Man kann auf vieles ein Recht haben, nicht nur auf die Königskrone, meint sie, aber wenn man es nicht bekommt, hat man das zu akzeptieren. Wie prinzipienlos, bekommt sie zu hören. Also hadert sie mit ihrem Opportunismus, so berechtigt und überlebenswichtig er auch war. Was blieb für ihr Leben? Hobbies statt Grundsätze, Kissen besticken statt den Heldentod sterben. Und weil Ismene sich nie für jemanden entschieden hat, entscheidet sich auch niemand für sie. Kein Mann. Kein Schicksal. Keine Zukunft. Nur eine erdrückende Vergangenheit. Und die Angst - vor den Hunden. Ismene hat immerhin die Kraft, das auszuhalten. Und so leuchtet ihr am Ende ein pulsierendes Rot: die Erlösung?

„Sie lassen die Hunde los!... Die Hunde.“ Das ist der erste und letzte Satz dieses fulminanten, berührenden und hochemotionalen Monologs. Dabei muss Sophie Rogall auf jeglichen „Spielraum“ verzichten. Eine ganze Stunde lang verharrt die zierliche junge Frau nämlich an Ort und Stelle auf der kleinen schwarzen Bühne des Cafes im Metropol-Theater. Sie hat nur die Schwingungen ihres Körpers, die Gestik ihrer Arme und Hände, ihre Stimme und ihre Mimik zur Verfügung. Doch welche Spannung sie damit erzeugt, wie sie Wut und Verzweiflung, Sehnsucht und Sarkasmus bravourös artikuliert und lebt, das ist einfach umwerfend und großartig inszeniert (Domagoj Maslov). Was für ein Auftritt einer zu kurz Gekommenen! Was für ein grandioser Text für eine bislang Sprachlose (Lot Vekemans)!

Da braucht es dann nur noch enfaches Bühnenbild - eine Art Paravent, behängt mit ein paar schwarzen Kleidungsstücken. Zeitlos, klassisch, magisch – so wie die Grundfragen der Menschheit.

Und den eindrucksvollen Rahmen der stimmungsvollen, geradezu kosmischen Musik von Benedikt Zimmermann, aufgezeichnet von ihm selbst, Lokas Roth und wundervoll gesungen von Katja Schild.

Das Metropol wieder mal at its best. Hingehen und anschauen!



Sophie Rogall in Schwester von am Metropoltheater München | Foto (C) Jean-Marc Turmes

Petra Herrmann - 26. November 2019
ID 11847
SCHWESTER VON (Metropoltheater München, 25.11.2019)
Deutsch von Eva M. Pieper

Regie: Domagoj Maslov
Kostüme: Cornelia Petz
Licht: Philipp Kolb
Komposition: Benedikt Zimmermann
Studiomusiker: Lukas Roth, Katja Schild und Benedikt Zimmermann Dramaturgie: Katharina Schöfl
Bühnenbau: Alexander Ketterer und Philipp Kolb
Mit: Sophie Rogall
Premiere war am 20. November 2019.
DSE am Stadttheater Konstanz: 22. Oktober 2010
Weitere Termine: 03., 04., 09., 10., 13.12.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.metropoltheater.com/


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