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Premiere

Oliver Bukowskis Shakespeare-Schwank über Ost-Verlierer mit dem Globe-Ensemble als Open-Air-Theater in Berlin-Charlottenburg



Bewertung:    



Ein Globe Theatre wie zu Shakespeares Zeiten in London soll bis zum nächsten Jahr in Berlin am Charlottenburger Spreeufer entstehen. 600 Zuschauern soll es Platz bieten und auch ein schließbares Dach haben. Nach Berlin gebracht hat es der Theatermacher Christian Leonard, der den Holzbau den Freilichtspielen Schwäbisch Hall abgekauft hat. In einer sogenannten Prolog-Saison spielt das Berliner Globe-Ensemble aber noch auf einer kleineren Open-Air-Bühne am Österreichpark zwischen Mierendorf- und Richard-Wagner-Platz. Auf dem Programm stehen Shakespeares Klassiker Romeo und Julia, ein Brecht-Liederabend mit dem Titel Über die Verführung von Engeln und seit Mittwoch auch das Stück Nach dem Kuss von Dramatiker Oliver Bukowski. Passend zu den großen Plänen und zum Medium Theater heißt das Motto der ersten Saison „Utopie und Illusion“.

*

Um fehlgeschlagene Utopien und große Illusionen geht es auch meist bei Oliver Bukowski, der bekannt für seine derben und im gewendeten Osten Deutschlands spielenden Mundartstücke ist. Mit Gäste gewann der gebürtige Cottbuser 1999 den Mülheimer Dramatikerpreis. Auch im 2006 vom Berliner Theater 89 in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen uraufgeführten Stück Nach dem Kuss spielt eine Kneipe eine tragende Rolle. Hier bei Wirt Hajo Majo (Andreas Uehlein) treffen sich Verlierertypen, Alkoholiker und hoffnungslos romantische Nostalgiker zum Kampf um das letzte bisschen Würde. Eine „sozial bedürftige Randgruppe“ als kläglich musizierende Blaskapelle des Untergangs. Dazu gehören Siemens-Malocher Röpenack (Uwe Neumann), seine Frau Heike (Anja Lechle), genannt Kuhchen, Gastwirtstochter Reni (Johanna Paliege) und die ledigen Saufkumpane Dieter (Mick Morris Mehnert), Andy (Sebastian von Malfèr) und Robbi (Ted Siegert).

Die Liebe und der Suff sind die Triebkräfte dieser, von Bukowski selbst Shakespeare-Schwank genannten tragikomischen Farce. Ein paar Motive hat sich der Autor auch aus Romeo und Julia oder dem Sommernachtstraum geborgt. Suffkopp Robbi bekommt zum 30. Geburtstag eine russische Tänzerin zum Geschenk. Eine Traumfrau, wie er geradeso aus glasigen Augen erkennt. Der eine Blick reicht, um sich unsterblich in Juliane, genannt Jule (Magdalena Thalmann) zu verlieben. Nur ist die stolze Russin nicht einfach zu erobern, schon gar nicht für Loser Robbi. Das wäre schon mal die halbe Miete für ein luftig-leichtes Sommertheaterstück, wenn Autor Bukowski mit seiner explizit derben Kunstsprache, die hier sehr an den österreichischen Dramatiker Werner Schab erinnert, nicht immer dazwischen funken würde. Das Berliner Publikum nimmt‘s mit Humor, wenn Röpenack seine schlüpfrigen Sprüche und Witzchen macht und Wirt Majo über die miese Hoffnung philosophiert.

Etwas wert sein, davon träumt auch die romantische Kuh Heike, die ihren Röpenack erst verlässt und am Ende wieder in die Arme schließt. Der sammelt beim Publikum Sympathiepunkte für seine Wutrede an den Chef, der ihn wegen seiner Trinkerei entlassen hat. Trinken ist hier Klischee (Russen und Wodka) oder Lebensaufgabe wie beim WG-Team Robbi und Dieter. Für eine Frau wie Jule würden sie den Suff schon aufgeben. Aber mit den guten Vorsätzen ist es so eine Sache. Gespielt wird auf einem Holzpodest mit Tisch und Stühlen vor zwei aufgeschnittenen Containern mit Wohneinrichtung. Ein bisschen Bäumchen wechsle dich, ein paar Eifersuchtsszenen von Reni, die unerhört in Robby verliebt ist, und wiederum still von Andy verehrt wird, so plänkelt die Inszenierung von Anselm Lipgens, der Bukowskis Ost-Blase nach West-Berlin verlegt hat, vor der Pause dahin.

Erst im zweiten Teil bekommt die Sache mehr Drive und Witz, wenn sich Robby und Jule ungeschickt näher kommen und auch mal so schöne Sätze wie „Dein ganzes Leben will in meinen Schoß.“ fallen. Da wechselt der derbe Bukowski-Ton kurzzeitig zu Shakespeare‘schen Jamben, bevor es wieder abwärts geht. Nach dem Kuss wird ja sonst meist abgeblendet. Hier geht es weiter vom verfrühten Happy End, Lieben und Entlieben, eine kaputte Kalaschnikow bis zum Wiedersehen auf dem Friedhof. Romantische Liebe ist eben nicht nur Hoffnung, sondern macht auch viele Probleme, vor allem wenn es ernst wird. Viel mehr geht nicht an einem Abend. Man muss es nur aushalten können.



Nach dem Kuss von Oliver Bukowski im Globe Berlin | (C) Nanona Photography

Stefan Bock - 26. Juli 2019
ID 11588
NACH DEM KUSS (Open Air am Österreichpark, 24.07.2019)
Regie: Anselm Lipgens
Bühnenbild & Kostüm: Thomas Lorenz-Herting
Musik: Bernd Medek
Besetzung:
Hajo Majo ... Andreas Uehlein
Heike ... Anja Lechle
Reni / Alexa ... Johanna Paliege
Juliane (Jule) ... Magdalena Thalmann
Dieter ... Mick Morris Mehnert
Andy ... Sebastian von Malfèr
Robbi ... Ted Siegert
Röpenack ... Uwe Neumann
Uraufführung im theater 89: Mai 2006
Premiere am Globe Berlin: 24. Juli 2019.
Weitere Termine: 25.-27.07. / 07.-10.08. / 04.-07.09.2019

GLOBE BERLIN | PROLOG-BÜHNE
(Open Air am Österreichpark, Charlottenburg)
Sömmeringstr. 15
10589 Berlin


Weitere Infos siehe auch: https://www.globe.berlin/


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