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Ballett

Tod auf

Spitzen


MAYERLING mit dem
Stuttgarter Ballett


Anna Osadcenko und David Moore in Mayerling | © Stuttgarter Ballett

Bewertung:    



Es ist einer der bekanntesten Plots des Realkitschs: der Doppelselbstmord des Kronprinzen Rudolf von Habsburg und seiner Geliebten Mary Vetsera, in Mayerling, einem Dorf im südlichen Wienerwald, im Jahr 1889. Mehrfach in Film und Trivialliteratur verwurstet, wurde sie 1978 von dem schottischen, 1992 verstorbenen Choreographen Kenneth MacMillan zu einem Ballett verarbeitet. Jetzt hat in Stuttgart die deutsche Erstaufführung im Bühnenbild des 81jährigen Jürgen Rose, der dem Haus seit Jahrzehnten eng verbunden ist, stattgefunden. Seine vergrößerten schwarz-weißen Zeichnungen tragen viel zur Wirkung dieser aufwendigen Produktion bei.

Die Entscheidung für eine Neuproduktion verdankt sich wohl rein tänzerischen Erwägungen. Der Stoff ist noch weniger aktuell und relevant als ein Film über die Trapp-Familie, passt aber in die Verwandlung der Medienlandschaft in einen Sumpf von Prominentengeschwafel und Kniefall vor aristokratischen Personality-Storys. Treffend formuliert ist die Fabel in einer Moritat, die so endet:



"Sie trafen sich in Mayerling in Rudolfs Zimmer
Für beide war's die letzte traurig-schöne Nacht
Dann hat er sie zuerst, bei Kerzenschimmer
Und dann sich, mit der Pistol', umgebracht

Da nun der Kaiser hat die schlimme Tat erfahren
Ging weinend er, der nie sonst weint, zur Kaiserin
Und als man dann den Kronprinz wollt' aufbahren
Da sank Franz Joseph vor dem Sarge hin

Der sollte einst den Thron der Monarchie besteigen
Und weitertragen sollte Habsburgs Kron' und Macht
Tot tat man in der Hofburg-Kirch' ihn zeigen
Die er geliebt, begrub man still bei Nacht

Wie eine Rose sprosste sie und war so jung gebrochen
Auf ihrem Grabstein stehen diese Worte da
Du weißt nicht, welches Urteil Gott gesprochen
Brich drum auch du den Stab nicht über Mary Vetsera!"



Mayerling beginnt und endet mit einer Szene, die, optisch, zugleich der Höhepunkt des mehr als dreistündigen Abends ist. Im Regen findet ein Begräbnis statt. Links wartet im Dämmerlicht eine Kutsche. Das Bild erinnert an die Filme von Max Ophüls. Noch ehe getanzt wird, fasziniert ein Bühnenarrangement und bereitet den Ausgang vor.

Der Doppeladler, die Husaren, der Walzer – alles, was zur Folklore der österreichisch-ungarischen Monarchie gehört, wird in diesem Ballett aufgeboten, mit einem Personenreichtum, der zunehmend unüberschaubar wird. Die Identitäten freilich sind nur begrenzt von Bedeutung, wo es eher auf Sprünge, Hebungen und Arrangements im Raum ankommt. Die Story liefert mit ihren Partnerwechseln jede Menge Anlass für Pas de deux, und die Choreographie macht davon auf fast konventionelle Weise Gebrauch.

Für Erheiterung sorgt mit seinen Sprüngen und grotesken Figuren „Rudolfs Leibfiaker“ Bratfisch. Als Zuckerl für das treue Stuttgarter Publikum dürfen die Starveteranen Egon Madsen als Kaiser Franz Joseph und Marcia Haydée als dessen Mutter, sowie die mittlerweile 91jährige legendäre Ex-Ballettmeisterin Georgette Tsinguirides als wenig profilierte Hofdame – allesamt Weggefährten des heiligen John Cranko – über die Bühne laufen.

Im dritten und letzten Akt verfällt Kronprinz Rudolf in Depression und tanzt in einer eindrucksvollen Choreographie zur hier besonders geeigneten Musik von Franz Liszt seine Verzweiflung. Der Mord an Mary Vetsera und der Selbstmord finden hinter einem Paravent, vor einer strahlend weiß erleuchteten Rückwand – dem säkularen Ausdruck einer Apotheose – statt.

Das Stuttgarter Ballett hat für die wechselnden Besetzungen seine erfolgreichsten Solisten aufgeboten, unter ihnen Friedemann Vogel, David Moore und Jason Reilly in der Rolle des Kronprinzen Rudolf, Elisa Badenes, Anna Osadcenko und Alicia Amatriain als Baronesse Mary Vetsera. Die Rechnung geht auf. Die Vorstellungen dieser Saison waren schon vor der Premiere fast ausverkauft. Sie wären es wohl auch, wenn die Genannten Che Guevara und Marilyn Monroe tanzten. Im Herbst darf Kronprinz Rudolf auferstehen. Mayerling wird wieder aufgenommen.




David Moore und Anna Osadcenko in Mayerling | © Stuttgarter Ballett

Thomas Rothschild – 29. Mai 2019
ID 11447
MAYERLING (Opernhaus Stuttgart, 28.05.2019)
Choreographie: Kenneth MacMillan
Bühnenbild, Kostüme und Lichtkonzept: Jürgen Rose und Reinhard Traub
Besetzung:
Kronprinz Rudolf ... David Moore
Baronesse Mary Vetsera ... Anna Osadcenko
Kronprinzessin Stephanie ... Jessica Fyfe
Kaiserin Elisabeth ... Daiana Ruiz
Marie Gräfin Larisch ... Hyo-Jung Kang
Mizzi Caspar ... Angelina Zuccarini
Stuttgarter Ballett
Staatsorchester Stuttgart
Dirigent: Wolfgang Heinz
Uraufführung am Royal Ballet London: 4. Februar 1978
Premiere am Stuttgarter Ballett (Neuproduktion): 18. Mai 2019
Weitere Termine: 08., 09.06. / 28.07.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.stuttgarter-ballett.de


Post an Dr. Thomas Rothschild

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