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Freie Szene

Heiligenparabel

als Open Air



(C) Pablo Auladell Pérez

Bewertung:    



Heiligenlegenden gibt es viele. Sie bilden ein eigenes Genre in der Weltliteratur. Die Figur des heiligen Trinkers nimmt darin eine Sonderstellung ein. Besonders im Osten Europas ist sie weit verbreitet. Zwischen Satire und Ernst, oftmals auch als Farce, zeigt sie den Menschen als schwach, verführbar und anfällig für Heilsversprechungen jeder Art. Sehr gut lassen sich anhand von Heiligen und insbesondere Trinkern auch gesellschaftliche Verhältnisse widerspiegeln. Man denke nur an Wenedikt Jerofejews Roman Reise nach Petuschki oder an Iwan Wyrypajews Theaterstück Juli.

Ein ganz anderes literarisches Kaliber war der aus Galizien stammende Schriftsteller Joseph Roth. Auch er hat sich an biblischen und Heiligen-Geschichten versucht. Bekannt ist vor allem sein Roman Hiob. Trotz seines Bekenntnisses zum Katholizismus war er als Jude nach der Machtergreifung Hitlers und dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Bereis 1933 ging Roth nach Paris ins Exil. Selbst schwerer Alkoholiker schrieb er 1938 die Erzählung Die Legende vom Heiligen Trinker. Nach eigenen Angaben sein Testament. Ein Jahr später starb er infolge einer Lungenentzündung und kaltem Alkoholentzug in einem Pariser Armenspital. Der Heilige Trinker, ein ehemals polnischer Wanderarbeiter in Paris, hat also neben religiösem auch autobiografischen Bezug und behandelt die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat.

*

Andreas Kartak, Pariser Clochard und Trinker, erhält von einem fremden vornehmen Herrn zweihundert Francs und soll die Schulden, wenn es ihm besser geht, der heiligen Therese von Lisieux zurück erstatten. Andreas Weg ist mit Wundern und guten Vorsätzen gepflastert. Er lässt es sich gut gehen, vertrinkt das Geld, das auf wundersame Weise wie das Glück aber immer wieder zu ihm zurückkehrt. Nur mit dem erlösenden Gang zur Pfarrkirche Ste-Marie des Batignolles tut sich Andreas schwer. Immer wieder kommen ihm alte Bekannte und das ein oder andere Glas Pernod dazwischen.

Letztendlich behandelt Die Legende vom Heiligen Trinker ähnlich wie auch Roths Erzählung Der Leviathan ein moralisches Problem, das in der Bühnenadaption des TON UND KIRSCHEN WANDERTHEATERs aber nicht moralinsauer daherkommt, sondern wie immer mit viel Sinn für Humor ganz wundersam behandelt wird. Rob Wyn Jones gibt seinen Andreas als einsamen Melancholiker, dessen Stolz aber noch nicht ganz gebrochen ist. Mit den 200 Franc des Fremden (David Johnston) lebt der trinkende Clochard wieder auf, seine Vergangenheit zieht mit alten und neuen Bekannten nochmal an ihm vorbei. Wie gewonnen, so zerronnen, so könnte man sein bisheriges Leben auch definieren. Doch die Wunder verfolgen ihn ebenso wie die immer wiederkehrende Ernüchterung.

Wie gemacht scheint diese Story, die nicht nur eine Parabel ums liebe Geld ist, für das internationale breit aufgestellte Ton-und-Kirschen-Ensemble. Mit viel Spielfreude geht die Truppe an die theatrale Umsetzung der Geschichte eines heimatlos in Paris umherirrenden Arbeitsmigranten, deren erzählende Passagen von den Ensemblemitgliedern wechseln gesprochen werden. Die Spielszenen sind gespickt mit Slapstickeinlagen. So kämpft Nelson Leon mal als dicker Herr mit einem Stehlampenschirm oder dribbelt als berühmter Fußballspieler Kanjak ohne Ball. Schnelle Kostümwechsel, zirzensische Darbietungen wie ein Umzug als Pferdedressur, live gespielte Musik und Tanz gehören ebenso zum gängigen Repertoire der Truppe wie das Puppenspiel von Daisy Watkiss, die mit Nelson Leon die Andreas im Traum erscheinende Therese führt, die dem Sünder und Heiligen die Füße wäscht.

Margarete Biereye und Zina Méziat verkörpern die alten und neuen Frauen auf Andreas‘ Weg hin zur Erlösung. Paris ist Frisiersalon, lebendiges Bistro, schillerndes Sündenbabel, Kirche, Pennerquartier oder Nobelherberge. Die Kulisse dafür bildet ein dreiteiliges Gittertor, das sich um die Mittelachse drehend und mit wechselnden Tüchern bespannt in die verschiedenen Spielorte verwandelt. Bis die Glocken läuten und Andreas seinen ganz speziellen Heimweg zu Gott findet.



Die Legende vom Heiligen Trinker im T-Werk Potsdam | Foto (C) Ton und Kirschen

Stefan Bock - 11. August 2020
ID 12391
Die Legende vom Heiligen Trinker (Schirrhof im T-Werk Potsdam, 07.08.2020)
Inszenierung: Margarete Biereye und David Johnston
Bühne und Licht: Daisy Watkiss
Konstruktionen: Regis Gergouin, Nelson Leon und Daisy Watkiss
Mit: Margarete Biereye, Francesco Bifano, Regis Gergouin, David Johnston, Rob Wyn Jones, Nelson Leon, Zina Méziat und Daisy Watkiss
Premiere war am 7. August 2020.
Weitere Termine: 26.-29.08.2020 in der ufaFabrik, Berlin
Eine Produktion des Ton und Kirschen Wandertheaters


Weitere Infos siehe auch: http://tonundkirschen.de/page/


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