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Doch nur ein

„Fräuleinwunder“?



Keine poeta doctus, eher leidenschaftlich, jung, bedürftig und naiv-liebeshungrig: Anna Döing als Bachmann im gleichnamigen Stück am FWT Köln | Foto © Dieter Jacobi

Bewertung:    



Ein Drama über das Leben einer so vielseitigen Künstlerin kann eigentlich nur ein unzureichendes Bild vermitteln. Das Trio mit Anna Döing, Achim Conrad und Thomas Hupfer wagt es trotzdem, sich in ihrer 70minütigen Produktion Bachmann der vielleicht bedeutendsten deutschsprachigen Autorin des 20. Jahrhunderts anzunähern. Ingeborg Bachmann (1926-1973) war eine schillernde Persönlichkeit und eine ungemein produktive und wegweisende Autorin. Leider interessiert sich das moving theatre weniger für das Werk der Bachmann und mehr für ihre Person. Insbesondere ihr Erfolg in einem männlich dominierten deutschsprachigen Literaturbetrieb nach 1945 wird thematisiert. Klischees werden oberflächlich bedient, wenn Bachmanns Hilflosigkeit bei Lesungen ausgestellt wird. In kurzen Szenen setzen sich Achim Conrad und Thomas Hupfer als Bewunderer, Liebhaber oder Kritiker der Bachmann in Szene. Sie unterhalten sich über die vorhandene oder nicht vorhandene Schönheit der Bachmann und darüber, wie diese ihr den Karriereweg geebnet haben könnte, oder eben nicht.

Bachmanns Tod durch einen Brandunfall wird glücklicherweise nur im Voraus als Möglichkeit angedeutet. So raucht Anna Döing als Bachmann auf der Bühne Kette. Döing mimt eine belesene junge Frau, die sich für das gesprochene Wort begeistert. Eine ebenerdige, dunkel gehaltene und bestuhlte Bühne stellt den Kärntner Grenzraum im Dreiländereck Österreich-Italien-Slowenien dar, wo Bachmann aufwuchs. Hier freundet sie sich 1945 als Achtzehnjährige mit dem britischen, jüdischen Besatzungsoffizier Jack Hamesh an. Diese Begegnung wird in der Inszenierung des moving theatre als Ausgangspunkt für zahlreiche schicksalhafte Männerbegegnungen der jungen Lyrikerin angedeutet.

Geprägt wurde Bachmanns Leben und Werk durch die NS-Katastrophe. Sie setzte neue Maßstäbe in der Lyrik, später mit ihren Erzählbänden Das dreißigste Jahr (1961), Simultan (1972) und mit ihrem Roman Malina (1971). Das moving theatre lässt Döing als Bachmann jedoch nur drei lyrische Werke rezitieren, darunter „Erklär mir, Liebe“ und „Ein Tag wird kommen“. Leider trifft Döings Rezitation nur selten den so charakteristischen, lakonischen Bachmann-Ton. Auch die Sprachskepsis, mit der Bachmann auf das Problem der Erzählbarkeit nach 1945 reagierte, wird in der Inszenierung ausgespart.

Bedauerlicherweise werden viele Stationen im Leben der Bachmann nicht szenisch berücksichtigt oder nur oberflächlich angedeutet. Bachmann promovierte vierundzwanzigjährig in Philosophie 1950 über Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein. Sie erhielt zu Lebzeiten renommierte Preise, etwa 1953 den Preis der Gruppe 47, einem bekannten deutschsprachigen Schriftstellertreffen. Sie war über einen kurzen Zeitraum als junge Frau mit dem österreichischen, jüdischen Schriftsteller Hans Weigel liiert, der die Anthologiereihe Stimmen der Gegenwart und auch einige ihrer frühen Schriften herausgab. Weitere Liebesbeziehungen der österreichischen Schriftstellerin sind heute legendär. So erhielten auch ihre, lange nach ihrem Tod veröffentlichten innigen Briefwechsel mit dem Schriftsteller Max Frisch, dem Lyriker Paul Celan [s. herzzeit am Staatstheater Cottbus] und dem Komponisten Hans Werner Henze große Beachtung seitens des Feuilletons. Es gibt Heiratsanträge und Abweisungen auf der Bühne zu bewundern. Die Einsamkeit der Schriftstellerin wird durch einen klaustrophobisch engen, abgeschlossenen Raum dargestellt, den die Figur der Bachmann nur widerwillig betritt.

Bachmann wehrte sich zeitlebens gegen Vereinnahmungen und Darstellungen ihrer Person etwa in Romanen und Erzählungen Max Frischs. Insbesondere in ihrem Spätwerk, dem Todesarten-Zyklus, verarbeitete sie gescheiterte Liebeserfahrungen und psychische Lebenskrisen künstlerisch. Auch nach ihrem Tod gilt die Darstellung der Autorin Bachmann, etwa in Werner Schroeters vielfach preisgekrönte Verfilmung ihres Romans Malina (1991), seitens der Literaturkritik mindestens als umstritten. So dürfte eine allzu flache theatrale Darstellung der Autorin auf Kritik stoßen.

Schräg wird es im moving theatre insbesondere, wenn die Person und der Mythos Bachmann mit Zuschreibungen ausgeschmückt werden, mit denen sie selbst die von ihr bewunderte Opernsängerin Maria Callas in Porträts beschrieb. Stärken der Vorführung sind hingegen choreografische Einsprengsel, wenn Döing mit ihren männlichen Co-Stars tanzt oder auf ein improvisiertes Podest gehoben wird. Gegen Ende tragen dann auch die männlichen Darsteller High Heels und sind grell geschminkt. Doch Bachmann-Darstellerin Döing treibt ihre Co-Stars mit einer klingenden Schelle zum Faustkampf an. Warum das so ist, erschließt sich nicht. Sind vormalige Weiblichkeitsvorstellungen heute überkommen? Was hat sich seit der Zeit Bachmanns geändert? Antworten gibt die Produktion keine. Wird ein Tag kommen, an dem offene Fragen geklärt werden? Oder vertragen sich Theaterdarstellungen mit dem hohen Ton der Bachmann und ihrer Suche nach einer neuen Sprache einfach nicht? Heute zumindest blieb die Deutung der Bachmann in dieser Produktion doch eher auf dem wenig befriedenden Niveau einer Betroffenenliteratur.



Thomas Hupfer, Anna Döing und Achim Conrad in Bachmann am Freien Werkstatt Theater Köln | Foto © Dieter Jacobi

Ansgar Skoda - 13. Juni 2021
ID 12971
BACHMANN (Freies Werkstatt Theater, 10.06.2021)
Inszenierung: Achim Conrad und Thomas Hupfer
Ausstattung: Heike Engelbert
Mit: Achim Conrad, Anna Döing und Thomas Hupfer
Premiere war am 10. Juni 2021.
Koproduktion mit movingtheatre.de, Kreuzgangspiele Feuchtwangen


https://www.fwt-koeln.de/

http://movingtheatre.de/


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